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bittner

Klaus Böldl: Der Atem der Vögel
5plus magazin17 Rezensionen 2
S. Fischer, 139 Seiten, € [D] 18,– | € [A] 18,50

Stille. Farben der Landschaft. Regenbogen. Moosflecken auf der Terrasse. Wie Klaus Böldl dies alles beschreibt, ist beeindruckend. Wenn ein Ast bricht und wie ein Peitschenknall klingt. Wie sich das Graugelb des Winters in wenigen Tagen in ein leuchtendes Smaragdgrün verwandelt. »Ein Grün, das demjenigen, der zum ersten Mal hier ist, noch nachts vor dem Einschlafen auf der Netzhaut flimmert.« Wie die Moosflecken die Karte eines fernen Archipels darstellen. »Worüber denken Vögel nach […]? […] Er mag es vielleicht, da zu sein.« Seit zwei Jahren lebt Philipp auf den Färöer Inseln. Er ist Mitte dreißig. Ein Einzelgänger. Er lebt mit der Krankenhausärztin Johanna und deren Tochter Rannvá zusammen. Die Beziehung zu Johanna ist angespannt, die zu Rannvá liebevoll. Sie ist ein phantasievolles, sensibles, neugieriges Kind. Ihr erklärt er die geheimnisvollen Phänomene des Windes, der Natur, der Vögel, des Regenbogens. Als Mutter und Tochter nach Dänemark zu ihrer Familie fliegen, bleibt Philipp allein zurück. »Meine Gewohnheiten sind ganz vom Alleinsein bestimmt, nicht von den Menschen.« Er beginnt eine Wanderung über die Inseln, die ihn immer tiefer in die Natur führt. Er beobachtet, erinnert sich, dadurch angeregt, an seine Kindheit. An seinen Freund Simon, der eines Tages – sie waren fünfzehn Jahre alt – verschwunden bleibt und an den er nun immer häufiger denken muss, so als könnte er noch auf der Welt sein, womöglich ganz in seiner Nähe. »Die Grashalme stehen friedlich, dicht und unbeirrbar zusammen, und manchmal blinkt ein darüber hinwegschwebendes Insekt […]« So schwebt das Buch wie ein ganz leichter Traum, umhüllt uns Leser und lässt uns verzaubert zurück.

josé eduardo agualusa: eine allgemeine theorie des vergessens
5plus magazin17 Rezensionen 3
Aus dem Portugiesischen von Michael Kegler C.H. Beck, 197 Seiten, € [D] 20,– | € [A] 20,60

Es ist eine phantastische und doch ganz und gar wahre Geschichte: Am Vorabend der angolanischen Revolution mauert sich Ludovica, nachdem sie einen Einbrecher in Notwehr erschossen und auf der Dachterrasse begraben hat, für dreißig Jahre in ihrer Wohnung in einem Hochhaus in Luanda ein. Sie lebt von Gemüse, gefangenen Tauben und von einer Hühnerzucht, die sie auf der Dachterrasse wie durch Zauber beginnt, und bekritzelt die Wände in ihrer ausgedehnten Wohnung mit Tagebuchnotaten und Gedichten. Allmählich setzt sich aus Stimmen, Radioschnipseln und flüchtigen Eindrücken zusammen, was im Land geschieht. In den Jahrzehnten, die Ludovica verborgen verbringt, kreuzen sich die Wege von Opfern und Tätern, den Beteiligten an der Revolution, ihren Profiteuren und Feinden. Bis sie alle eines Tages erneut vor der Mauer in dem wieder glanzvollen Apartmenthaus stehen. José Eduardo Agualusa hat mit seinem wunderbaren, dicht und spannend gewobenen Roman, der das Phantastische der Wirklichkeit und eine Art höhere Gerechtigkeit beschwört, unvergessliche Szenen geschaffen, tragisch, komisch, grotesk. Dieser Roman feiert die Kunst des Erzählens selbst.

paolo cognetti: acht berge
5plus magazin17 Rezensionen 4
Aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt DVA, 256 Seiten, € [D] 20,– | € [A] 20,60

Wagemutig erkunden Pietro und Bruno als Kinder die verlassenen Häuser des Bergdorfs, streifen an endlosen Sommertagen durch schattige Täler, folgen dem Wildbach bis zu seiner Quelle. Als Männer schlagen die Freunde verschiedene Wege ein. Der eine wird sein Heimatdorf nie verlassen, der andere zieht als Dokumentarfilmer in die Welt hinaus. Doch immer wieder kehrt Pietro in die Berge zurück, zu diesem Dasein in Stille, Ausdauer und Maßhalten. Er ringt mit Bruno um die Frage, welcher Weg der richtige ist. Stadt oder Land? Gehen oder Bleiben? Was zählt wirklich im Leben? Vor der Ehrfurcht gebietenden Kulisse des Monte-Rosa-Massivs schildert Paolo Cognetti mit poetischer Kraft die lebenslange Suche zweier Freunde nach dem Glück. Eine eindringliche, archaische Geschichte über die Unbezwingbarkeit der Natur und des Schicksals, über das Leben, die Liebe und den Tod.

mirko bonné: die widerspenstigkeit
5plus magazin17 Rezensionen 5
Mit zahlreichen farbigen Vignetten von David Böhm und Fotos von Katrin Hupe Karl Rauch, 128 Seiten, € [D] 18,– | € [A] 18,50

Ein im Heute angesiedeltes Märchen, das in einer halb realen und halb fiktiven Gegend der Nordsahara spielt. Dort sucht der vom Leben gebeutelte Erzähler nach dem Flugzeug, mit dem Antoine de Saint-Exupéry am Silvestertag 1935 notlanden musste. Die vier Tage, die der Schriftsteller und Flieger gemeinsam mit seinem Mechaniker André Prévot fast ohne Wasser und Nahrung in den Dünenweiten zubrachte, ehe Beduinen die beiden zufällig entdeckten, führten sieben Jahre später zur Niederschrift von Le Petit Prince. Der Erzähler sucht nach dem, was noch heute wahrhaft ist und wirklich erscheint an Saint-Exupérys kleinem Prinzen – und stellt verblüfft fest, dass er auf dieser Suche nicht allein ist. Ein kleiner Wüstenfuchs beobachtet und begleitet ihn und lässt sich schließlich auf ganz eigene Weise mit ihm auf Gespräche über das Leben ein, über Liebe, Zähmung und Widerspenstigkeit.

sinclair lewis: babbitt
5plus magazin17 Rezensionen 6
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Robben Manesse, 784 Seiten, € [D] ca. 28,– | € [A] ca. 28,80

Sinclair Lewis ist der Chronist der US-amerikanischen Mittelschicht. Den Zwang zu Konsum und Konformismus, die Pervertierung des Amerikanischen Traums hat niemand so prägnant und dabei so amüsant beschrieben wie der Nobelpreisträger. Sein berühmter Roman Babbitt ergründet die Seele eines Mannes, dessen kapitalistische Überzeugungen Risse bekommen. In seinem ereignislosen, durchschnittlichen Kleinstadtleben hat der Immobilienmakler George F. Babbitt sich recht bequem eingerichtet. Seine drei Kinder sind wohlgeraten, wenn sie auch meist nicht auf ihn hören; mit seiner Frau verbinden ihn lieb gewonnene Gewohnheiten. Sein ganzes Streben ist auf gesellschaftliche Anerkennung und wirtschaftlichen Aufstieg gerichtet. Bis ihm eines Tages bewusst wird, dass er all dies so nie gewollt hat, und einen Ausbruchsversuch wagt. Mit feinem Spott, ironischem Witz und stets voller Sympathie für den charakterschwachen Protagonisten erzählt der Roman, wie Babbitt sein rebellisches Selbst wiederentdeckt.

patrick deville: viva
5plus magazin17 Rezensionen 7
Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller bilgerverlag, 260 Seiten, € [D] 24,90 | € [A] 25,90

30 Kapitel voller übersprudelnder Anekdoten: Trotzki, Malcolm Lowry, Frida Kahlo, Diego Rivera, Tina Modotti, B. Traven, André Breton, Antonin Artaud und noch viele mehr treffen sich in Mexiko. Wir schreiben die 1930er Jahre. Der mexikanische Staatspräsident Lázaro Cárdenas del Río hat auf Vermittlung Diego Riveras dem aus Europa geflohenen, von den Stalinisten verfolgten Leo Trotzki Asyl gewährt. Die sowjetische Staatsbürgerschaft ist ihm aberkannt worden, dem Helden von Kasan, dessen Sieg über die Tschechoslowakische Legion einer der wichtigen Meilensteine für den Sieg der Bolschewiki gewesen war. Frankreich, Spanien, auch Norwegen haben ihn aus Europa ausgewiesen. Trotzki ist heimatlos, desillusioniert. Er weiß, dass sein Name aus den Geschichtsbüchern entfernt, dass sein Bild aus den Fotografien herausretuschiert wurde. Er lässt sich in Coyoacán nieder und erinnert sich: schreibt diverse Bücher, ordnet seine Texte und gründet die Vierte Internationale. Nach einem erfolglosen Attentat im Mai 1940, offensichtlich von dem berühmten mexikanischen Maler David Alfaro Siqueiros, einem überzeugten Stalinisten, initiiert, erschlägt ihn am 20. August 1940 der Sowjetagent Ramón Mercader mit einem Eispickel. Der zweite Hauptakteur ist Malcom Lowry, ein britischer Schriftsteller, der 1936 nach Mexiko reist, sich erst in Acapulco und dann in Guernavaca niederlässt, nicht weit entfernt von Trotzki. Hier entsteht die erste Fassung seines Romans Unter dem Vulkan, sein Hauptwerk, das ihn Jahre später, nach Beendigung der vierten Fassung, weltberühmt werden lässt. Zahlreiche Affären, exzessiver Alkoholgenuss, die Passion seines Lebens, treiben ihn immer wieder an den Rand des Wahnsinns. Schließlich stirbt er 1957 in England an den Folgen einer Überdosis Schlaftabletten. Patrick Deville gelingt es – wie auch schon in seinen vorherigen Romanen –, Personen in ihrer Besessenheit, ihre Schicksale und historische Fakten miteinander zu verknüpfen und meisterhaft in Szene zu setzen. Das ist spannend, enorm lehrreich und mit großem Vergnügen zu lesen.

lucia berlin: was wirst du tun, wenn du gehst
5plus magazin17 Rezensionen 8
von Antje Rávic Strubel Arche, 176 Seiten, € [D] 19,– | € [A] 19,60

»Jemand stirbt oder eine Liebe geht zu Ende und nichts wird aufgelöst, man bleibt einfach damit zurück«, hat Lucia Berlin über Anton Tschechow und seine Kunst des Erzählens mit offenem Ausgang einmal gesagt. So wenig wie ihr Vorbild richtet Lucia Berlin über ihre Figuren, so nah wie er zoomt sie das Leben heran: eine erste Liebe, eine Amour fou, scheiternde Ehen, kurze Affären. Immer wieder die Familie, vor allem die sterbende Schwester, aber auch der Kampf mit dem Alkohol, die Einsamkeit, das schlechte Gewissen, vor allem den Söhnen gegenüber. Lucia Berlins unsentimentaler, zugleich von tiefen Gefühlen geprägter Blick auf die Wechselfälle des Lebens und der dunkle, pointierte Humor machen diese Erzählerin so einzigartig und zeitlos modern.

uwe timm: ikarien
5plus magazin17 Rezensionen 9
Kiepenheuer & Witsch, 512 Seiten, € [D] 24,– | € [A] 24,70

Deutschland Ende April 1945: Michael Hansen, 25, kehrt als amerikanischer Offizier in das Land seiner Geburt zurück und übernimmt einen Auftrag des Geheimdienstes. Er soll herausfinden, welche Rolle ein bedeutender Wissenschaftler im Nazireich gespielt hat. Während regional noch der Krieg tobt, bricht Hansen von Frankfurt nach Bayern auf und bezieht Quartier am Ammersee. In einem Münchner Antiquariat findet er einen frühen Weggefährten des Eugenikers Professor Ploetz, den Dissidenten Wagner. Von ihm lässt er sich die Geschichte einer Freundschaft erzählen, die Ende des 19. Jahrhunderts in Breslau begann und die beiden Studenten über Zürich bis nach Amerika führte – und mitten hinein in die Auseinandersetzung um die beste gesellschaftliche Ordnung: Hier ein Sozialismus nach Marx, dort das utopische Projekt der Gemeinde Ikarien, die vom französischen Revolutionär Étienne Cabet in Amerika gegründet wurde. Hansen kommt durch die Lebensbeichte Wagners dem faustischen Pakt auf die Spur, den der Rassenhygieniker Ploetz mit den Nazis einging, und dem ganz anderen Schicksal, das den Antiquar wegen seiner widerständigen Haltung ereilte. Seine Reise durch das materiell und moralisch zerstörte Land lässt Hansen Zeuge eines Aufbruchs werden, der die deutsche Geschichte prägen sollte. Zugleich wird sie zu einer éducation sentimentale – auch in der Liebe werden ihm einige Lektionen erteilt. Eine gleichermaßen erschreckende wie berührende Geschichte von der Suche nach Alternativen zum Bestehenden und nach einem anderen Leben.

michael roes: zeithain
5plus magazin17 Rezensionen 10
Schöffling, 800 Seiten, € [D] 28,– | € [A] 28,80

Eines der erschütterndsten Dramen der deutschen Geschichte ereignete sich im 18. Jahrhundert in Zeithain. Es handelt von Friedrich dem Großen, der als junger Kronprinz unter dem Regime seines Vaters unvorstellbar leidet. In seiner Not wendet sich Fritz an seinen einzigen Freund, Hans Hermann von Katte. Er soll ihm helfen, ins Ausland zu fliehen, während sein Vater von der Militärparade in Zeithain abgelenkt ist. Katte, ein Offizier des Königs, gerät in einen tiefen Zwiespalt, doch er kann der Zuspitzung der Ereignisse nicht entrinnen. Als die Pläne auffliegen, ist es Katte, an dem ein Exempel statuiert wird, der Kronprinz muss bei seiner Hinrichtung zusehen. Wer war dieser Katte? Wie konnte er, der selbst mit einem strengen, distanzierten Vater aufwuchs, sich verhalten? Philip Stanhope, ein entfernter Nachfahre, sucht an den Orten von Kattes Leben nach Antworten. Er fühlt sich ein in die Welt des pietistischen Preußen und zeigt, wie stark die Gefühle und Werte der damaligen Zeit uns immer noch prägen. Michael Roes’ Roman ist eine gewaltige literarische Recherche und zugleich ein faszinierendes Abenteuer deutscher Geistesgeschichte.

ottessa moshfegh: eileen
5plus magazin17 Rezensionen 11
Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger Liebeskind, 336 Seiten, € [D] 22,– | € [A] 22,70

Eine Kleinstadt in Neuengland, Weihnachten 1964. Die 24-jährige Eileen Dunlop hasst sich und die Welt. Sie muss für ihren paranoiden, alkoholkranken Vater sorgen, einen ehemaligen Cop, mit dem zusammen sie in einem heruntergekommenen Haus lebt. Ihren mageren Lohn verdient sie sich als Sekretärin in einer Vollzugsanstalt für jugendliche Straftäter. Als die schöne Harvard- Absolventin Rebecca Saint John ihren Dienst als Erziehungsbeauftragte des Gefängnisses antritt, ist Eileen sofort Feuer und Flamme. Sie wünscht sich nichts sehnlicher, als zu sein wie diese selbstbewusste, unabhängige Frau. Doch die Freundschaft von Rebecca Saint John hat einen hohen Preis. Eileen wird in ein grauenhaftes Verbrechen hineingezogen. In ihrem preisgekrönten Roman beschreibt Ottessa Moshfegh das Schicksal einer jungen Frau, die ausbrechen will aus einer von dunklen Obsessionen und roher Gewalt geprägten Welt. Eigentlich kann man dieser Welt nicht entkommen. Es sei denn, man nimmt das Gesetz in die eigene Hand.

dombrowskys lieblinge

rindert kromhout: brüder für immer
5plus magazin17 Rezensionen 12
Aus dem Niederländischen von Birgit Erdmann mixtvision, 300 Seiten, € [D] 14,90 | € [A] 15,40 (ab 13 Jahren)

Die zwei Brüder Quentin und Julian verbringen eine traumhafte Jugend im ländlichen Sussex der zwanziger und dreißiger Jahre. Sie spielen Streiche, verstecken sich im Baumhaus vor ihrer kleinen Schwester und freunden sich mit dem Schwein des Nachbarsbauern an. Ihre Mutter ist Malerin, und im Haushalt leben noch weitere Künstler, sodass die zwei Jungs immer jemanden finden, der sich mit ihnen in ein neues Abenteuer stürzt. Laufend kommen weitere interessante Gäste vorbei, von denen sie viel lernen können. Jeder Bruder entwickelt sich so auf seine Art zu einem erwachsenen jungen Mann mit Selbstvertrauen und Urteilsvermögen. Doch am lustigsten ist es immer, wenn ihre Tante zu Besuch kommt, dann spielen sie alle zusammen Theater oder feiern ein rauschendes Fest. Aber kann das Familienleben tatsächlich immer so unbeschwert sein? Interessant ist dieses Jugendbuch auch für Erwachsene, denn es handelt sich bei den Brüdern um die Söhne von Vanessa Bell und somit um die Neffen von Virginia Woolf. Viele weitere Mitglieder der Bloomsbury Group haben in diesem Buch einen Auftritt, und man möchte sogleich dem Charleston Farmhouse einen Besuch abstatten, welches Schauplatz dieser durch und durch glaubwürdigen Geschichte ist. 
stern k Dana Hartmann

claire fuller: eine englische ehe
5plus magazin17 Rezensionen 13
Aus dem Englischen von Susanne Höbel Piper Verlag, 368 Seiten, € [D] 22,– | € [A] 22,70

Es ist fünf Uhr morgens, eine Frau schreibt einen Brief. Das Papier ist geduldig, sie vertraut ihm die Enttäuschung ihres Lebens an. Sie ist überfordert und einsam, ihre beiden Töchter vermissen ihren Vater ebenfalls, das Geld wird auch schon wieder knapp. Wollte sie nicht immer unabhängig sein und reisen? Sicher, sie hat einen begehrenswerten Mann geheiratet. Literaturprofessor, gut aussehend und charmant. Der allerdings nie da ist, wenn man ihn braucht. Das Häuschen an der südenglischen Küste bewohnen sie praktisch nur zu dritt. Es ist kaum Zeit, sich mal davonzustehlen. Nur beim Schwimmen im Meer spürt sie so etwas wie Freiheit. Was wäre, wenn … Während des Schreibens der unzähligen Briefe gelangt sie zur Selbsterkenntnis und trifft einer schwerwiegende Entscheidung. Ihr Mann könnte diese Briefe lesen, wenn er sie nur rechtzeitig findet. Versteckt in den zahlreichen Büchern, die sich in dem Haus bis unter die Decke stapeln, wartet das Geheimnis dieser rätselhaften Frau. Die Titel der Bücher scheinen eine Spur zu zeichnen. Trotz der melancholischen Stimmung liest sich der Roman warmherzig und einfühlsam. Vielleicht braucht diese Liebesgeschichte den bitteren Beigeschmack, um erst so richtig schön zu sein. 
stern k Dana Hartmann

clémentine beauvais: die königinnen der würstchen
5plus magazin17 Rezensionen 14
Aus dem Französischen von Annette von der Weppen Carlsen Verlag GmbH, 288 Seiten, € [D] 16,99 | € [A] 17,50

Die »Wurst des Jahres« in Gold, Silber und Bronze vergibt Malo an die hässlichsten Mädchen der Schule. Wieder ist Mireille mit »auserkoren«, diesmal »nur« für den dritten Platz. Sie hat sich inzwischen ein Selbstbewusstsein angeeignet, das Astrid und Hakima, den Zweit- und Drittplazierten, noch fehlt. Die drei werden ein Team und beschließen, sich nicht unterkriegen zu lassen und aus ganz persönlichen Gründen die Nationalfeier im Garten des Élysée-Palasts zu sprengen. Einen selbst gebauten Würstchenverkaufsstand hinter sich herziehend und so die Reise finanzierend, radeln sie los. Von der Presse begleitet, von der Bevölkerung gefeiert und von Malo attackiert, verlieren die drei ihr Ziel nie aus den Augen. Allen anfänglichen Bedenken zum Trotz begeisterte mich dieser wundervoll ironisch und humorvoll geschriebene Entwicklungsroman mit seinem großartigen Sprachwitz, der Äußerlichkeiten und innere Werte gegenüberstellt, ohne zu moralisieren oder in einen wehleidigen Ton zu verfallen. 
stern k Daniela Dombrowsky

frida nilsson: siri und die eismeerpiraten
5plus magazin17 Rezensionen 15
Aus dem Schwedischen von Friederike Buchinger Gerstenberg Verlag, 376 Seiten, € [D] 14,95 | € [A] 15,40 (ab 10 Jahren)

Siri lebt mit ihrem Vater und ihrer kleinen Schwester Miki auf einer der vielen Inseln des Eismeers. Sie besitzen wenig, ernähren sich von dem, was sie jagen und sammeln können, und sind eine perfekt aufeinander eingespielte kleine Familie, in der sich die zwei Kinder geborgen fühlen. Vor dem Einschlafen erzählt Siri gern die Geschichten vom gefürchteten Kapitän Weißhaupt, der Kinder raubt, um sie in seinen Diamantminen schuften zu lassen. Als die beiden Mädchen eines Tages auf der Nachbarinsel Schneebeeren sammeln, verlieren sie sich im dichten Nebel aus den Augen. Miki wird von Weißhaupts Mannschaft entführt, und Siri sieht gerade noch die »Polarstern«, das Schiff der Piraten, davonsegeln. Nachdem keiner der Erwachsenen im Dorf den Mut hat, sich diesem Mann entgegenzustellen, beschließt Siri, noch in der gleichen Nacht aufzubrechen, um ihre Schwester zurückzuholen. Ein spannender Abenteuerroman mit einer Heldin, die dem Leser mit ihrer Entschlossenheit, ihrer Menschlichkeit und ihrer Liebe zu allen Geschöpfen sofort ans Herz wächst. Frida Nilsson reiht sich mit diesem Buch in den Reigen skandinavischer Autoren ein, die die Kinderliteratur seit Jahrzehnten prägen und bereichern. Ronja Räubertochter und Nils Holgersson haben mit Siri eine neue Schwester bekommen. 
stern k Beate Widmann

jean webster: lieber daddy long legs
5plus magazin17 Rezensionen 16
Aus dem Englischen von Ingo Herzke Königskinder Verlag, 304 Seiten, € [D] 18,99 | € [A] 19,60 (ab 14 Jahren)

Judy Abbott ist ein aufgewecktes und selbstbewusstes Mädchen, das in einem Waisenhaus aufgewachsen ist. Sie schreibt gerne und wird wegen dieses Talents von einem geheimnisvollen Wohltäter aufs College geschickt. Dieser möchte auf keinen Fall, dass Judy seinen Namen erfährt, und erwartet als einzige Gegenleistung jeden Monat einen Brief von ihr. Von Anfang an liebt sie ihr neues Leben und taucht vollkommen in diese völlig neue Welt ein. Sie schließt Freundschaften, spielt Basketball, kauft sich zum ersten Mal in ihrem Leben eigene Hüte, Handschuhe und Bücher, saugt das vielfältige Wissen wie ein Schwamm auf. Sie genießt es, nach achtzehn Jahren endlich eigene Entscheidungen treffen zu dürfen. Ihre Eindrücke, Gedanken und Ideen spiegeln sich in den klugen und witzigen Briefen an »Mr Smith«, den einzigen Menschen auf der Welt, mit dem sie ihre Erlebnisse teilen kann. Jean Webster (1876–1917) war eine junge, emanzipierte Schriftstellerin und Journalistin, die mit Dear Daddy Longlegs, das 1912 erstmals erschienen ist, Generationen von Leserinnen begeistert hat. Ein Buch, bei dem man von der ersten bis zur letzten Zeile ein Lächeln auf den Lippen hat, will man natürlich immer wieder lesen, vorlesen und verschenken. Endlich ist dieser zeitlose Klassiker wieder lieferbar. In einer – wie immer bei den Königskindern – wunderschön gestalteten Ausgabe, neu übersetzt von Ingo Herzke.  
stern k Beate Widmann

lize spit: und es schmilzt
5plus magazin17 Rezensionen 17
Aus dem Niederländischen von Helga von Beuningen S. Fischer Verlag, 505 Seiten, € [D] 22,– | € [A] 22,70

Wir alle erinnern uns an den magischen Übergang zwischen unserer Kindheit und dem Erwachsenwerden. Diese Magie ist mit der Bezeichnung »Pubertät« nur äußerst ungenügend beschrieben. Denn die Entdeckung des eigenen Ichs wird von so vielen Faktoren bestimmt und ist bei jedem so grundsätzlich verschieden. Aber viele Gemeinsamkeiten gibt es eben doch. Und das macht vermutlich den Reiz aus, über diese wichtige Phase nicht nur zu lesen, sondern auch zu schreiben. Die Niederländerin Lize Spit treibt in ihrem Roman die Entdeckungslust von Jugendlichen in einem kleinen belgischen Dorf auf die Spitze. Mit Hilfe des gleichaltrigen Mädchens Eva machen zwei Freunde eine Art Contest unter den Mädchen ihres Ortes: Sie bewerten sie in verschiedenen Kategorien. Zentrales Zeremoniell ist ein Rätselspiel, das anfangs noch als harmloser »Strip-Poker« daherkommt, sich aber steigert und außer Kontrolle gerät. Vor dem Hintergrund sehr problematischer Familienverhältnisse ist der Roman mal rasend komisch und dann wieder abgrundtief pessimistisch und hoffnungslos. Die Leser von Janne Tellers Nichts werden dieses Buch lieben.  
stern k Ulrich Dombrowsky

markus orths: max
5plus magazin17 Rezensionen 19
Hanser Verlag, 576 Seiten, € [D] 24,– | € [A] 24,70

Einer der schillerndsten Künstler-Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts – Max Ernst – setzt Markus Orths in seinem Roman ein eindrucksvolles Denkmal. Seine Herangehensweise ist außergewöhnlich, schildert er Ernsts Biografie doch über die Lebensläufe, Begegnungen und Beziehungen zu den sechs wichtigsten Frauen in seinem Leben. Aber auch seine intensiven Kontakte und Freundschaften zu anderen Künstlern seiner Zeit, wie Hans Arp, André Breton, Pablo Picasso und vielen anderen, sind zentrale Dreh- und Angelpunkte dieses Romans. So sind Dadaismus, Kubismus und Expressionismus wichtige künstlerische Protagonisten. Der Teilnehmer am Ersten Weltkrieg (in dessen Folge er sich Dada zuwandte) erkannte erst sehr spät seine Gefährdung durch den Nationalsozialismus. Mit Hilfe seiner einflussreichen und wohlhabenden Freundin, Mäzenin und später auch Partnerin Peggy Guggenheim und des Fluchthelfers Varian Fry konnte er vor den Häschern nach Amerika fliehen. Orths hat hier nicht nur spektakulär über ein Leben geschrieben – es gelingt ihm auch, das Flair der Zeit einzufangen.  
stern k Ulrich Dombrowsky

martin brown: tiere, die kein schwein kennt
5plus magazin17 Rezensionen 20
Aus dem Englischen von Jorunn Wissmann Gerstenberg Verlag, 56 Seiten, € [D] 14,95 | € [A] 15,40 (ab 8 Jahren)

Gelbfuß-Felskänguru, Zebraducker oder Kuba-Schlitzrüssler, wer kennt sie nicht! Oder? Na, dann können wir unser Wissen sehr schnell auf Vordermann bringen und erfahren, dass der Speke-Kammfinger nichts trinkt, hamstergroß ist und in den Halbwüsten am Horn von Afrika lebt. Obwohl er ein unauffälliger grauer Nager ist, klingt seine lateinische Bezeichnung doch richtig nach Actionheld – Pectinator! Was für ein Name! Dem Russischen Desman dient seine Vielzwecknase wie ein Multifunktionswerkzeug bei der Nahrungssuche als Schnorchel, Schaufel oder Finger. Der afrikanische Zorilla ist tatsächlich der größte Stinker, sein unangenehmer Geruch ist bis zu einem Kilometer weit wahrnehmbar, ein Müffelmarder halt! Und auch noch ein nützlicher, der schädliche Larven, Ratten und Mäuse frisst. Auf jeder Doppelseite erfahren wir über die unbekannten, oft genug auf der Liste der gefährdeten Arten stehenden Tiere alles Skurrile und Komische, was dem Forscherdrang der Kinder (und nicht nur dieser) entspricht. Hier rücken jenseits der klassischen Lieblingstiere Löwe, Tiger, Elefant endlich einmal die in den Fokus, die genauso schützens- und bemerkenswert sind. Ein Buch über die anderen Tiere der Welt!  
stern k Ulrich Dombrowsky
 
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felix jud empfiehlt

carl-christian elze: diese kleinen, in der luft hängenden, bergpredigenden gebilde
5plus magazin17 Rezensionen 22
Mit Illustrationen von Christoph Vieweg Verlaghaus Berlin, 2016, 160 Seiten, € [D] 13,90 | € [A] 14,30

»mit welcher selbstverständlichkeit beginnen wir tage « – fragend, suchend, sich wundernd, vor allem aber staunend bewegt sich das dichtende Ich in Carl-Christian Elzes jüngstem Lyrikband durch schwebende Molekularkompositionen. Es nimmt Abschied von einem toten Freund, steigt ein bei einem polnischen Taxifahrer und gelangt auf Schleichwegen entlang von Gehirnströmen und Muskelsträngen zu einem Gott, »dem der arsch abfriert«. Über planetare Kreislaufbahnen führt ihn Kind mit Frau mit Hund zur Quantenphysik, es wird aus Faust zitiert und aus dem Johannesevangelium. »wie mösen, die drei schwänze / schlucken und zehn duschkabinen. « Darauf folgend: Exerzitien. Elze ordnet seine Gedichte elf Kapiteln unter, die er lose, nur durch zwei Silben miteinander verbindet. Das lateinische caput klingt an, um Mensch, Leben, Anfang und Ende wie einen fein verwebten Schleier über den Lesenden fallen zu lassen. Man lässt sich umgarnen, wird selbst zum Faden einer präzise gearbeiteten Nähkunst. Eine Vers-Aufteilung, die an ungewohnten Stellen atmen lässt, eine Spirale aus Kleinbuchstaben und kursiven Einschüben, die den Leser subtil, aber mit einer tief aufgespürten Dringlichkeit in den metaphysischen Strudel einer sich schmerzlich sehnenden Schönheit reißt. Dermaßen schafft Elze durch seine Poesie einen Blickwinkel, der auf den Menschen schaut. Durchs Fernrohr. Und. Durchs Mikroskop. In ein und derselben Sekunde. Was bleibt, ist ein nanokosmetisches Flimmern, ein knisternder Ton, den man mit sich trägt, wenn man so frisch geschlüpft durch die Straßen geht, ein Geruch, der vertraut und doch so neuartig schmeckt, der schwindelig macht im Kopf, und gleichzeitig die Füße erdend; und man erschrickt fast, in den spiegelnden Autoscheiben ein Selbst zu bemerken … 
stern k Judith Bethke

erling kagge: stille – ein wegweiser
5plus magazin17 Rezensionen 21
Aus dem Norwegischen von Ulrich Sonnenberg Insel Verlag, 144 Seiten, € [D] 14,– | € [A] 14,40

Was haben eine Ein-Mann-Expedition zum Südpol und das Stricken am häuslichen Kamin gemeinsam? Der Norweger Erling Kagge – Autor, Verleger und auf besondere Weise Extremsportler – liefert eine Antwort auf diese und viele andere Fragen in seinem Buch Stillhet i støyens tid – om gleden å stenge verden ute, was wörtlich übersetzt »Stille in lärmender Zeit – von der Freude, die Welt auszusperren« bedeuten würde. Der Insel Verlag hat für die deutsche Ausgabe den schlichteren Titel Stille – Ein Wegweiser gewählt, wobei hier nicht eine Art Ratgeber gemeint ist, wie der Untertitel suggerieren könnte, sondern eingangs darauf hingewiesen wird, dass es unterschiedliche Richtungen der Stille geben kann. Stille hat viele Gesichter. Sie ist überall, das heißt, sie kann überall sein. Wenn man sie sucht, wahrnimmt, zulässt. Sie ist nicht immer leise oder gar tonlos. Sie kann um uns, aber auch in uns sein. Sie ist mehr als ein Geräusch oder ein bloßer äußerer Zustand. »Du kannst nicht darauf warten, dass es still wird. […] Du musst dir deine eigene Stille schaffen.« Kagge sagt explizit, dass Stille wichtig für den Menschen ist, etwas Wertvolles, das seinen Raum haben sollte, als ruhender Gegenpol zu dem inneren geistigen Chaos und der quirligen Welt um uns herum. Stille kann aber durchaus mit unterschiedlichen Assoziationen verbunden sein und manchmal im Extremfall sogar gegensätzliche Empfindungen auslösen: Für den einen bedeutet sie Ruhe, Erholung, Ankommen, Frieden und für den anderen eher Stress, Angst, Beklemmung oder Einsamkeit. Und wo finden Sie Stille – beim Wandern oder Klettern, beim Holzhacken oder Stricken, im Kino, Theater oder Konzert, beim Bügeln oder Unkrautjäten, beim Träumen, beim Kochen oder … vielleicht beim Lesen? 
stern k Karen Baum

otto julius bierbaum: eine empfindsame reise im automobil von berlin nach sorrent und zurück an den rhein
Omnium Verlag, Berlin, 2014, 164 Seiten, € [D] 12,90 | € [A] 13,30
 
otto julius bierbaum: irrgarten der liebe
Zweite Auflage, Insel Verlag, 1906, 437 Seiten, € [D + A] 48,–
 
 
5plus magazin17 Rezensionen 24
»Mit offenen, wachen, allen Erscheinungen des Lebens, der Natur zugewandten Sinnen reisen, nenne ich empfindsam reisen, und dieses Reisen allein erscheint mir als das wirkliche Reisen, wert und dazu angetan, zur Kunst erhoben zu werden«, so Otto Julius Bierbaum im Vorwort des Buches. Unbeschwert, genießerisch und leicht zu leben, lautet Bierbaums Motto. Seine überschwengliche Lebensfreude äußerst sich in feinen Beobachtungen und selbstironischen Bemerkungen, die er in vergnüglichen Berichten, Reportagen und Briefen festhält. »Man reiste mit relativ bescheidenem Gepäck […] zum Beispiel durfte eine Gummibadewanne ebenso wenig fehlen wie angemessene Kleidung zum Dinner in den regelmäßig doch standesgemäßen, also ›besseren‹ Hotels.« So kutschiert Bierbaum 1902 sein Automobil der Marke Adler von Deutschland aus über Prag und Wien nach Italien, wobei die Rückfahrt über den Gotthardpass führt. Mit 30 Stundenkilometern auf Schotterwegen, in Stadtnähe teils auf gepflasterten Straßen. Sein Chauffeur Meister Riegel steuert den Wagen, tankt bei Apotheken und Drogerien auf, flickt und wechselt Reifen. Die abenteuerliche Fahrt dauert fast vier Monate. In Briefen an Freunde wie Franz Stuck, Peter Behrens, Franz Blei, Detlev Freiherr von Liliencron erzählt Bierbaum von seiner Europareise. So an Liliencron am 14. Juni 1902 aus Terracina: »Man möchte meinen, dass hier die Bettler-Republik liegt. Malerisch genommen beeinträchtigen diese Leute die Landschaft durchaus nicht, denn ihre Zerlumptheit hat Tradition und Stil, und sie wissen sich mit einem gewissen feierlichen Anstand zu bewegen. Diese Bewegungen und jede ihrer Gesten sind in ihrer Art schön, weil sie sehr ausdrucksvoll sind, und dem ästhetischen Genuss daran darf man sich ohne viel sentimentale Gewissensbisse hingeben, weil das ganze in der Tat eine Art Schauspiel ist, und man wirklich bejammernswertes Elend, dessen Anblick wehtut, kaum darunter gewahrt.« Bierbaums oberstes Reise-Credo lautet »empfindsam reisen«, mit allen Sinnen alles und jeden beobachten. Auch vor dem Elend verschließt er die Augen nicht. Soziale Missstände allerdings werden romantisiert und zur Kulisse für das Schöne schlechthin. Bierbaum berauscht sich an ihr, nennt sich selbst einen Adoranten der Schönheit. Ein sicheres Gespür für die schönen Künste sagt man Bierbaum nach. Er war Mitbegründer des Jugendstils, Herausgeber der Zeitschriften PAN und Die Insel. Neben dem Reisebericht in Briefform schrieb Bierbaum Romane, Dramen und Gedichte, Künstlerbiografien, Essays und Parodien, sowie Kritiken und Ballettstücke. Er probierte jedes Genre aus und brachte zwischen 1890 und 1910 ganz nebenbei Bücher heraus, die zu Bestsellern wurden. Dazu zählt der Gedichtband Irrgarten der Liebe von 1901, mit Liebes- und Naturlyrik.

Ich – weiß nicht viel
von End und Ziel,
geh meine Straße wie im Spiel
und denke frei:
was es auch sei, –
Ich bin auf der Welt und du bist dabei.

Das erste deutschsprachige Auto-Reisebuch von 1903 lädt dazu ein, Bierbaums verspielte, sinnentrunkene Dichtkunst zu entdecken. Es ist witzig, und es ist ein Plädoyer für die Entschleunigung. Ein Muss für jeden Reisekünstler mit Sinn für die kuriose Geschichte des Kraftfahrzeugs! 
stern k Annika Sprünker

édouard louis: im herzen der gewalt
5plus magazin17 Rezensionen 25
Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel S. Fischer Verlag, 224 Seiten, € [D] 20,– | € [A] 20,60

In seinem zweiten Roman mit stark autobiografischen Zügen schildert der 24-jährige Autor Édouard Louis die Geschehnisse einer Pariser Dezembernacht. Auf seinem Nachhauseweg begegnet er einem attraktiven Mann arabischer Herkunft, den er schließlich mit zu sich nimmt. Was zunächst den Anschein einer erotischen Begegnung erweckt, entwickelt sich zu einer gewaltsamen, lebensbedrohlichen Auseinandersetzung zwischen den beiden. Louis beleuchtet die Geschehnisse aus allen Perspektiven – aus seiner eigenen, aus der seines Gegenübers und später aus jener der Ärzte und der Polizei. Indem er sich der Themen Kindheit, Begehren, Migration und Rassismus annimmt, zeichnet er ein sehr aufschlussreiches Bild unserer gegenwärtigen westeuropäischen Gesellschaft. Bereits mit seinem literarischen Debüt Das Ende von Eddy, in dem er von seiner leidvollen Kindheit in einem französischen Dorf und von seiner Flucht vor den engen ländlichen Verhältnissen erzählt, erregte Louis großes Aufsehen zunächst in Frankreich, dann auf internationaler Ebene. Sein aktuelles Buch erscheint gleich in über 20 Sprachen. Wer unsere gegenwärtigen gesellschaftlichen Strukturen besser verstehen will, muss Im Herzen der Gewalt lesen. 
stern k Marina Krauth

gion mathias cavelty: der tag, an dem es 449 franz klammers regnete
5plus magazin17 Rezensionen 26
Ein höchst fiktiver Roman lectorbooks, 128 Seiten, € [D] 18 | € [A] 18.50

Dieser Besprechung sei vorangestellt, dass es Franz Klammer nicht nur wirklich gegeben hat, sondern gibt: Franz Klammer wurde 1953 in Kärnten geboren und ist ein österreichischer Skifahrer und der erfolgreichste Rennläufer in den Disziplinen Abfahrt und Slalom der Weltcupgeschichte gewesen. Er lebt in Wien. Innsbruck, 4. April 1974. Die 12. Olympischen Winterspiele haben ihren Höhepunkt erreicht: Franz Klammer, das zwanzigjährige SkiRennfahrerWunder, steht am Start.
»… EINS DREIZEHN VIERUNDZWANZIG!«, brüllt der Kommentator ins Mikro. EINS DREIZEHN VIERUNDZWANZIG! Eine halbe Sekunde schneller als sein ärgster Konkurrent Bernhard Russi! Ja, bravo, Franz! Das könnte sich ausgehen! Jetzt der OachkatzlschwoafSprung … ui, ui, ui, ein Mordssprung! Der Franz fl iegt durch die Luft, mit 128 Stundenkilometern! Und … ja das ist ja a Wahnsinn! Er fl iegt immer noch in der Luft … und … ja, wo ist er denn hin?«
Franz Klammer landet nicht wie geplant auf der Piste, sondern – in Jerusalem im Jahr 33. Er landet zu allem Überfl uss direkt auf Jesus, der mit einem hörbaren Plopp wie ein Ballon platzt. Auf der Flucht vor den aufgebrachten Aposteln macht Franz die Bekanntschaft mit dem Kopf von Johannes dem Täufer, der anbietet, ihm aus dieser Misere herauszuhelfen, unter der Bedingung, dass er ihn mitnimmt. Um wieder in die Gegenwart zu gelangen, unternehmen die beiden (wenn man von »beiden« sprechen kann – bei Franz und dem Kopf) zuerst einmal eine Reise in die Vergangenheit, bis zum allerersten Urpunkt, an dem noch nichts existiert, weder Zeit noch Raum noch Gott. Auf ihrer wilden Tour werden sie in unvorstellbare Mysterien eingeweiht, wie die altägyptische Hochtechnologie und die bewusstseinserweiternden Praktiken der Maya. Bis zum Happy End erleiden unsere beiden Helden so einiger, und dabei wünscht Franz sich doch nur zurück in sein geliebtes Kärtner Gailtal und will nur eins: »Schifoahn! Und sonst nix!» Der Schweizer Autor Gion Mathias Cavelty, geboren 1974 in Chur, hat eine hinreißende Zumutung auf 128 Seiten geschrieben. Ein Roman wie ein Traum, aus dem man morgens aufwacht, sich am Kopf kratzt und fragt, was ist nachts geschehen, welcher Wahnsinn ist über mich gekommen. Eine wunderbare und absurde literarische Erfahrung. Eine andere Frage stellt sich noch während der Lektüre: Was sagt eigentlich der echte Franz Klammer dazu? 
stern k Annegret Schult

arturo pérez-reverte: der preis, den man zahlt
5plus magazin17 Rezensionen 27
Roman Aus dem Spanischen von Petra Zickmann Insel Verlag, 295 Seiten € [D] 22,– | € [A] 22,70

Ein außergewöhnlicher Spionageroman. Ein Wechselspiel aus Intrige und Spannung – Realität und Fiktion könnerhaft verwoben. Spion Lorenzo Falcó, im spanischen Bürgerkrieg im Jahre 1936, wird zu einer heiklen Misson ins südspanische Alicante gesandt. Hier verstrickt er sich in eine Situation aus Grausamkeit und Täuschung. Jeder hat seinen Preis zu zahlen … auch in der Liebe? Pérez Reverte ist ein Meister der Erzählkunst. Packend! 
stern k Klaus Lameier
FELIX JUD GMBH & CO. KG
BUCHHANDLUNG ANTIQUARIAT KUNSTHANDEL
Neuer Wall 13     20354 Hamburg
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Lehmkuhl empfiehlt

graham swift: ein festtag
5plus magazin17 Rezensionen 28
Aus dem Englischen von Susanne Höbel dtv, 144 Seiten, € [D] 18,– | € [A] 18,50

»… Ein Fenster stand offen und er ging durch das sonnendurchströmte Zimmer, sorglos, nackt; er wirkte wie ein Tier. Es war ja sein Zimmer … Und sie war noch nie hier gewesen, würde auch nie wieder herkommen. Auch sie war nackt.« Graham Swift erzählt von den Begebenheiten eines einzigen Sonntagnachmittags im März des Jahres 1924. Jane und Paul sind Nachbarn und kennen sich schon seit sieben Jahren. Dass die beiden ein Liebespaar sind, ahnt niemand. Jane, das Dienstmädchen der Familie Niven, verbringt ihren freien Nachmittag im Bett von Paul Sheringham, dem Sohn der angesehenen Nachbarsfamilie. Ihm steht in Kürze eine standesgemäße Hochzeit bevor. Er ist der einzig verbliebene Erbe, denn dort wie anderswo auch sind viele Söhne im Krieg geblieben. Jane Fairchild ist in einem Waisenhaus aufgewachsen. Es ist also ihr letzter gemeinsamer, geschenkter Tag. Erzählerin ist niemand anders als Jane selbst, mittlerweile neunzigjährig und Schriftstellerin. Sie blickt zurück auf den einen Tag, Dreh- und Wendepunkt ihres Lebens, auf den Schicksalsschlag, der ihr ganzes Leben verändern sollte. Graham Swift lässt für seine Leser auf fast 140 Seiten ein Gesellschaftsporträt des großbürgerlichen englischen Landadels zwischen zwei Kriegen entstehen. Unzeitgemäß, entschleunigend, unprätentiös sowie voller Sinnlichkeit, Erotik und Melancholie. Es ist ein Roman über eine die Klassenschranken überwindende junge, unkonventionelle Frau in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Swift ist ein Autor, der es versteht, in die seelischen Tiefen seiner Figuren zu tauchen: sensibel und empathisch. Es ist ein kleines und dennoch großes Buch, leicht und intensiv zugleich.  
stern k Brigitte Giesler

leila slimani: dann schlaf auch du
5plus magazin17 Rezensionen 29
Aus dem Französischen von Amelie Thoma Luchterhand Verlag, 224 Seiten, € [D] 20,– | € [A] 20,60

Mit dem zweiten Roman den in Frankreich wichtigsten Literaturpreis Prix Goncourt zu gewinnen, ist für eine junge Autorin sensationell. Nur ganz wenigen Frauen vor ihr gelang dieses Meisterstück. Die 35-jährige, in Marokko geborene Leila Slimani hat mit ihrem Roman Chanson douce – der für Luchterhand von Amelie Thoma elegant ins Deutsche übersetzt wurde – ein »human topic« und einen Ton getroffen, der in unserem Nachbarland Frankreich für einen großartigen Erfolg gesorgt hat. Dieses Buch wird auch bei uns große Beachtung finden, ist es doch schmerzhaft mitten in unserer Gesellschaft mit ihren allem Wohlstand zum Trotz täglich virulenten Problemen verortet und heimatlos zugleich: Eine Kinderfrau ermordet die zwei ihr anvertrauten Kleinkinder. Die stets unter Stress stehenden, erfolgreich ihren Berufen nachgehenden Eltern hätten das sich immer dramatischer zuspitzende Verhältnis der Angestellten zu ihren Kindern erkennen können, ja aufhalten müssen. Wann gab es die ersten Anzeichen für die sich anbahnende Katastrophe? Warum konnte sich das Wirken der Nanny Louise wie eine sich anfangs dezent und subtil, dann immer perfider und offensichtlicher ausbreitende Schlingpflanze im Leben der Pariser Familie festsetzen? Warum ist es dem Paar Myriam und Paul nicht gelungen, Louise, die stets gepflegt auftretende 50-Jährige, trotz gemeinsam verbrachten Alltags und Ferienzeiten als leibhaftige Person kennenzulernen? Leila Slimani schafft es, den Leser dem Sog dieser unheilvollen Situation zu überlassen, denn im Gegensatz zu Myriam und Paul lernen wir das Lebensschicksal der sozial abgestürzten und letztlich dem Leben nicht gewachsenen Louise kennen. Ein literarisch beispielloser Text: subtil, gefangen nehmend, abschreckend, zerstörerisch, brutal: Die Protagonisten unserer heutigen Parallelgesellschaften scheitern – ohne dass noch etwas übrig bliebe. Ein heftiges Buch, ein großartiges Buch! 
stern k Mechthild Heinen

mariana leky: was man von hier aus sehen kann
5plus magazin17 Rezensionen 30
Dumont Verlag, 320 Seiten, € [D] 20,– | € [A] 20,60

Kurz und knapp: Ein tolles Buch – man muss sich nur trauen! Man muss sich nur auf eine Schar skurriler, aber immer liebevoll geschildeter Figuren einlassen, die in einem begrenzten Raum agieren, aber dennoch viel vom Leben wissen. Man muss nur mit der alten Selma und allen anderen Dorfbewohnern die enge, aber gleichzeitig auch vogelfreie Idylle in einem Dörfchen im Westerwald aushalten, und man muss nur den charmanten Dialogen der Ich-Erzählerin und ihren so unterschiedlichen Freunden folgen, um ein zutiefst optimistisch gestimmtes, lebensweises Buch zu genießen. Der Tod des Schulfreundes wird der Ich-Erzählerin nur durch die tiefe Liebe zu ihrer Großmutter und die freundschaftlich- vitale Verbundenheit der Dorfbewohner untereinander erträglich, denn eigentlich ist dieses Trauma nicht zu bewältigen. Dass auch nach schwierigen Situationen und langem Warten ganz unverhofft eine große Liebe das Leben noch einmal in neue Bahnen zu lenken weiß, zaubert auch dem ernstesten Leser ein dankbares, herzliches Schmunzeln auf die Lippen, und man ist froh, sich dieser phantasievoll-autonomen, unabhängigen und starken Autorin anvertraut zu haben. Trauen Sie sich, sie wird Sie begeistern! 
stern k Mechthild Heinen

alexandra litwina und anna desnitskaya (illustrationen): in einem alten haus in moskau – ein streifzug durch 100 jahre russische geschichte
5plus magazin17 Rezensionen 31
Aus dem Russischen von Lorenz Hoffmann und Thomas Weiler Gerstenberg Verlag, 60 Seiten, € [D] 24,95 | € [A] 25,70 (ab 12 Jahren)

Pünktlich zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution erscheint im Gerstenberg Verlag ein Buch, das seinesgleichen sucht: hundert Jahre russische Geschichte als Sachbilderbuch für zwölfjährige Jugendliche – eine gewagte Idee! Und ein großes Glück für alle jungen (und älteren!) Leser, dass hier verlegerischer Mut bewiesen und dieser Zwitter aus Geschichts- und Bilderbuch auf den Markt gebracht wurde! Schauplatz des Geschehens – der Titel verrät es bereits – ist ein altes Haus in Moskau. Hier zieht 1902 die Familie Muromzew ein, deren Stammbaum an die Romane Leo Tolstois mit ihren unzähligen Namen und Verwandtschaftsbeziehungen erinnert. Seite um Seite, Generation um Generation verfolgt der Leser das Leben dieser Familie bis zum Jahr 2002. Krieg und Frieden, Fortschritt und Zerstörung, alles, was das 20. Jahrhundert für seine Menschen bereithielt, lässt die Autorin Alexandra Litwina durch die exemplarische Geschichte der Muromzews lebendig werden. Die wunderbar detailreichen Illustrationen gewähren außerdem interessante Einblicke in Kultur und Lebensstil und greifen auch wichtige politische Ereignisse und Personen auf. Dass konsequent aus Kindersicht erzählt wird, verringert die historische Distanz und macht das Erlebte konkret. Ein Buch, das mich – je länger ich darin geblättert und gelesen habe – umso mehr begeistert hat. 
stern k Katharina Lemling

deborah feldman: überbitten
5plus magazin17 Rezensionen 32
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Christian Ruzicska Secession Verlag, 704 Seiten, € [D] 28,– | € [A] 28,80

Überbitten heißt nach Unorthodox Deborah Feldmans zweiter Teil ihrer Lebensaufzeichnungen. »Iberbetn« bezeichnet im Jiddischen eine »unwahrscheinliche Eintracht «, die sich zwischen zwei Menschen mit unüberbrückbaren Differenzen einstellen kann. Sie ist getragen vom Glauben an die Vergebung. Genau das ist es, was sie von Anfang an macht: Brücken bauen mit ihrem Schreiben. Zuerst aus ihrer begrenzten Welt hinaus in jene andere, die sie nicht kannte und in der sie ihren Platz suchte. Im ersten Buch erlebten wir mit, wie sie ihrer jüdischen Gemeinschaft in Brooklyn den Rücken kehrte und sich auf die Suche nach ihren Wurzeln machte. Überbitten schließt da an, wo Unorthodox aufhört, und beschreibt eine junge alleinstehende und alleinerziehende Frau zwischen zwei Welten. Auf ihrer ganz persönlichen Spurensuche nach ihrer jüdischen Identität führt sie der Weg aus der Upper East Side quer durch Europa. Sie beschreibt Stationen wie Ungarn, Paris, bis nach Deutschland, wo sie nach Jahren des Nomadentums endlich in Berlin angekommen scheint. Ausgerechnet in dem Land, das für viele Juden noch immer ein Tabu ist. Sie schildert, wie sie sich durchkämpfte, spricht über ihre Zweifel, erzählt von Not, Überforderung und Enttäuschung. Setzt sich mit Opfer- und Täterdasein auseinander. Bei ihrer Reise verfolgt sie die Lebenslinien ihrer Großmutter als roten Faden, die als Einzige ihrer Familie den Holocaust überlebte und als staatenlos in die USA emigrierte. 700 Seiten sind entstanden. Sie stehen für sieben Jahre Befreiung. Zudem hat die Zahl Sieben im jüdischen Glauben eine »besinder« Bedeutung. Ein lesenswerter Entwicklungsroman im wortwörtlichen Sinne. 
stern k Georg Ottmann

sonja heiss: rimini
5plus magazin17 Rezensionen 33
Kiepenheuer und Witsch, 400 Seiten, € [D] 20,– | € [A] 20,60

Wenn man 40 Jahre verheiratet ist, kann man sich schon mal auf die Nerven gehen. Dumm nur, wenn einer der beiden gern mal seine Ruhe hätte, während sich der andere schon Sorgen macht und Sehnsucht hat, wenn der Gang in den Keller etwas länger dauert. So geht es Alexander und Barbara, Eltern von Masha und Hans, deren Leben ebenfalls nicht problemlos verlaufen. Hans war mal ein sehr erfolgreicher und gut verdienender Anwalt. Seit seine Wutausbrüche, die ihn schon in der Kindheit verfolgt haben, wieder gehäuft auftreten, laufen ihm reihenweise die Mandanten davon, und seine Partnerschaft in der Kanzlei steht auf dem Spiel. Das macht die Beziehung zu seiner sich von ihm emotional und körperlich immer weiter entfernenden Frau nicht gerade leichter. Seine Schwester Masha, der ein geordnetes Familienleben nie wichtig erschien, sehnt sich auf einmal nach Kindern und hört ihre biologische Uhr unaufhaltsam ticken. Druck ist aber sicherlich keine Hilfe bei der Suche nach einem geeigneten Vater ihrer ungeborenen Kinder. Dieses Familiendrama besticht durch einen vor allem deshalb so treffenden und bissigen Humor, da ganz normale Probleme, die sich in wahrscheinlich jeder Familie finden, in überspitzter Form dargestellt werden. Es ist ein riesiger Spaß, dieses Romandebüt von Sonja Heiss zu lesen und der Familie beim Scheitern zuzusehen. 
stern k Georg Ottmann

linda boström knausgard: willkommen in amerika
5plus magazin17 Rezensionen 34
Aus dem Schwedischen von Verena Reichel Schöffling & Co., 144 Seiten, € [D] 18,– | € [A] 18,60

»Alle sollten sehen, dass wir eine heile Familie waren. Wir waren unantastbar, nur weil Mama es so wollte.« Ein treffendes und trauriges Resümee eines gescheiterten Familienlebens, das uns die 11-jährige Erzählerin Ellen mit auf den Weg durch dieses schmale Buch gibt. Linda Boström Knausgard erzählt in ihrem wundervollen lyrischen Tonfall von einer Familie, deren soziale Konstellation bereits lange vor dem Tod des Vaters zerbrochen ist. Die Figuren der Tragödie sind eine Mutter, die ihren lang gehegten Berufswunsch als Schauspielerin auslebt und ihrem ausgeprägten Sinn für Schönheit und Kunst folgt; ein Vater, der daran zerbricht, seiner Frau in die Stadt folgen zu müssen, unter einem mediokren Job leidet und sich, gekränkt und erniedrigt, dem Alkohol und damit auch der häuslichen Gewalt hingibt; ein Sohn, der sich komplett zurückzieht und nur mit seiner ersten Freundin den Alltag erträglich findet, und zuletzt die Ich-Erzählerin, die der in Schieflage geratenen Familiensituation mit komplettem Schweigen begegnet. Kein Wort kommt über ihre Lippen. Vollkommen in sich zurückgezogen lebt sie den Versuch, die eigene Kindheit ohne den Vater in ihren Wünschen Realität werden zu lassen. In ihren Gedanken hat sie schon oft den Tod des Vaters herbeigebetet, und nun, da er tatsächlich nicht mehr da ist, lebt in ihr die Gewissheit, am Tod des Vaters schuldig geworden zu sein. Wunsch und Wille, ein glückliches Leben zu haben, sind gleichzeitig Antrieb und Versagen der Mutter, der Ellen sich in kindlicher Liebe und sehnsüchtiger Harmoniesuche sprachlos zuwendet. Linda Boström Knausgard setzt mit diesem Text eine unvergessliche Geschichte von Täuschung und verletzter Liebe in die Welt, die in ihrer Dramatik den Leser konsequent bis zum Ende des Buches begleitet. 
stern k Mechthild Heinen
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leporello – di e buchhandlung
im burgtheater
Universitätsring 2      A-1010 Wien
Telefon + 43 - 1 - 5 32 55 12
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librium

sarah bakewell: wie soll ich leben? oder das leben montaignes in einer frage und zwanzig antworten
5plus magazin17 Rezensionen 12
C. H. Beck, 416 Seiten, € [D] 16,95 | € [A] 17,50

Die titelgebende Frage »Wie soll ich leben?« war die zentrale Frage in Montaignes Philosophie. Anhand dieser Frage und mit dem Versuch von zwanzig Antworten schreibt Sarah Bakewell die Biografie des großen Autors der Essays. Michel de Montaigne (1533–1592) war nicht nur Philosoph, sondern auch Adliger, Weingutbesitzer, Politiker und Reisender. Das Buch erzählt sein überaus interessantes Leben und darüber hinaus auch die Entwicklung seines Denkens, die historischen Umstände seiner Zeit und die Wirkung seines Werkes. Seine Philosophie, die auf den antiken Stoikern und Epikureern gründet, war in höchstem Maße modern, da sie das Subjekt in den Mittelpunkt stellt. Seine Lehre von der Skepsis und dem Maßvollen ist bemerkenswert angesichts des zeitgenössischen religiösen Fanatismus der christlichen Religionskriege. Die große Nachwirkung dieses Werkes zeigt die außergewöhnliche Stellung des lebensklugen Meisterpsychologen in der Geistesgeschichte. Sara Bakewells intelligentes, unterhaltsames und profundes Buch ist eine wundervolle Einführung und Verführung zu Montaignes Essays. 
stern k Laurin Jäggi

lawrence osborne: denen man vergibt
5plus magazin17 Rezensionen 12
Wagenbach, 272 Seiten, € [D] 22,– | € [A] 22,70

Mitten in der marokkanischen Wüste veranstaltet das homosexuelle Paar Richard und Dally eine extravagante dreitägige Party. Das britische Ehepaar Jo und David Henniger folgen der Einladung. Die Reise in ein vermeintlich vergnügliches Wochenende schlägt um in einen Albtraum, als Richard betrunken und mit Jo streitend einen Fossilienverkäufer überfährt. Mit der Leiche des jungen Mannes trifft das Ehepaar im luxuriösen Feriendomizil ein. Just als die Gastgeber das Problem mit der marokkanischen Polizei gelöst zu haben meinen, trifft der Vater des Toten ein, ein Berber, der von David verlangt, ihn in sein Dorf zur Beerdigung seines Sohnes zu begleiten. Dies erscheint David als einziger Ausweg aus seiner Schuld, denn Geld will der Mann nicht. Während David mit den Berbern und dem Leichnam in die Wüste fährt, muss Jo auf der rauschenden Party bleiben. In wunderbar filmisch erzählten Szenen schildert der britische Reiseschriftsteller Lawrence Osborne diese spannende Geschichte. Die Gegensätze der westlichen Touristen und der Einheimischen werden kenntnisreich und nicht wertend aufgezeigt. Die psychologisch raffiniert gezeichneten Figuren und Konstellationen werfen moralische Fragen auf. Auch die Perspektive der marokkanischen Hausangestellten und die Lebensgeschichte des jungen Berbers zeichnen ein differenziertes, zutiefst menschliches Bild. 
stern k Laurin Jäggi

marilynne robinson: lila
5plus magazin17 Rezensionen 12
S. Fischer, 288 Seiten, € [D] 9,99 | € [A] 10,30

Obwohl die 1943 geborene Amerikanerin seit 1980 veröffentlicht, wurde sie im deutschsprachigen Raum spät entdeckt. Für viele erst durch die Aussage von Barack Obama, der Robinson seine Lieblingsautorin nennt. Meine Entdeckung folgte noch später, ich las sie vor einigen Wochen während eines Aufenthalts in den USA. Ich las den Roman in einem Zug, am Ende angekommen, begann ich gleich nochmals, diesmal langsamer, und genoss diese präzise, ruhige Sprache, die wunderbaren Figuren und alles Ungesagte, das sie uns Lesern zu deuten überlässt. Lila ist ein Findelkind, sie wird von einer nicht sehr viel älteren Wanderarbeiterin gefunden und aufgezogen. Nach einer unsteten Jugend steht sie nun alleine da. Sie findet Arbeit in einem Bordell, später in einem Hotel als Zimmermädchen. Nach vielen Jahren bricht sie nochmals auf und trifft in der Kleinstadt Gilead im Mittleren Westen auf John, einen abgeklärten und humorvollen Geistlichen. Wie diese zwei ganz besonderen Menschen sich aufeinander einlassen und ihre Liebe zueinander leben, ist eine der schönsten Liebesgeschichten, die ich gelesen habe. 
stern k Laurin Jäggi

jess kidd: der freund der toten
5plus magazin17 Rezensionen 12
Dumont, 384 Seiten, € [D] 20,– | € [A] 20,60

Der sympathische Gelegenheitsdieb und Hippie Mahony hatte bis jetzt geglaubt, seine Mutter hätte ihn aus purem Egoismus in dem Dubliner Waisenhaus abgegeben, in dem er aufgewachsen war. Sechsundzwanzig Jahre später jedoch wirft ein anonymer Brief ein ganz anderes Licht auf die Vergangenheit. Was geschah damals tatsächlich mit der jungen Frau und ihrem Baby? Auf der Suche nach Antworten reist Mahony in sein Heimatstädtchen Mulderrig. Dass er seiner Mutter sehr ähnlich sieht, merkt er von Beginn an, das Misstrauen lässt sich mit den Händen greifen. Doch die alte Mrs Cauley, eine ehemalige Schauspielerin und ebenfalls eine Außenseiterin in Mulderrig, ist fest davon überzeugt, dass Mahonys Mutter umgebracht wurde. Gemeinsam hecken die beiden einen Plan aus, um den Mörder ausfindig zu machen. Dass sie bald Hilfe von ungewöhnlicher Seite, nämlich von den Toten erhalten, irritiert Mahony nicht besonders … Und es darf auch den Leser nicht irritieren. Denn wer sich unvoreingenommen auf diesen erstaunlichen Erstling einlässt, der in so gar keine Schublade passt, wird mit großem Lesevergnügen belohnt. 
stern k Doris Widmer

fiston mwanza mujila: tram 83
5plus magazin17 Rezensionen 12
Zsolnay, 208 Seiten, € [D] 20,– | € [A] 20,60

Der Nachtklub Tram 83 in einer heruntergekommenen Minenstadt in Afrika ist der hauptsächliche Handlungsort dieses Romans. Der 1981 in der Demokratischen Republik Kongo geborene Fiston Mwanza Mujila erzählt von einen Klub, einer Stadt, einem Land, das geprägt durch Korruption und Gewalt den Abgrund entlangtänzelt. Im Tram 83 treffen sich die Minenarbeiter, die westlichen Geschäftsleute, die Prostituierten und auch die beiden Hauptfiguren, Lucien, ein zaudernder Schriftsteller, und Requiem, ein rücksichtsloser Gauner. Die Handlung des Romans ist weniger wichtig als die Stimmung des Settings und der Sprache. Wie der Autor diese Gesellschaft beschreibt, den moralischen Zerfall, die Gewalt, ist äußerst originell. Er agiert nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern zeigt in diesem verderbten Mikrokosmos die Menschen, die mit diesen Problemen konfrontiert sind, zeigt die Schönheit inmitten des Kaputten. Der Text liest sich wie ein frei swingendes Gedicht, wie ein Jazz-Song und ist stark rhythmisiert. So tauchen zum Beispiel immer wieder leitmotivische Wiederholungen auf, wie zum Beispiel die immer gleichen Anmachen der Prostituierten. Ein sprachlich und musikalisch virtuoser Roman, brutal und schön. 
stern k Laurin Jäggi

alexander betts, paul collier: gestrandet | warum unsere flüchtlingspolitik allen schadet – und was jetzt zu tun ist
5plus magazin17 Rezensionen 12
Siedler, 336 Seiten, € [D] 24,99 | € [A] 25,70

Es wäre nicht wahr, wenn ich schreiben würde, dieses Buch hätte ich gerne gelesen. Die Lektüre war anstrengend, und ich wollte sie ständig beenden. Aber wie so oft bei Anstrengungen kommt die Belohnung erst am Schluss: Ich bin froh, den sehr aktuellen und aufklärenden Text der Oxforder Migrationsforscher gelesen zu haben. Ausgangspunkt des Buches ist die europäische Reaktion auf den Bürgerkrieg in Syrien. Die Autoren analysieren die gegenwärtige internationale Flüchtlingspolitik und kommen zu vernichtenden Urteilen. Diese stammt aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs und wurde seither kaum reformiert. Dass heute das Thema Flucht ganz oben auf der weltpolitischen Tagesordnung steht, sehen Betts und Collier jedoch als Chance für eine Reform. Heute befinden sich 65 Millionen Menschen auf der Flucht, das ist ein Prozent der Weltbevölkerung und der höchste je festgestellte Wert. Weniger als 10 Prozent flüchten nach Europa, alle anderen suchen zuerst Schutz in einem anderen Teil ihres Landes und fliehen später in ein benachbartes Land, mit dem sie Sprache und Kultur teilen. Diese Nachbarländer mit Geld und Ideen kräftig zu unterstützen, ist eine der Forderungen der Autoren: Die Integration ist einfacher, die Versorgung günstiger, und zudem kehren mehr Flüchtlinge nach der Krise in ihr Land zurück, wo sie für den Wiederaufbau dringend gebraucht werden. Im Kapitel »Umdenken« werden wir Leser gefordert. Wie stehen wir zum Thema, was sind unsere eigenen Ideen, Gefühle, Gedanken. Ein forderndes, aber auch sehr gutes Kapitel. Im letzten Teil folgen die Vorschläge der Autoren, was jetzt – ziemlich schnell – politisch getan werden müsste. Ich kann nur hoffen, dass viele Menschen – auch viele mit politischen Ämtern – diese sehr durchdachten und klugen Vorschläge umsetzen. Leider enthält der Text viele Wiederholungen. Dass er nicht gekürzt wurde, ist wohl dem hohen zeitlichen Druck zur Publikation geschuldet. Trotzdem: Bitte lesen! 
stern k Susanne Jäggi

carlo bernasconi: helvetia vegetaria. vegetarische rezepte aus der schweiz
5plus magazin17 Rezensionen 12
AT Verlag, 264 Seiten, € [D] 45,– | € [A] 46,30

Rösti, Fondue, Älplermagronen – was vereint diese klassisch schweizerischen Gerichte? Sie sind vegetarisch, wie viele andere traditionelle Rezepte. Jahrhundertelang wurde gekocht, was Gemüsegarten, Feld und Wald hergaben. Dazu gab es reichlich Milchprodukte: Käse, Milch, Butter und Rahm. 150 der beliebtesten Klassiker versammelt dieses sorgfältig geschriebene und wunderschön gestaltete Kochbuch. In sieben Regionen eingeteilt, erzählen die Rezepte und interessanten Begleittexte viel über die kulinarische Tradition der Schweiz. Laut dem AT Verlag liegt hiermit das erste Kochbuch zur vegetarischen Schweizer Küche vor. Gesammelt, gekocht und aufgeschrieben wurden die Rezepte von Carlo Bernasconi, dem Journalisten, Literatur- und Theaterkritiker, der in Zürich das Restaurant Cucina e Libri führte. Er ist im Oktober 2016 gestorben. In den letzten Jahren hat sich Bernasconi vermehrt der vegetarischen Küche gewidmet und mit La cucina verde einen Klassiker der italienischen Gemüseküche geschrieben. Dank einem aktiven und kompetenten Freundeskreis kam dieses Werk nun zustande. Ich wünsche dem Buch, das sich aus der Masse der Trendkochbücher wohltuend hervorhebt, dass es zu einem Standardwerk wird. 
stern k Susanne Jäggi

shawn vestal: loretta
5plus magazin17 Rezensionen 12
Kein & Aber, 350 Seiten, € [D] 24,– | € [A] 24,70

Aufwachsen in den siebziger Jahren! Alle träumen vom prallen Leben, von Musik und freier Liebe. Auch Loretta. Aber nur nachts, wenn sie aus dem Fenster steigt und mit ihrem Freund quer durchs einsame Idaho fährt. Denn Lorettas Eltern sind Mormonen und leben nur für den Glauben und ihre Gemeinde. Als die nächtlichen Ausflüge auffliegen, wird der Teenager kurzerhand verheiratet, mit einem Lebensmittelhändler, der bereits eine Familie hat, eine Frau und etliche Kinder. Loretta muss sich als Zweitfrau arrangieren und wird in den harten Arbeitsalltag eingebunden. Doch noch immer träumt sie von der Freiheit und plant ihre Flucht. Allerdings nicht mit ihrem Freund, der sich inkognito bei ihrem Ehemann hat anstellen lassen, sondern mit Jason. Der gleichaltrige Junge kommt zwar ebenfalls aus einer Mormonenfamilie, ist jedoch so ganz anders als alle anderen. Die Flucht gelingt, doch was kommt danach? Der Roman vermittelt einen hochinteressanten Einblick in eine verschworene Gemeinschaft – von einem, der es wissen muss: Shawn Vestal ist selbst in einer Mormonengemeinde aufgewachsen und hat sich erst als Erwachsener davon losgesagt. 
stern k Doris Widmer

annette herzog, ingrid & dieter schubert (illustrationen): frühling mit freund vorlesegeschichten
5plus magazin17 Rezensionen 12
Moritz, 76 Seiten, € [D] 14,95 | € [A] 15,40

Freundschaftsgeschichten. Mumpf, der einen Winterschlaf hält, und die Schneeeule, die auf ihren Freund wartet, sind die Hauptfiguren der Erzählungen in diesem sehr schön illustrierten Vorlesebuch. Die erste Geschichte beginnt am Ende des Winters. Sie Schneeeule freut sich, dass der Mumpf erwacht ist und ihr nun den Frühling zeigt. Der ist aber noch weit weg. Tief liegt der Schnee. Eule und Mumpf versuchen, den Schnee zu verbrennen. Sie spielen mit dem Schnee. Doch langsam, aber sicher kommt der Frühling zurück, und die beiden Freunde erleben eine spannende Zeit. Sie organisieren ein Frühlingsfest – »Frühlingsfest bei Mumpf und Eule (Freunde). Morgen.«, steht auf der Einladung. Leider kommen die Gäste einen Tag zu früh, die Dachse, Hasen, fünf Eichhörnchen und viele andere Tiere des Waldes … Doch es wird ein tolles Fest mit Tee und Tanz und spannenden Gesprächen. Die Bilder von Ingrid und Dieter Schubert sind einfach wunderschön und passen prima zu den Geschichten von Mumpf und Schneeeule. 
stern k Cristina Roca

librium bücher ag
Theaterplatz 4      CH-5400 Baden
Telefon + 41 - 0 - 56 - 2 22 46 66
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
 

schleichers

robert menasse: die hauptstadt
5plus magazin17 Rezensionen 62
Roman Suhrkamp, 459 Seiten, € [D] 24,– | € [A] 24,70

Alle reden von Europa. Wer oder was ist denn dieses Europa? Hat es überhaupt eine Hauptstadt? Brüssel gilt als Hauptsitz der Institutionen der Europäischen Union. Parlamentssitz ist Straßburg, der Europäische Gerichtshof liegt in Luxemburg. »Zusammenhänge müssen nicht wirklich bestehen, aber ohne sie würde alles zerfallen.« So das Motto des ersten Kapitels von Menasses Roman. Jedenfalls laufen in Brüssel alle Fäden zusammen, die von den unterschiedlichsten Akteuren aus 27 Staaten in den Händen gehalten, verknüpft, verknäult und manchmal wieder entwirrt werden müssen. So viele Sprachen, so viele Mentalitäten, so viele Charaktere und sehr viel Persönliches fern der Heimat: Leid, Freude, Neid, Enttäuschung. Jeden Tag jagen sie ein neues Schwein durchs Dorf, genauer durch die EU-Länder. Mal sind es Vorschriften über die Krümmung von Gurken, ein andermal wird die Generaldirektion Kultur von der Generaldirektion Kommunikation beauftragt, das Ansehen der EU-Kommission aufzupolieren. Ihre Idee: ein Festakt zum Gründungs-Jubiläum unter dem Motto »Nie wieder Auschwitz«. Schließlich lehrt die historische Erfahrung, formuliert vom Mitgründer der EU Jean Monet: »Nationalismus führt zu Rassismus und Krieg, in radikaler Konsequenz zu Auschwitz.« Aber das Projekt hat viele Tücken parat, und Robert Menasse lässt mit wienerisch-jüdischem Humor die Handlungsstränge überraschende Wendungen nehmen. Dem Leser wachsen die handelnden Personen ans Herz. Hochaktuell. Selbst der Brexit wirft seine Schatten aufs Geschehen. Ein großes Lesevergnügen. 
stern k Jürgen Schleicher

moyshe kulbak: montag. ein kleiner roman
5plus magazin17 Rezensionen 12
Aus dem Jiddischen und mit einem Nachwort von Sophie Lichtenstein edition.fotoTAPETA, 111 Seiten, € [D] 12,80 | € [A] 13,20

In diesem »kleinen Roman«, 1926 in jiddischer Sprache in Warschau erschienen, steckt ein ganz, ganz großer. Hier sitzt jeder Satz, kein Wort zu viel, keines zu wenig: präzise, expressiv poetisch, philosophisch und visionär. Der Autor: ein gänzlich Unbekannter. Das wird sich nun ändern. Sie sollten dieses Buch unbedingt lesen. Wovon erzählt es? In seinem Dachstübchen sitzt der Hebräischlehrer Mordkhe Markus über seinen Büchern und liest und denkt nach und liest und denkt nach. Ein Büchermensch, ein Gelehrter, in Würde arm, aber reich an philosophischem und pädagogischem Impetus, ein liebenswürdiger Humanist und ein emphatischer Idealist. Vor seiner Tür, auf der Straße, findet nicht weniger als ein Weltbeben statt: Schüsse fallen, Menschen werden erschossen, leiden Hunger. Es ist die Zeit der Russischen Revolution. Mordkhe Markus ist ein Denker, kein Träumer. Er ist durchaus für die Veränderung der Gesellschaft, allein es fehlt ihm bei all diesem kommunistischen Geschrei etwas Entscheidendes: Freiheit! Er will einfach im Stillen studieren und nicht mit lauten Parolen agieren. Die Sache geht für ihn nicht gut aus. Moyshe Kulbak (1886 – 1937) ist für mich die größte literarische Entdeckung des Jahres. Wir verdanken dieses Buch dem seit zehn Jahren unermüdlichen Agieren eines kleinen Berliner Verlages. Was für ein Schatz hier gehoben wurde, erkennt jeder Sprach- und Literaturliebhaber sofort. Selten ist mir die russisch-jüdische Welt so nah gekommen. Immer wieder schmerzt der Verlust einer so radikal unumkehrbar vernichteten, großartig reichen Kultur. Ein Nachwort der Übersetzerin von hohem Informationswert gibt Ihnen alles an die Hand, was Sie zum Verständnis dieses Buches und der Zeit, aus der es kommt, benötigen. Ein Glücksfall! Und sollten Sie Weiteres von Moyshe Kulbak lesen wollen, haben Sie dazu Gelegenheit: Ebenfalls gerade neu erschienen ist sein Roman Die Selmenianer im Verlag Die Andere Bibliothek. 
stern k Silke Grundmann-Schleicher

günter karl bose: bookish! ein blick zurück
5plus magazin17 Rezensionen 12
Mit einem Essay von Michael Hagner Wallstein, 240 Seiten, ca. € [D] 29,90 | ca. € [A] 30,80

Bookish: zu übersetzen mit büchernärrisch oder eine Beziehung zum Buch haben oder in Beziehung auf das Buch oder Interesse haben an, auch gernhaben. Ach, du deutsche Sprache, wie bist du doch so ungelenk und phantasielos manchmal, bürokratisch umständlich undsteif. Bookish: muss man nicht übersetzen, versteht jeder! Oder? Sein ganzes Leben lang hat Günter Bose, Professor für Typologie, Verleger, Gestalter von Büchern, Plakatkünstler, Herausgeber zahlreicher Schriften zur Kulturund Mediengeschichte, Postkarten gesammelt, auf denen eines niemals fehlt: Bücher. Menschen mit Büchern, Räume mit Büchern, Regale mit Büchern, Herren, Damen, Kinder in ernsthaften wie komischen, unerwarteten wie herzerfrischenden und -erwärmenden Situationen: natürlich, inszeniert, spontan, gestellt, lustig, propagandistisch, erhaben, romantisch, erwartungsvoll, verführerisch, intellektuell, parodistisch, zufällig, entfremdet, liebevoll, antiquiert und nostalgisch – all das, aber vor allem immer irgendwie selbstverständlich. Mit dieser Selbstverständlichkeit ist es partiell vorbei. Oder nicht? Dieser Bildband ist ein so unglaublich leidenschaftliches Plädoyer für zweierlei: das Buch und das Buch in der Fotografie. Der Essay lässt uns erhellt schmunzeln: »Sammeln. Befriedigt, wie wir wissen die Objektlibido. Leben kann […] nur heißen, dass das Buch unseren Kopf in Bewegung setzt. Also dann: Bücher auf Vorrat kaufen und sich dadurch in Bewegung halten.« Oder: »Buch und Schlaf haben ein unkompliziertes Verhältnis zueinander. Wer sich hinlegt, um zu lesen, weiß, dass der Schlaf nicht fern ist. Wer regelmäßig über einem Buch einschläft, wird das kaum auf das Buch schieben und auch nicht mit dem Lesen aufhören. Die Fokussierung der Aufmerksamkeit kann eben auch hypnotisch sein, was weder gegen das Buch noch gegen seinen Leser spricht. Wer allerdings behauptet, Bücher seien so langweilig, dass er darüber einschlafe, ist selbst eine rechte Schlafmütze, in die nichts hineinzubringen und aus der nichts herauszuholen ist.« Bookish – ein Blick zurück! Lesen und schauen! Sie werden garantiert nicht darüber einschlafen. 
stern k Silke Grundmann-Schleicher

lutz c. kleveman: lemberg | die vergessene mitte europas
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Aufbau Verlag, 315 Seiten, € [D] 24,– | € [A] 24,70

Um sich ein Bild von der 2014 ausbrechenden Ukraine- Krise zu machen, begibt sich der Journalist und Historiker Lutz C. Kleveman ins westukrainische Lemberg. Ergebnis seiner Recherchen ist ein aufwühlendes, verstörendes, unbedingt lesenswertes Buch, das weit über eine kulturgeschichtliche Darstellung der Stadt hinausgeht. Lembergs Geschichte zu schreiben bedeutet, eine Geschichte immer wieder virulenter Gewalt zu dokumentieren und zu bewerten. Kleveman schildert neben bekannten stadthistorischen Tatsachen die unbequemen erschütternden, zum Teil bis heute negierten oder ideologisch instrumentalisierten Kapitel der Vergangenheit: u. a. das auf europäischem Boden größte Judenpogrom seit dem Mittelalter im Juli 1941, in dessen Verlauf »4000 Menschen tot in den Straßen von Lemberg lagen«; die Geschichte des Stalag 328, des Vernichtungslagers der Wehrmacht auf der Lemberger Zitadelle, in dem innerhalb von drei Jahren etwa 140 000 Kriegsgefangene verhungerten oder getötet wurden; sowie die Geschichte des KZs Janowska, in dem nach der Liquidierung des Lemberger Ghettos 1943 die letzten Lemberger Juden besonders grausam vernichtet wurden. Lemberg schrumpftbis 1944 auf die Hälfte seiner Bevölkerung und verliert im Lauf seiner weiteren Geschichte fast 90 Prozent seiner ursprünglichen Einwohner. Klevemans Schilderungen sind besonders im zweiten Buchteil nur schwer zu ertragen, da er dem Leser traurige Tatsachen und sadistische Grausamkeiten nicht erspart. Doch macht nur dieses Vorgehen begreifbar, wie tief tatsächlich die Risse, wie stark Verdrängung, wie vielfältig und zentral emotionale Verflechtungen auf dem europäischen Kontinent wirken. 
stern k Malcah Castillo

uwe soukup: der 2. juni 1967 | ein schuss, der die republik veränderte
5plus magazin17 Rezensionen 12
TRANSIT Buchverlag, 191 Seiten, € [D] 20,– | € [A] 20,60

Kaum ein Ereignis der Nachkriegszeit hat das Vertrauen der jungen Generation in die Rechtsstaatlichkeit der Bonner Republik so massiv und nachhaltig erschüttert wie der gezielte Todesschuss des Staatsschutz-Beamten Kurras auf den Demonstranten Benno Ohnesorg. Die Bedrohung der Pressefreiheit in der Spiegel-Affäre, die Auseinandersetzung um die Notstandsgesetze und die Versuche, in Schulen und Universitäten politische Diskussionen über das kapitalistische System und den Krieg der USA in Vietnam zu verhindern, brachten vor allem die Studenten gegen den autoritären Staat auf. Auch die Rolle der Wissenschafts- und Wirtschaftselite in der Nazizeit musste hinterfragt werden. Besonders im eingemauerten Berlin des Kalten Krieges prallten die Gegensätze sehr massiv aufeinander. Die Demonstrationen gegen den Besuch des iranischen Potentaten Schah Reza Pahlavi boten der Westberliner Polizei die Gelegenheit, den aufmüpfigen Studenten eine Lektion zu erteilen, damit ihnen die Lust am Demonstrieren vergehe. »Rädelsführer« sollten von zivilen Greiftrupps dingfest gemacht und die Demonstranten mal ordentlich verprügelt werden. Eine richtige »Notstandsübung«. Fotos und Filme liefern umfangreiche Beweise von der Brutalität der Staatsdiener und dem Todesschuss auf Benno Ohnesorg. Dieses Material, sowie Justiz- und Behördenakten und viele Augenzeugenberichte, hat Uwe Soukup zusammengetragen und neu bewertet. So entstand eine Dokumentation über ein Staatsverbrechen: den Mord an Benno Ohnesorg. Denn der zweite Teil des Skandals besteht in der systematischen Vertuschung der wahren Vorgänge bei der Aufarbeitung durch Polizei, Justiz, Mediziner und andere staatliche Organe. Der Todesschütze Kurras wurde vor Gericht in allen Verfahren freigesprochen und lebte bis zu seinem Tod unbehelligt in Berlin. Nur einmal noch machte er Schlagzeilen, als 2009 herauskam, dass er für die DDRStaatssicherheit die Westberliner Polizei ausgespäht hatte. Auch dieses Doppelspiel wird im Buch beleuchtet. Soukup gelingt ein sehr interessantes Zeitdokument. Eine Mahnung an uns alle, wachsam zu sein gegenüber staatlicher Macht. Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit und Meinungsfreiheit müssen auch in Demokratien stets verteidigt werden. 
stern k Jürgen Schleicher

uwe rada: 1988
5plus magazin17 Rezensionen 12
edition.fotoTAPETA, 256 Seiten, € [D] 18,50 | € [A] 18,95

1988 wird in Westberlin noch der Revolutionäre 1. Mai zelebriert. Das aber, was jenseits der Stadtgrenzen im Osten liegt, ist für die meisten Möchtegern-Revolutionäre und Pseudo-Internationalisten terra incognita, ein weißer Fleck auf der Landkarte: hic sunt leones. Manchmal kommt es Jan so vor, als träume er, an den heißen Abenden im Sommer, bei seinen ersten Begegnungen mit Wiola, der ungreifbaren schönen, eigensinnigen Wiola aus Krakau. Dreißig Jahre später, als Jan sich erinnert – inzwischen nicht mehr verkrachter Student, sondern Mann mit Frau und Haus am Berliner Stadtrand –, da ist er sich nicht mehr so sicher, ob dieser Traum damals nicht ein Albtraum war. Wiola hat ihm aus dem fernen Krakau, aus der Ferne der Erinnerung, einen Brief geschrieben: Jan, erinnern Sie sich? Natürlich erinnert er sich. Das ganze Buch ist eine Erinnerung. An Westberlin, das es nicht mehr gibt, an die Grenze, die es nicht mehr gibt, an eine Liebe, die es nicht mehr gibt, und an all die Fremdheit zwischen Polen und Deutschland, die es vielleicht immer noch gibt. »Uwe Rada versteht es, vergessene Geschichte wieder zum Leben zu erwecken«, hieß es im Deutschlandradio Kultur vor einiger Zeit über den Autor, der bekannt wurde durch seine wundersamen Bücher über große Flüsse. Jetzt also der Roman 1988, und wieder erzählt Rada Geschichte, die fast vergessene Geschichte einer Liebe und gleichzeitig die Geschichte einer schwierigen Annäherung zwischen dem Deutschen an Polen. »Eine platonische Liebe ist und bleibt eine Liebe«, meint der Ich-Erzähler an einer Stelle seiner Reise zwischen Berlin und Krakau, zwischen damals und heute, die ihn nach all den Jahren zu einer neuen Begegnung mit Wiola führen soll. Und mittlerweile weiß er auch: Selbst in dieser Liebesgeschichte wurde Geschichte verhandelt. Jan, der Revolutionsromantiker seiner jungen Jahre, wurde von Wiola die ganze Zeit mit Stoff eines für sie noch sehr präsenten echten Romantikers versorgt, des polnischen Nationaldichters Adam Mickiewicz. Die Gedichte Mickiewiczs sind die ganze Zeit mit dabei, bei diesem Roadmovie zwischen Kreuzberg und Krakau, das zweimal abläuft: einmal 1988 und einmal heute. Der Vergleich, sehr gut erzählt, spricht buchstäblich Bände. 
stern k Silke Grundmann-Schleicher

schleichers buchhandlung dahlem-dorf e. k.
Königin-Luise-Straße 41      D-14195 Berlin
Telefon 0 30 - 84 19 02-0
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kohlhaas & company
BUCHHANDLUNG IM LITERATURHAUS BERLIN
Fasanenstraße 23      D-10719 Berlin
Telefon 0 30 - 8 82 50 44
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wetzstein

5plus magazin17 Rezensionen 68
 
gustave flaubert: bouvard und pécuchet (4 bde.)
Aus dem Französischen von Hans-Horst Henschen Wallstein, insg. 2080 Seiten, Subskriptionspreis bis zum 02. 01. 2018 € [D] 99,– | € [A] 101,80 danach € [D] 128,– | € [A] 131,60

»Diese verdammte Schwarte wird nur als Ganzes Bedeutung haben.« Flauberts Spätwerk Bouvard und Pécuchet besteht aus dem Romanfragment, der Universalenzyklopädie der menschlichen Dummheit (Sottisier und Flauberts Handschriften und Kommentar zu diesen Materialien und Aufzeichnungen), sowie dem Wörterbuch der gemeinen Phrasen, einem Vademekum für den alltäglichen Schwachsinn, Gebrauchsanweisung für das hohle Gespräch. Die unabhängig voneinander verfassten Arbeiten bilden ein großes Ganzes und sind nun erstmals im Wallstein Verlag in einer vierbändigen Ausgabe erschienen. Den einen von uns ist die Geschichte längst bekannt, den anderen sei sie als Lektüre dringend ans Herz gelegt. Zwei Langweiler vor dem Herrn, Büroangestellte in Paris, machen eine Erbschaft, beschließen, sich aufs Land zurückzuziehen und sich fortan höheren Dingen, der Forschung und Mehrung ihres Wissens, zu widmen. Sie beginnen bei der Landwirtschaft und scheitern, ebenso wie bei der Konservenbereitung, zu der sie im Anschluss übergehen. Als ihnen die explodierenden Dosen um die Ohren fl iegen, wenden sie sich der Historie zu, dann der Biologie, Medizin, Geologie, Paläontologie, der Gymnastik und Pädagogik, scheitern bei allem auf ganz großem Fuß, taumeln von einem Misserfolg zum nächsten und landen letztendlich bei der Liebe. Auch dieser Ausfl ug wird zum Desaster. Flauberts Hass auf die Dummheit seiner Epoche hat ihn zu einer ungeheuren Anhäufung an Wissen für dieses Spätwerk getrieben. Dummheit wahrzunehmen und sie einfach nicht mehr ertragen zu können: Hier enden Bouvard und Pécuchet, wie auch ihr Schöpfer. Und wenden sich wieder dem Abschreiben zu. So mündet das letzte Werk des großen Pessimisten Flaubert in schräge Heiterkeit (FAZ). stern k

5plus magazin17 Rezensionen 71
rodrigo hasbún: die affekte
Aus dem Spanischen von Christian Hansen Suhrkamp Verlag, 142 Seiten, € [D] 18,– | € [A] 18,50

Der kleine Roman des bolivianischen Autors palästinensischer Herkunft mit Wohnort Houston, Texas, hat Shakespeare’sches Format. Kühl, sachlich, elegant formuliert kleidet Hasbún eine historische Episode (beteiligt ist u. a. Klaus Barbie, der Schlächter von Lyon, in der Rolle des Freundes und Verräters der Protagonisten) und eine große menschliche Tragödie in ein intensives Kammerspiel. Die Familie Ertl wandert aus dem München der Nachkriegsjahre mit drei Töchtern nach Bolivien aus. Der exzentrische Vater war Bergsteiger, erster Kameramann von Leni Riefenstahl und bevorzugter Fotograf von Erwin Rommel. Das Leben in dem armen südamerikanischen Land wird für alle zum Abenteuer, zur großen Herausforderung. Der Vater schafft sich dort seine eigene – sehr deutsche – Welt als Farmer, der auf Expeditionen geht und sich z. B. bei seiner Suche nach der Inkastadt Paititi von der Familie begleiten lässt. Seine Lieblingstochter Monika jedoch geht im Lauf der Jahre ihren eigenen revolutionären Weg. Zunächst heiratet sie in die bolivianische Oberschicht. Bald aber distanziert sie sich von diesem Leben, lässt sich scheiden und schließt sich der GuerillaOrganisation ELN an. Vermutlich hat sie 1971 in Hamburg den bolivianischen Generalkonsul erschossen, aus Rache für die Ermordung Che Guevaras und dessen Nachfolgers Inti Peredo, dessen Geliebte sie war. Die Waffe stammte von Giangiacomo Feltrinelli. Der Fall wurde nie aufgeklärt. 1973 wird Monika Ertl von der bolivianischen Polizei erschossen. Hasbún erzeugt mit seinen knappen Sätzen, mit einer Geschichte, die nahezu beiläufi g wirkt, im Lauf der 140 Seiten höchste Aufmerksamkeit und Spannung. Er versteht es meisterhaft, Neugierde und Phantasie anzuregen, zum Weiterdenken zu verführen, indem er bei den Nöten, den Ängsten, den Grausamkeiten gerade nicht ins Detail geht. Lange nachdem man das Buch zugeschlagen hat, wirken diese aber noch in unseren Gedanken nach. Ein kleiner Roman, ein großes, ja großartiges Buch. stern k

5plus magazin17 Rezensionen 75
giacomo leopardi: opuscula moralia oder vom lernen, über unsere leiden zu lachen
Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber Die Andere Bibliothek, 360 Seiten, € [D] 42,– | € [A] 43,20

Christian Döring, Programmverantwortlicher für die Andere Bibliothek, hat mit diesem Buch wieder einen sehr besonderen Band vorgelegt. Giacomo Leopardi (1798–1837) gilt neben Allesandro Manzoni als der große Erneuerer der italienischen Literatursprache. Er gilt aber auch als großer Pessimist, Melancholiker und gelehrter Skeptiker, starb mit nur 39 Jahren und hinterließ ein umfangreiches und höchst beeindruckendes Werk. Adeliger Abstammung, in einem reaktionären Elternhaus aufgewachsen, von geistlichen Privatlehrern erzkonservativ und zugleich anspruchsvoll unterrichtet, klein, bucklig und kränklich, wurde die Bibliothek seines Vaters schon früh zu seinem eigentlichen Lebensquell. Bereits als Junge schrieb Leopardi Gedichte, Theaterstücke und übersetzte, zunächst wahllos, später wissenschaftlich anerkannt, viele Werke aus der väterlichen Bibliothek. Hierbei waren seine enormen Sprachkenntnisse qualifi ziertes, bestes Handwerkszeug. Opuscula Moralia oder Vom Lernen, über unsere Leiden zu lachen ist ein Buch, das man gerne in die Hand nimmt, darin blättert, all die liebevollen Details der Gestaltung betrachtet. Wenn man sich dann der Lektüre widmet, ist diese eine Offenbarung an Geist, Gefühl, Witz, satirischphilosophischer Prosa, die sich in schönster, melodischer Sprache dem Schicksal des Menschengeschlechts widmet: in vor Witz sprühenden Dialogen, in kleinen, philosophisch unterlegten Theaterstücken, in eigenwilligen, skurrilen Fabeln. Ausgewählt und übersetzt wurden die Texte vom großen Burkhart Kroeber, der dem Ganzen ein kluges Nachwort beigefügt hat. Was er darin über das neue Übersetzen von Klassikern schreibt, das sich häufi g eng an die VorgängerÜbersetzungen anlehnt, ohne dies zu erwähnen, stimmt nachdenklich und lässt einen manche der hochgepriesenen Neuübertragungen kritisch betrachten. Bei aller pessimistischen Lakonie, mit der Leopardi die Menschen betrachtet, ist dies ein ungemein geistreiches und vergnügliches Buch. stern k

5plus magazin17 Rezensionen 72
nicolas mahler: alte meister

Graphic Novel nach Thomas Bernhard,
herausgegeben von Andreas Platthaus
Suhrkamp Verlag, 159 Seiten, € [D] 18,99 | € [A] 19,60

nicolas mahler: der mann ohne eigenschaften

Graphic Novel nach Robert Musil,
herausgegeben von Andreas Platthaus
Suhrkamp Verlag, 156 Seiten, € [D] 18,99 | € [A] 19,60

nicolas mahler: auf der suche nach der verlorenen zeit

Graphic Novel nach Marcel Proust
Suhrkamp Verlag, 174 Seiten, € [D] 18,95 | € [A] 19,50

Eine Schimpfkanonade sondergleichen und zwei nicht enden wollende große Werke der Weltliteratur, das sind Thomas Bernhards Alte Meister, Musils Mann ohne Eigenschaften und Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Der 1969 in Wien geborene Comiczeichner Nicolas Mahler hat Musil und Proust ganz sicher vollständig gelesen und wahrscheinlich die Alten Meister von Bernhard laut deklamiert, wegen der Bosheit darinnen. Dann hat er sich hingelegt und nachgedacht, den Skizzenblock auf die Brust gelegt und ist eingeschlafen. Der Skizzenblock auf der Brust muss sein, weil Mahler sonst ein schlechtes Gewissen wegen Faulheit bekäme. Mit dem Block aber schaut das Ganze auch beim Schlafen nach Arbeit aus. Seine vielleicht im Schlaf ausgedachten Figuren haben keine Augen, keine Ohren, keine Mün der, aber sie haben Charakter. Mehr noch, sie erzeugen eine Stimmung, verbreiten Atmosphäre. Mahler bebildert nicht einfach, liefert keine Kurzfassung, sondern schafft Neues. Und ermöglicht damit einen anderen Blick auf den Ausgangspunkt, den Roman. Mit dem Betrachten seiner Bilder geht eine Art Entschleunigung einher, Ruhe kehrt ein, man denkt und lacht, man lächelt und denkt weiter. Seinen Zeichnungen stellt Mahler immer lakonische, mal abgründige, mal absurde Sätze an die Seite. Alles ist extrem reduziert. Und fügt sich dennoch zu einem stimmigen, runden Ganzen. Literatur in diese minimalistischen Zeichnungen zu verwandeln, ohne sie zu kleinzumachen, das ist ganz groß. stern k

5plus magazin17 Rezensionen 77
william shakespeare: gesamtausgabe (39 bde.)

Aus dem Englischen von Frank Günther
ars vivendi Verlag, je Band [D] 33,– | € [A] 34,–
Subskriptionspreis aller 39 Bände [D] 1093,95 | € [A] 1127,10

william shakespeare: shakespeare und seine welt

Herausgegeben und vorgestellt von Günter Jürgensmeier
Galiani Verlag, 816 Seiten, € [D] 89,– | € [A] 91,50


Shakespeare ist und bleibt ein Rätsel. Glücklicherweise. Seine Historien, Tragödien, Komödien und die poetischen Werke sind unerschöpfl ich. Egal, wie ein Theater sie auf die Bühne bringt, wie ein Film sie umgestaltet, wie ein Schauspieler sie vorträgt: Sie bleiben Shakespeare. Die Gesamtausgabe der Werke des bedeutendsten englischen Dichters im ars vivendi Verlag ist ein (Sommernachts) Traum. Die Bände sind zweisprachig, in Leinen gebunden, von Frank Günther übersetzt. Dieser, Anglist, übertrug, als Regisseur tätig, in den 80er Jahren fürs Theater Viel Lärm um Nichts. Und so kam Shakespeare zum Entsetzen der an Schlegel Gewöhnten derb, obszön und äußerst witzig auf die Bühne. Damals legte Günther den Grundstock für all seine folgenden Übertragungen. Er schuf für Shakespeares hochkomplexe Sprache eine deutsche Poetologie, ließ den Text »über das Metrum laufen« und ihn gleichzeitig ohne Jargon und falsche Aktualisierung auskommen. Ein wahnsinniges Unterfangen, genauso wie diese äußerst schön gestaltete Gesamtausgabe. Beides ist bewundernswert geglückt. Leseglück und eines der Haptik obendrein! Pracht mit hochwertigem Inhalt: Das ist Shakespeare und seine Welt von Günter Jürgensmeier. Der in Leinen gefasste Folioband mit über 800 Seiten enthält alles zu des Dichters Werk, was das Herz begehrt. Jürgensmeier hat sorgfältig nach den Quellen geforscht und nur diejenigen, die als gesichert gelten, verwandt. Welche Vorlagen dienten für Shakespeares Stücke? Welchen Materials hat sich der Dichter bedient? Was schöpfte er aus der Welt, in der er lebte? Auch er kann das Rätsel Shakespeare nicht lösen, aber liefert uns mit diesem phantastischen Buch eine vorzügliche Wegbeschreibung. Ein Band zum Genießen, für Stunden, einen Tag, für Monate, ein Leben lang. stern k

5plus magazin17 Rezensionen 78
stefan zweig: sternstunden der menschheit)

Illustrationen von Jörg Hülsmann
S. Fischer Verlag, 272 Seiten, € [D] 30,– | € [A] 30,90

Große Geister und große Leistungen treffen in den Sternstunden der Menschheit von Stefan Zweig zusammen. Gekonnt vermischt der zeit seines Lebens ungemein produktive österreichische Autor in den vierzehn historischen Miniaturen Fiktion und Wirklichkeit. Geschichte im Novellenformat, im Vordergrund nicht die historischen Fakten, sondern deren persönliche Wertung durch den Dichter: Nuñez de Balboa als Entdecker des Pazifi schen Ozeans, Kapitän Scott als Verlierer am Südpol, Waterloo und Die Eroberung von Byzanz, Goethes späte Liebe zu Ulrike von Levetzow, Präsident Wilsons Versagen und anderes mehr. Die zu unterschiedlichen Zeiten entstandenen und in unterschiedlichen Zusammenstellungen erschienenen Miniaturen haben eine wechselvolle Editionsgeschichte. 1927 wurde die Erstausgabe der Sternstunden als Teilsammlung von fünf der Miniaturen im InselVerlag zu Leipzig herausgegeben. Und war sofort ein großer Erfolg. 1939 wechselte Zweig, verärgert wegen einer Indiskretion, vom Insel Verlag zu Gottfried Bermann Fischer. Nach Zweigs Tod kamen 1943 im S. Fischer Verlag sieben weitere Geschichten hinzu. Die Sternstunden wurden auch dort zu Zweigs populärstem und erfolgreichstem Buch. In den heutigen Ausgaben fi nden sich zwei weitere, 1940 zunächst auf Englisch erschienene Geschichten zu Cicero und dem USamerikanischen Präsidenten Woodrow Wil son. Und so spiegelt die Geschichte dieses Buches in Teilen auch das Leben des vor den Nazis gefl ohenen Dichters wider, der 1942 gemeinsam mit seiner Frau in Brasilien letztendlich vor diesem Leben kapitulierte. Jörg Hülsmann, 1974 geboren, arbeitet als Illustrator für verschiedene Verlage und gestaltet als Buchkünstler freie Projekte. Er lebt in Berlin. Sein Buchobjekt Die unsichtbaren Städte nach Italo Calvino wurde von der Stiftung Buchkunst als eines der schönsten deutschen Bücher ausgezeichnet. In der jetzt erschienenen besonders schönen Ausgabe im besonderen Format hat Hülsmann Stefan Zweigs vierzehn Miniaturen »bildhaft gestaltet, illustriert und auf seine Weise interpretiert«. stern k

Fax 07 61 - 3 92 80      Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!      www.buch-wetzstein.de     Texte: Susanne Bader