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Buchhandlung Klaus Bittner

 
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»[…] „Die Mutter hat gesagt, ich hätt’s geträumt“, flüsterte sie. „Es kommen oft Leut’ in der Nacht im Traum, die sich bei Tag nicht sehen lassen, sagt die Mutter. Großvater und Großmutter, die sind schon lang im Himmelreich, und wenn sie nachts kommen, so ist’s geträumt. Bist du im Himmelreich?“ „Nein“, sagte der Namenlose. „Ich bin auf Erden. Ich lebe.“ „Warum kommst Du dann nicht, wenn’s Tag ist?“ „Weil mein Pferd bei Tag den Weg gar langsam trabt“, gab der Namenlose zur Antwort, „in der Nacht aber, da fliegt es durch die Luft in Windeseil’, in einer Stunde fünfhundert Meil’.“ Maria Christine nickte eifrig mit dem Kopf, es gefiel ihr, daß das Pferd so rasch durch die Luft flog. (…) „Warum hast du den Hut so tief in die Stirne gezogen? Bist du der Herodes?“ „Nein, du weißt wohl, wer ich bin.“ „Ja, ich weiß es und ich hab‘ auch nicht Angst, ich kenn‘ dich an der Stimme. Und wenn die Mutter morgen wiederum sagt, ich hätt’s geträumt…“ „So war’s geträumt“, sagte der Namenlose leise und eindringlich. Maria Christine schwieg. Ein dunkles Gefühl erwachte in ihr, daß sie das nächtliche Kommen und Gehen ihres Vaters für sich behalten müsse. […]« stern kaus: Leo Perutz, Der schwedische Reiter, © Paul Zsolnay Verlag Wien 1936 und 2002. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags. 256 S., € [D] 19,90, € [A] 20,50

 
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»[...] Bald wirst Du jetzt zweiundachtzig sein. Du bist um sechs Zentimeter kleiner geworden, Du wiegst nur noch fünfundvierzig Kilo, und immer noch bist Du schön, graziös und begehrenswert. Seit achtundfünfzig Jahren leben wir nun zusammen, und ich liebe Dich mehr denn je. Kürzlich habe ich mich von neuem in Dich verliebt, und wieder trage ich in meiner Brust diese zehrende Leere, die einzig die Wärme Deines Körpers an dem meinen auszufüllen vermag... Unsere Geschichte begann auf wunderbare Weise, fast wie ein coup de foudre – Liebe auf den ersten Blick. Am Tag unserer Begegnung warst Du von drei Männern umringt, die Dir das Pokerspiel beibringen wollten. Du hattest üppiges rotbraunes Haar, die perlmuttschimmernde Haut und die hohe Stimme der Engländerinnen... Du warst souverän, unübersetzbar witty, schön wie ein Traum. Als unsere Blicke einander begegnet sind, habe ich gedacht: „Bei ihr habe ich nicht die geringste Chance.“ [...]«stern kaus: André Gorz, Brief an D. - Geschichte einer Liebe, Rotpunktverlag, 100 S., € [D] 9,90, € [A] 10,20 Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer

 
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»[...] und da hörte ich neben mir meine Mutter wimmern, ich blickte immer noch meinen Vater an, ich wünschte, er würde etwas sagen, er würde zu sich kommen, er würde mich erkennen, er soll mich erkennen und irgendetwas sagen, die Hände aus den Handschellen zerren, er soll zu uns kommen, mich umarmen, er soll mich in die Arme nehmen und auch Mutter umarmen, und nicht nur so dastehen, er soll zur Besinnung kommen, er soll sich zusammenreißen, und ich hörte, daß Mutter erneut aufstöhnte, wimmerte, und ich hörte auch, daß sie laut Luft schluckte, ich wußte, daß sie gegen das Weinen ankämpfte, sie versuchte, ihre Tränen zurückzudrängen, denn sie wollte nicht, daß Vater sie weinen sah, und ich wußte, daß ich gleich losschreien, Vater gleich anschreien würde, da zuckten seine Nasenflügel, er schnaubte, schnappte zweimal nach Luft, das dritte Mal atmete er schon tief ein, seine Wimpern zuckten, ein Krampf verzerrte sein Gesicht, dann senkte er den Blick, hinunter zum offenen Sarg. […]«stern kaus: György Dragomán, Der weiße König, Suhrkamp, 294 S., € [D] 12,00, € [A] 12,40 Aus dem Ungarischen von Laszlo Kornitzer

 
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»[...] Er erweckte den Anschein eines Menschen, den wichtige A n gel e genheiten und keinen Aufschub duldende Verabredungen erwarteten, er sah sogar nervös auf seine Uhr und erhöhte allmählich das Tempo. Das Endziel dieses Gehens war immer ein und dasselbe - das Zigarettengeschäft. Er hatte sich absichtlich das weiter entferntere ausgesucht, das einige Querstraßen von seiner Wohnung lag. Er hatte zumindest drei Gründe für diese Wahl: Es war weit genug entfernt für einen längeren Spaziergang, es öffnete morgens als erstes im Viertel, und im Lächeln der Verkäuferin lag etwas Besonderes, jenseits der gewöhnlichen Freundlichkeit. Oder zumindest kam es ihm so vor. Er steckte die Zigaretten ein, lächelte zerstreut und machte sich danach mit derselben Hastigkeit auf den Rückweg. Nirgends wartete jemand auf ihn. [...]« stern kaus: Georgi Gospodinov, 8 Minuten und 19 Sekunden. Erzählungen, Literaturverlag Droschl, 144 S., € [D] und € [A] 19,00 Aus dem Bulgarischen von Alexander Sitzmann

 
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»[…] „Wer weiß, was in den Dummkopf gefahren ist“, dachte Javier. Der Evinrude-Motor war fast neu und hatte einen soliden, gleichmäßigen Klang. Es machte Spaß, zu erleben, wie sich der Bug aufrichtete, wenn Mario Gas gab. Billig war der Motor nicht gewesen, aber was teuer ist, macht sich mit der Zeit bezahlt, dachte Javier. Sie kamen jetzt an die nördliche Spitze des Golfbogens und nahmen Kurs auf die erste Insel des Archipels, in deren Nähe sie die Angel auslegen wollten. Weit draußen, in nordwestlicher Richtung, hatten sich an einer Stelle dunkelgraue, fast schwarze Wolken zusammengeballt, eine steinfarbene Insel am Himmel, die sich jetzt unter unablässigem, heftigem Blitzen entlud. Es war, als würde sich an diesem fernen Punkt ein begrenztes Inferno abspielen. Der Rest des Meeres, der Rest des Universums war ruhig und blau. […]«  stern kaus: Tomás González, Was das Meer ihnen vorschlug, mare, 192 S., € [D] 18,00, € [A] 18,50 Aus dem Spanischen von Peter und Rainer Schultze-Kraft

 
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»[...] Alles, was mit diesem Ort zu tun hatund das ist ein Leben-, liegt wie unter dickem Glas. Du siehst die Details überdeutlich, ein Handumdrehen, und der Fokus deines Objektivs kehrt dir, als wäre es ein Schluck aus einem gläsern sprudelnden Trinkbrunnen, die eine oder andere Szene hervor: den Ausdruck eines Gesichts; die Rauheit eines die Schläfe streifenden Feigenblatts, den unklaren Bogen, den Großmutter Oljas Hand beschreibt, während sie einen Bausch gepflückter Rosenblätter in den sonnenglühenden Kupferkessel streut; der milchig-herbe Tropfen Saft an der noch grünen Feige; der Pfirsich, eben aus dem warmen, lichten Laub gezogen, den du dir, die Augen halb geschlossen, an die Lippen legst und dir vorstellst, mit Herzklopfen bis zum Hals, es wäre die Wange eines Mädchens; die zerrissene Spinnwebe im gleißenden Licht eines aus dem Taschenspiegel wippenden Sonnenstrahls […]; der Mistkäfer, der es nicht schafft, auf die Kugel zu kommen, die am Panzer haftenden Sandkörnchen glänzen […]. Jene Zeit auf Abseron ist eine Kostbarkeit, die sich nicht veräußern läßt..[...]« stern kaus: Alexander Ilitschewski, Der Perser, Suhrkamp, 750 S., € [D] 36,-, € [A] 37,10 Aus dem Russischen von Andreas Tretner

 
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»[…] Auf dem Höhepunkt dieses Platzregens im Sommer 1996 reifte in mir die Idee einer längeren Reise, in der ich Großbritannien durchschwimmen wollte. Ich würde dem Regen auf seinen Mäandern durch unser Land folgen bis hinauf zum Meer, um der frustrierenden Enge meiner Bahnen zu entfliehen und mich nicht mehr wie der Tiger im Käfig ständig um mich selbst zu drehen. Ich träumte von geheimen Badestellen in Flüssen und einer Entdeckungsreise durch das Wasser der wundersamen Inseln, wie William Morris es im Titel einer seiner Romanzen nennt. Inspiriert dazu hatte mich ein Klassiker von John Cheever, die Kurzgeschichte Der Schwimmer, deren Held Ned Merrill nach einer Party auf Long Island beschließ, seine zwölf Kilometer Heimweg durch die Swimmingpools der Nachbarn zu schwimmen [...]. Je länger ich darüber nachdachte, umso besessener wurde ich von der Idee einer solchen Schwimmreise. Ich träumte jetzt fast nur noch von Wasser. Schwimmen und Träumen flossen ununter scheidbar ineinander. […]« stern kaus: Roger Deakin, Logbuch eines Schwimmers, Naturkunden bei Matthes & Seitz Berlin, hg. von Judith Schalansky, 387 S., € [D] 38,-, € [A] 39,10 Aus dem Englischen von Andreas Jandl und Frank Sievers

 
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»[...] Das Leben arbeitet an unserer eigenen Karikatur. Sie, wir alle haben die Pflicht, die bestmögliche Karikatur aus uns zu machen, zu verbergen, was uns nicht gefällt, und hervorzuheben, was uns besser gefällt. Der kluge Kopf wird wissen, dass ich nicht nur die physischen Züge meine, sondern die mysteriöse Spur, die das Leben in unseren Zügen hinterlässt, diese moralische Landschaft, ja, so muss man sie nennen, diese moralische Landschaft, die sich allmählich auf unserem Gesicht abzeichnet, während das Leben seinen Gang geht und wir uns irren oder das Richtige tun, andere verletzen oder uns bemühen, es nicht zu tun, während wir lügen und täuschen oder uns manchmal unter großen Opfern an die so schwere Aufgabe halten, die Wahrheit zu sagen. […]« stern kaus: Juan Gabriel Vásquez, Die Reputation, Schöffling, 192 S., € [D] 19,95, € [A] 20,60 Aus dem Spanischen von Susanne Lange

bücher, die das glück bringen ...
bei dombrowsky

sarah crossan: eins
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(ab 13 Jahren) mixtvision, 424 Seiten € [D] 16,90 | € [A] 17,40

Tippi und Grace sind einander näher, als bei Zwillingen üblich: als siamesische Zwillinge ab der Hüfte abwärts zusammengewachsen, führen sie bei ihren Eltern und der jüngeren Schwester ein wohlbehütetes Leben mit Privatlehrern. Neu an einer Privatschule setzen sich Erfahrungen für Tippi und Grace außerhalb der Familie fort: angegafft, bemitleidet, fotografiert und auch verspottet zu werden. Die freakige Yasmeen und der aufgeschlossene Jon sind die ersten wirklichen Freunde, die die Schwestern zulassen. Als sich Grace entgegen früherer Abmachung mit ihrer Schwester in Jon verliebt, beginnt sie, sich erstmals als eigenständige Persönlichkeit wahrzunehmen. Finanzielle Sorgen belasten die Eltern zunehmend. Die jüngere Schwester fühlt sich immer mehr ins Abseits gedrängt. Einzige Rettung böte die Kooperationsbereitschaft der Schwestern mit einer Reporterin, die deren Lebensgeschichte veröffentlichen möchte. Bis dahin vehement abgelehnt, stimmen Tippi und Grace zu, als die überlebensnotwendige, operative Trennung der beiden ansteht. Die selbst aufgestellte »Löffelliste« – Dinge, die sie tun möchten, bevor sie den Löffel abgeben – kommt nun zum Einsatz … Sarah Crossan beschreibt aus der Ich-Perspektive mit ihrer gewohnt dichten Sprache und ungewöhnlichem Satzspiegel, berührt, fesselt und begeistert! stern kDaniela Dombrowsky

kirsten boie/jan birck: bestimmt wird alles gut
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(ab 6 Jahren) Klett Kinderbuch, 48 Seiten € [D] 9,95 | € [A] 10,30

»Dies ist die wahre Geschichte von Rahaf, die ist jetzt zehn Jahre alt. Und von ihrem Bruder Hassan, der ist jetzt neun.« So beginnt Kirsten Boie die bewegende Geschichte der beiden Geschwister, die mit ihren Eltern und den kleinen Schwestern aus Homs in Syrien nach Deutschland fliehen. Wir erfahren, wie sie dort leben, spielen, zur Schule gehen, bis die Flugzeuge kommen. Der Krieg dominiert das Leben, beeinträchtigt den Alltag, konfrontiert die Kinder mit Tod und Einschränkungen. Über Ägypten und Italien, von Schleusern um ihr Hab und Gut gebracht, gelangen sie trotz widrigster Umstände unbeschadet nach Deutschland in ein Erstaufnahmelager. Kirsten Boie erzählt gemeinsam mit Mahmoud Hassanein in einfühlsamer Sprache und auf kindgerechte Art, Jan Birck illustriert sehr warmherzig die Etappen der Fluchtgeschichte dieser Familie. Im Anhang ein Sprachführer in Deutsch und Arabisch, bei Onilo pädagogisches Begleitmaterial für Pädagog/innen. Wir tauchen ein in die Welt der Menschen, die alles hinter sich lassen, um zu überleben, zu uns kommen und auf ein neues Zuhause hoffen. Sie erhalten sich die Zuversicht, die überlebensnotwendig ist, dass eines Tages alles gut wird. Bestimmt! Diesem Buch wünsche ich, dass es durch viele Hände geht und uns bewegt! stern kDaniela Dombrowsky

hanns-josef ortheil: der stift und das papier
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Luchterhand, 383 Seiten € [D] 21,99 | € [A] 22,70

Für dieses Buch nehme ich mir Zeit. Ich lese bedächtig die angenehm kurzen Absätze, halte inne, lese weiter. In meinem Kopf entsteht das Bild eines Kindes, welches an einem großen, aufgeräumten Holztisch sitzt und schreibt. Vorsichtig, um es nicht zu stören, setze ich mich dazu und blicke ihm über die Schulter. Staunend verfolge ich Zeile für Zeile den Weg des Stiftes, wie er ohne zu stocken über das zarte, weiße Papier gleitet. Die Sätze, die dort entstehen, berühren mich zutiefst. Inzwischen weiß ich, wie wichtig das tägliche Schreiben für das Kind ist. Es hat eine schwere Zeit hinter sich. Lange war es stumm und sprach kein Wort. Auch die Lehrer in der Schule taten sich nicht leicht, denn es konnte dem Unterricht kaum folgen, wusste mit Buchstaben wenig anzufangen und war in der Klasse ein Außenseiter. Erst als sich die Eltern daheim Zeit nehmen und sich eine individuelle Schreibschule überlegen, wird der Bann gebrochen. Es fängt mit leichten Zeichnungen und einfachen Sätzen an und verselbstständigt sich mit der Zeit, da der Junge ein außerordentliches Talent zum Beobachten und Schreiben besitzt. Der Junge findet mithilfe von Stift und Papier wieder zur Sprache. Ich klappe das Buch zu und bin glücklich. Wo ist mein Füller, wo ist mein Briefpapier? Ich muss dieses Buch empfehlen! stern kDana Hartmann

thé tjong-khing hieronymus
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(ab 6 Jahren und für alle) Moritz Verlag, 48 Seiten € [D] 14,95 | € [A] 15,40

Den niederländischen Illustratoren Thé Tjong-Khing kennen und lieben wir schon lange für seine genialen »Torten-Bücher«, in denen Kinder sich stundenlang verlieren können. Auch Hieronymus kommt wieder ohne Text aus und erzählt in großflächigen Bildern von einem Jungen, der mit Rucksack, Mütze, Ball und Hund auf einer Klippe unterwegs ist und beim übermütigen Spiel mit dem Ball hinabstürzt und im Meer landet. Allerdings ist sowohl das Wasser als auch das Ufer von den seltsamsten Wesen bevölkert, die sich flugs seine Sachen schnappen, ihn triezen und verfolgen. Ein krokodilartiges Wesen verwandelt sich in ein junges Mädchen und nimmt ihn mit in ihre Behausung, wo schon einige Kinder in Käfigen stecken. Natürlich entpuppt sie sich als böse Hexe, die bereits einen großen Topf auf dem Feuer stehen hat und sich auf ihre Mahlzeit freut … Unser Held macht ihr jedoch einen Strich durch die Rechnung und schafft es, nicht nur sich, sondern auch die anderen Kinder zu befreien. Eine wunderbare Odyssee durch eine surrealistische und märchenhafte Bilderwelt, inspiriert von Hieronymus Bosch. Die abenteuerliche Geschichte eines Jungen, der das Bekannte und Vertraute abrupt verlässt, in einer Welt landet, in der alles ganz seltsam und anders ist und der es dennoch schafft, mit Selbstvertrauen, Mut und Gewitztheit alle Widrigkeiten zu überstehen und heil heimzukehren. Also genau das, was wir unseren Kindern wünschen. Gut, dass wir in Deutschland Verleger haben, die uns immer wieder mit solch wunderbaren Büchern für Kinder überraschen. stern kBeate Widmann

yvan pommaux: wir und unsere geschichte
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(ab 6 Jahren) Moritz Verlag, 96 Seiten € [D] 26,– | € [A] 26,80

Es ist unsere Geschichte, die uns Pommaux in seinem großartigen Geschichtsbuch erzählt. Wir, die wir von Afrika aus die ganze Welt bevölkert, sie geprägt und uns weiterentwickelt haben. Selten gab es ein Sachbuch, dessen Sprache so berührt, fasziniert und immer weiter Lust aufs Lesen und Entdecken macht. »Aus seinen Rufen wird eine Sprache …, das sind wir! Ja, wir! … Gehen wir zurück in jene entfernte Epoche und betrachten wir uns …« Und dann die Illustrationen! Beginnend beim Urknall nehmen uns diese prächtigen Bilder mit auf die Reise unserer Vorfahren bis heute und zeigen, wie wir im Laufe der Geschichte – unserer Geschichte – die Welt verändert haben. Pommaux hat den Mut zu kritischen Tönen, Entwicklungen zu hinterfragen und Großartiges herauszustellen und macht so dieses Buch zu einem Meisterwerk für Kinder ab sechs Jahren und Erwachsene. Wir alle können (wieder) mit großen Augen wichtige Etappen von Entdeckungen, Beziehungen, friedlichen und kriegerischen Auseinandersetzungen miterleben und besser verstehen. Ein Familienbuch, dessen Sogwirkung sich kaum jemand entziehen kann – eine Perle in der Flut der Geschichtsbücher! stern kDaniela Dombrowsky

andreas steinhöfel: wenn mein mond deine sonne wäre
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mit Bildern von Nele Palmtag, Buch mit Hörbuch-CD (gelesen vom Autor)
(ab 8 Jahren) Carlsen, 80 Seiten, € [D] 16,99 | € [A] 17,50

Andreas Steinhöfel und Nele Palmtag haben uns mit diesem Buch einen Sommertag geschenkt. Dieser beginnt für den neunjährigen Max mit dem Gefühl, dass ihm etwas fehlt. Er bepackt seinen Rucksack mit Proviant und macht sich auf den Weg zu seinem Opa. Der wohnt seit einem Jahr in einem Seniorenwohnheim, weil ihn immer öfter »das große Vergessen« plagt. Nicht aus der Welt, aber am anderen Ende der Stadt. »Wir hauen ab«, sagt Max an diesem Morgen zu ihm, und zusammen mit dem Fräulein Schneider, einer Heimbewohnerin, die nach ihnen durch die geöffnete Heimtür entwischt, machen sie sich auf den Weg zu einem ganz besonderen Ort: zur Sommerwiese in Blumental, auf der Großvater die Großmutter zum ersten Mal geküsst hat … So verbringen wir den Tag mit diesem Trio, haben Teil an ihren Erinnerungen, spüren die große Nähe, die Enkel und Opa verbindet, und besänftigen so die Angst vor dem Vergessen. Wir lauschen der Musik von Sergej Prokofjew und Georges Bizet, schauen dem Fräulein Schneider beim Tanzen zu und lassen die sonnigen, grüngelben Bilder auf uns wirken, während uns der Autor selbst die Geschichte erzählt. Ein zärtliches, nachdenkliches und humorvolles Buch, das eine Brücke schlägt zwischen Alt und Jung und dabei genau den richtigen Ton trifft. Typisch Steinhöfel eben! stern kBeate Widmann

peter stamm: weit über das land
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S. Fischer, 223 Seiten € [D] 19,99 | € [A] 20,60

Ein Mann stiehlt sich davon. Seine Frau und seine Kinder sind ahnungslos. Am Vorabend war die Familie aus dem erholsamen Urlaub nach Hause gekommen. Sie hatte sich vom Ferienort mit dem üblichen »wie wäre es, wenn man für immer bliebe« verabschiedet. Zu Hause angekommen hatten sie die Koffer ausgepackt, die Frau bringt die Kinder zu Bett und legt sich selbst schlafen. Wie üblich bleibt der Mann noch auf – aber er legt sich nicht wie sonst zu seiner Frau, sondern er bricht auf. Geht einfach los. Nach Süden. Der Grund für seine Flucht bleibt offen. Klar wird nur: Er muss weg – es zieht ihn magisch ins Unbestimmte. Das Faszinierende an Peter Stamms Schreibweise ist, dass er sich völlig raushält. Er bewertet nicht, moralisiert nicht. Und überlässt es dem Leser, der abwechselnd die Perspektive der Verlassenen und des Fliehenden einnimmt, einfach nur nachzufühlen, was in den beiden vor sich geht. stern kUlrich Dombrowsky

catalin dorian florescu: der mann, der das glück bringt
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C. H. Beck, 325 Seiten € [D] 19,95 | € [A] 20,50

Es war ein geradezu magisches Erlebnis, als Florescu vor gut einem Jahr zum ersten Mal in meiner Buchhandlung las. Bevor er auch nur einen Satz aus seinem Buch gelesen hatte, erzählte er dem zunehmend gefesselt lauschenden Publikum über das Leben, das Schreiben, das Sterben und den ganzen Rest. Und auch die Lesung selbst geriet zu lauter kleinen Kurzfi lmen im Kopf: Florescu las lauter literarische Schnipsel aus seinen Büchern. Keine klassische Wasserglaslesung, sondern das Erleben eines Autors und seiner Literatur. Ein Genuss! Und nun gibt es wieder einen neuen Roman des in der Schweiz lebenden Rumänen. Darin lässt er zwei Erzählstimmen abwechselnd zu Wort kommen: Elena, eine Fischerstochter aus dem Donaudelta, und Ray, der in Manhattan aufgewachsen ist. Ihre Familiengeschichten führen uns in die Welt New Yorks vor hundert Jahren. Und mit diesem neuen Buch können Sie den Autor am 26. April bei uns erleben. stern kUlrich Dombrowsky

miranda july: der erste fiese typ
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Kiepenheuer & Witsch, 331 Seiten € [D] 19,99 | € [A] 20,60

Was verschenkt man einer Freundin, die nicht allzu viel Zeit zum Lesen hat, die geradlinige Liebesgeschichten langweilig fi ndet und nicht schon wieder einen Krimi lesen mag? Ich empfehle hier ein unscheinbares, schwarzes Buch. Doch schon beim Aufklappen fällt auf: Der äußere Schein trügt, es wird schrill! Gerade mit der Lektüre begonnen, lässt einen Miranda July nicht mehr los. Man frisst eine Seite nach der anderen, ist erst neugierig, dann verwundert, oft überrascht und manchmal schockiert. Aber es ist unmöglich, dieses Buch aus der Hand zu legen! Warum immer nur brave Geschichten lesen? Ein bißchen Spaß muss eben auch mal sein. Und ein Buch, das mich umhaut, ist mir tausend Mal lieber als eine Geschichte, die ich in leichter Variation zum gefühlt hundertsten Mal lesen muss. Ich werde Ihnen hier absichtlich keinen Inhalt verraten, nur so viel – der erste fi ese Typ ist kein Mann. stern kDana Hartmann

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querbeet – frühjahrslektüren bei felix jud

 

karl ove knausgård: träumen
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Aus dem Norwegischen von Paul Berf
Luchterhand, 800 Seiten € [D] 19,95 | € [A] 20,60

»Men der skriver jeg jo« (»Aber in dem Moment schreibe ich ja auch«) – dieser eine scheinbar unscheinbare Satz birgt alles in sich, was Knausgårds Bücher ausmacht, ganz nebenbei gesagt. Er fällt in einem Gespräch zwischen Knausgård und seinem älteren Bruder Yngve, der sich über die Hemmungen Karl Oves wundert, mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen, da er doch nach all seinen Reisen und Erlebnissen so viel zu erzählen haben müsste, genau wie in seinen langen Briefen! An dieser Stelle offenbart der Autor seinem Bruder den für ihn gravierenden Unterschied zwischen sprechen und schreiben. Schreiben ist Knausgårds Leben – auf dem Papier kann er sich geben, wie er ist, und erzählen, ohne ins Stocken zu geraten. Doch im spontanen Gespräch mit einem leibhaftigen Gegenüber wird er schüchtern und unsicher. Karl Ove Knausgård konfrontiert den Lesenden mit allen Fragen des menschlichen Lebens und schildert diese in unglaublicher, manchmal nahezu unerträglicher Offenheit. In Träumen – Band fünf seiner sechsteiligen Autobiografie – versucht der Autor mit Beginn seines Studiums in Bergen und der Schriftstellertätigkeit, sein Leben zu ordnen. Er hat hohe Erwartungen, vor allem an sich selbst. Vieles gelingt zuerst und stimmt ihn hoffnungsvoll, doch Misserfolge und persönliche Rückschläge bringen beste Absichten aus dem doch noch zarten Gleichgewicht. Mit jeder Zeile, jedem noch so banal scheinenden Wort erschließen sich dem Lesenden die unzähligen Facetten, die in allem stecken, was wir tun, denken, fühlen und wünschen, nur selten wurden sie so unverblümt und pur ausgedrückt wie von diesem Autor. Stimmungsgetreu ist die deutsche Übersetzung, wobei der eine oder andere etwas schnoddrige Ausdruck des norwegischen Originals abgemildert wird – das Leseerlebnis bleibt so oder so ein sehr intensives! stern kKaren Baum
 

boris vian: der schaum der tage
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Übersetzt von Antje Pehnt. Mit einem Nachwort von Frédéric Beigbeder
Karl Rauch Verlag, 220 Seiten € [D] 20,– | € [A] 20,60

Dieses Kultbuch, erstmals 1946 erschienen, ist es allemal wert, immer wieder gelesen zu werden. Der junge Dandy Colin widmet sich ausschließlich den schönen Dingen des Lebens. Er verliebt sich in die bildhübsche Chloé, doch bald nach ihrer Hochzeit wird sie von einer tödlichen Krankheit befallen. Eine Seerose wächst in ihrer Brust. Diese tragische und vielleicht ungewöhnlichste Liebesgeschichte der Weltliteratur ist unendlich reich an märchenhaften und surrealen Elementen. Den Leser begeistern aber ebenso die Nebenfiguren wie beispielsweise Colins Freund Chick. Er verkörpert den obsessiven Büchersammler, der bis zur völligen Selbstaufgabe agiert, um an die Bücher seines Lieblingsautoren Partre (Sartre!) zu kommen. Wer dieses Buch zur Hand nimmt, taucht ab in wunderbare Fantasiewelten. Der Verlag hat gut daran getan, Frédéric Beigbeder für das Nachwort zu gewinnen. Als Enfant terrible im heutigen französischen Literaturbetrieb schreibt er sehr erhellend über Boris Vian, der nicht nur als Autor Aufsehen erregte, sondern der als Jazzmusiker Karriere machte, Chansons schrieb, als Schauspieler und Redakteur agierte und sich an Filmprojekten beteiligte. stern kMarina Krauth | Rowohlt, 144 Seiten, € [D] 16,95 | € [A] 17,50
 

deborah feldman: unorthodox
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Übersetzt aus dem Englischen von Christian Ruzicska
Secession Verlag, 270 Seiten € [D] 20,– | € [A] 20,60

Die Muttersprache von Deborah Feldman, geboren 1986 in New York, ist Jiddisch. Sie wächst in der chassidischen Satmar Gemeinde in Williamsburg auf, einem Stadtteil in Brooklyn. In der Satmar Gemeinde herrschen die strengsten Regeln einer ultraorthodoxen jüdischen Gruppe weltweit. Englisch gilt als unreine Sprache, Ehen werden arrangiert, Sexualität ist ein Tabu. Schon als Kind lehnt sich Deborah Feldman, anfangs noch instinktiv, später gezielt, gegen die vom Gründungsrabbiner aufgestellten Lebensgesetze auf. Verstärkt durch verbotene westliche Literatur, die sie sich unter Gefahren besorgt, fängt sie an, ihren sektenähnlichen Alltag zu hinterfragen, immer in der Angst, entdeckt zu werden. Die Schilderung ihrer Kindheit, ihrer Zwangsehe und schließlich ihres Entschlusses zum Auszug aus der Gemeinde liest sich wie ein Bericht aus einer anderen Welt oder zumindest einer anderen Zeit, einer längst vergangenen Zeit. Es ist beeindruckend, wie Deborah Feldman uns analytisch und gleichzeitig literarisch ihre Biografie erzählt und von der Unvereinbarkeit zweier Welten berichtet. Sie lässt uns an ihrem Ausbruch aus einer religiös extremistischen Gruppe teilhaben und führt uns in eine abgekapselte Welt mitten in New York, die von alten jüdischen Traditionen bestimmt wird. Ihr Umzug nach Berlin 2014 in ein säkulares Leben ist die Konsequenz. Als Unorthodox 2012 erschien, wurde das Buch sogleich ein großer Erfolg und führte die Bestsellerlisten der New York Times an – zu Recht.  stern kAnnegret Schult
 

jane austen: überredung
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Aus dem Englischen von Ursula und Christian Grawe
Argon Verlag, 9 CDs, 600 Minuten ungekürzte Fassung, gelesen von Eva Matthes, € [D] 34,95 | € [A] 35,95

Die kluge und stille Anne Elliot wächst von ihrem Vater kaum beachtet im Schatten ihrer beiden Schwestern auf, von denen die ältere als elegante Schönheit die Erwartung kultiviert, reich und vorteilhaft zu heiraten, und die jüngere sich durch ein egozentrisches Naturell in den Vordergrund zu drängen weiß. Anne steht unter dem persönlichen Einfluss von Lady Russell, die in ihr die eigentlich würdige Herrin des Familienbesitzes sieht. Diesen Vorstellungen steht eine Verbindung zwischen Anne und ihrer Jugendliebe Frederick Wentworth – seiner Zeit noch mittellos und ohne konkrete Aussichten – entgegen und so überredet Lady Russell Anne, die Verlobung zu lösen. Acht Jahre später begegnen sich Anne und Frederick zufällig erstmals wieder – sie »hübsch, aber verblüht« und mit der Überzeugung, niemals einen anderen Mann so lieben zu können, und er nach erfolgreicher Karriere bei der Marine nun als vermögender Captain auf der Suche nach einer passenden Frau … Überredung (engl. Originaltitel persuasion) – Jane Austens letzter Roman – wurde erst 1818 posthum veröffentlicht. Im Argon Verlag erscheint nun auch dieser als Hörbuch, ungekürzt gelesen von Eva Matthes, der es gelingt, mit ihrer Vorlesekunst den Zuhörenden mitzunehmen in die Atmosphäre der vergangenen Zeit und gleichzeitig den Geist der Charaktere sehr lebendig in die heutige zu tragen. Eine Thematik von vor zweihundert Jahren? Keineswegs – die Schwäche, sich von Anderen zu etwas überreden zu lassen, obgleich einem das Herz eigentlich etwas anderes sagt, scheint nur allzu menschlich zu sein – damals wie heute! stern kKaren Baum
 

lafcadio hearn: youma
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Aus dem Englischen von Alexander Pechmann
Jung und Jung, 140 Seiten € [D] 17,90 | € [A] 18,40

»Es war renouveau, die herrlichste Zeit des Jahres – jener magische Frühling der Tropen, wenn das Land plötzlich in schillernde Dunstschleier taucht und alle Entfernungen juwelenfarben werden .« Martinique im Jahr 1848. Auf der Plantage von Anse-Marine lebt die karibische Sklavin Youma, jung, anmutig und von unbestimmter Schönheit. Als Amme der kleinen Mayotte wird sie bald zur kultisch verehrten Heldin, indem sie eine Schlange besiegt. Gabriel, der commandeur, wird auf sie aufmerksam, beschenkt sie und möchte sie schließlich ehelichen. Doch Youmas Hausherr, Monsieur Desrivières, sowie seine Schwiegermutter, Madame Peyronnette, lassen sie nicht frei. Youma wird sich erstmals ihrer Unfreiheit und den Zwängen ihres Lebens bewusst, »sie hatte es so satt, im Schatten zu leben, auf Schaukelstühlen zu rasten, Babysprache zu sprechen, so wie sie es in früheren Jahren satt gehabt hatte, hinter geschlossenen Fensterläden zu bleiben, im Dämmerlicht zu sticken und zu nähen und Gesprächen zu lauschen, die sie nicht verstand«. Zu einer Flucht auf die Insel Dominica lässt sie sich von ihrem Verehrer zunächst verleiten, erkennt dann jedoch: »Es sei falsch von ihr gewesen, auch nur daran zu denken, mit ihm fortzulaufen – ihre Patin im Stich zu lassen, die sie von Kindesbeinen an großgezogen habe – die Herrin zu verlassen, die sich um sie gekümmert habe wie um eine Tochter – das Kind zurückzulassen, das man ihr anvertraut habe, das Kind von Madame Desrivières …« Darauf folgt wenig später der Sklavenaufstand, mit dem Lafcadio Hearns berührende Erzählung dramatisch endet. Sehnsüchte nach Exotischem wie dem Südseeparadies werden im 19. Jahrhundert. gehegt, heute laden diese verloren gegangenen Utopien zum Träumen ein. stern kAnnika Sprünker
 

michael pollan: meine zweite natur - vom glück, ein gärtner zu sein
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Aus dem Amerikanischen von Eva Leipprand
oekom verlag, 359 Seiten € [D] 19,95 | € [A] 20,60

»Was ich hier schaffe«, schreibt Michael Pollan über seine Leidenschaft, »ist ein Mittelding zwischen Natur und Kultur, ein Ort, der Teil der Natur ist und ihr doch kompromisslos entgegensteht. Was ich hier schaffe, ist ein Garten.« Damit ist das zentrale Thema des ebenso amüsanten wie lehrreichen Traktats benannt: das Gärtnern als Ausgangspunkt für kluge Meditationen über das spannungsreiche Verhältnis von menschlichem Gestaltungswillen und Naturverehrung. Dem romantischen Schwärmen der Naturalisten wird der unsentimentale Blick gärtnerischer Erfahrung gegenübergesetzt. Ist die Wahrnehmung eines Pflänzleins als Unkraut nur menschliche Einbildung oder besteht bei Giersch und Ackerwinde vielleicht doch akuter Handlungsbedarf? Ist das Kompostieren ein moralischer Imperativ? Warum hassen Amerikaner Zäune und lehnen den europäischen hortus conclusus ab? Fragen, die man sich so noch gar nicht gestellt hatte, und eine Fülle überraschender Einsichten als Antworten machen das schön edierte Buch zu einem Lesevergnügen, das seinesgleichen sucht. Am Beispiel der herbstlichen Fülle seines Gemüsegartens widerlegt der Autor en passant das zweite Gesetz der Thermodynamik und den Mythos vom »Raumschiff Erde «: Im Garten herrsche keine Entropie, sondern es gebe dank der Fotosynthese im Gegenteil jedes Jahr mehr statt weniger pflanzliche Materie wie etwa 15 Pfund schwere Kürbisse. Allein diese Einsicht sei schon Grund genug, sich mit dem Gärtnern zu befassen – wie wahr! stern kHarald Baum
 

christian saehrendt: gefühlige zeiten - die zwanghafte sehnsucht nach dem echten
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Dumont Verlag, 252 Seiten € [D] 19,99 | € [A] 20,60

Seit Langem frage ich mich, wie der Erfolg von Geschäften wie Abercrombie & Fitch im konservativen English- Club-Interior, den betulichen »Mutterland Delikatessen« oder von Supermarktketten, die in modernen Filialen mit Self-Check-out Abteilungen einrichten, die an Tante-Emma-Läden erinnern, zu erklären ist. Wieso ist Retro, Shabby Chic, Vintage und Used Look so angesagt? Die Frage könnte mit der »zwanghaften Sehnsucht nach dem Echten«, wie es der Kunsthistoriker Christian Saehrendt in seiner Gesellschaftsanalyse formuliert, beantwortet werden. Der Autor diagnostiziert ein Unbehagen gegenüber der technokratischen und digitalisierten Welt. Als Bewältigung der Krise beobachtet er eine »Sehnsucht nach großen Gefühlen, nach dem echten Leben, nach weiter Welt und alter Zeit«, die sich in einer neuen Romantikwelle manifestiert. Auf unterhaltsame und freche Weise illustriert er seine These mit Symptomen aus Kultur, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft. Aber handelt es sich wirklich um Neoromantik? Romantik ist ja eigentlich immer. Zumindest seit der französischen Revolution. Egal, wie sie definiert wird. Aber noch nie ist sie als Sehnsucht nach dem Analogen definierbar gewesen. Die zunehmende »Reaktion auf Entkörperlichung in der digitalisierten Arbeits- und Alltagswelt « nimmt, wie der Autor betont, »zwanghafte« Formen an. Die Digitalität schwappt wie eine Monsterwelle über uns hinweg. Manch einer flüchtet sich ins Altgemachte. Ob das hilft? Dem Buchhandel schon, denn die Sehnsucht nach dem Analogen lässt sich mit dem gedruckten Buch aufs Beste befriedigen. Gut, dass wir da dem Onlineriesen Amazon weit voraus sind, der jetzt die ersten Buchhandlungen eröffnet hat, die, schaut man genauer hin, nichts anderes bezwecken als die digitalen Geräte an den Konsumenten bringen. Also ein Fakebuchladen, der hoffentlich die Sehnsucht nach echten Buchhandlungen befeuern wird. stern kSandra Hiemer
 

william trevor: turgenjews schatten
ein traum von schmetterlingen
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Übersetzt von Thomas Gunkel Hoffmann und Campe, 288 Seiten € [D] 19,99 | € [A] 20,60 Übersetzt von Hans-Christian Oeser Hoffmann und Campe, 752 Seiten € [D] 34,– | € [A] 35,–

William Trevor, geboren 1928 in Irland, gehört zu den ganz großen Schriftstellern unserer Zeit. Er erhielt zahlreiche literarische Preise, ist Mitglied der Irish Academy of Letters und wurde 2002 von Königin Elisabeth II. zum Ehrenritter ernannt. Dennoch ist er im deutschsprachigen Raum immer noch nicht hinreichend bekannt. 2011 erschien sein vielleicht anrührendster Roman Turgenjews Schatten. Die junge Mary heiratet, um der engen Welt auf dem elterlichen Bauernhof zu entfliehen, einen sehr viel älteren Mann und zieht mit ihm in die Kleinstadt. Doch sehr bald bereut sie ihre Entscheidung. Trost findet sie bei heimlichen Treffen mit ihrem fast gleichaltrigen Vetter Robert, der ihr seine Leidenschaft für Turgenjew nahebringt. Nach Roberts Tod plant sie einen Ausbruchsversuch. Ein fesselndes Buch über menschliche Beziehungen, Literatur und die Ausweglosigkeit des Schicksals. Wer lieber Erzählungen liest, der greife unbedingt zu dem kürzlich erschienenen Band Ein Traum von Schmetterlingen. Trevor ist ein Meister der Auslassung und Verdichtung und, wie Thomas David in seinem Vorwort schreibt, ein »Meister der Andeutung, der wie ein Gärtner das Trockenholz einer Erzählung beseitigt, den Wildwuchs der Sträucher zurückschneidet, damit diese in der Fantasie des Lesens wachsen können und dort ihre Blüten treiben«. Ob in der Erzählung Isfahan, in der sich zwei Reisende zufällig begegnen und trotz vieler Gefühle füreinander wieder auseinander gehen, oder in der Titelgeschichte Ein Traum von Schmetterlingen, in der ein Paar gegen seinen Willen eine weitreichende Entscheidung fällt – Trevor zieht den Leser in seinen Bann bis weit über das Ende der Lektüre hinaus. stern kMarina Krauth
 

Lehmkuhl empfiehlt

william boyd: die fotografin
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Berlin Verlag, 560 Seiten € [D] 24,– | € [A] 24,70

Das spannende Leben der großen Fotografin Amory Clay. Geht es nach ihr, reichen vier wohlgewählte Adjektive aus, um jeden Menschen erschöpfend zu beschreiben. Was passte wohl zu ihr? Mutig, selbstbewusst, unüberlegt und stark. Sie kennen die Pionierin der Fotokunst nicht? Kein Wunder, sie ist William Boyds neueste Erfindung. Seine Inspirationsquelle für Die Fotografin sind echte Schnappschüsse von Unbekannten, die er auf Flohmärkten und Auktionen erstanden hat und um die er seine erdachte Geschichte gesponnen hat. Wie schon vor 20 Jahren in Nat Tate versucht er, den Leser Glauben zu machen, er lese über ein tatsächliches Leben. Virtuos erzählt William Boyd ein Frauenleben. Und wieder ist es ihm gelungen, seinen Roman so real wirken zu lassen. William Boyd »zeitreist« mit seiner Heldin, eine der ersten Pionierinnen der Fotokunst. Aufbruch, Umbruch, das sind Amory Clays Themen. 1908 geboren, wirft sie sich als junge Frau mutig ins Abenteuer, um Profi-Fotografin zu werden. Im dekadenten Berlin der Goldenen Zwanziger fotografiert sie Orgien und Prostituierte, pendelt zwischen London und New York, als Kriegsfotografin erlebt sie Nazideutschland, fotografiert traumatisierte Soldaten in Vietnam. Spätfolgen der Kriege spiegeln sich in drei Männern, die ihr Leben bestimmen: ihr Vater, ihr Bruder und ihr Ehemann. Das menschliche Befinden, »human condition« ist das, was Boyds Feder wohl immer wieder antreibt. Boyd lässt seine Heldin Amory Clay als 70-Jährige Resümee ziehen. Dabei kommt sie uns ganz nah und es ist eine von den Geschichten, in die wir eintauchen und uns wünschen, sie mögen nie zu Ende gehen. stern kBrigitte Giesler

abbas khider: ohrfeige
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Hanser Verlag, 224 Seiten € [D] 19,90 | € [A] 20,50

Was bedeutet es für einen Menschen, wenn er weder in der Heimat noch in der Fremde leben darf? Der Frage stellt sich Abbas Khider in seinem vierten Roman Ohrfeige. Der in Berlin lebende deutsch-irakische Autor schreibt auf Deutsch und weiß genau, wovon er schreibt, da er selbst einst aus seiner Heimat flüchten musste. »Nix will ich hören«, sagt der junge irakische Flüchtling Karim und beginnt zu reden. Wie es scheint um sein Leben. Sein Asylantrag wurde abgelehnt. Vor ihm sitzt Frau Schulz, seine Sachbearbeiterin aus der Ausländerbehörde. Geohrfeigt, gefesselt und den Mund verklebt. Er erzählt, was sie von ihm nie hören wollte: seine ganze Geschichte. Auf Arabisch. So wird sie auch diesmal nicht verstehen. Karim ist wie Khiders Helden ein Entwurzelter, Einzelgänger und Spielball des Schicksals. Mit ihm bekommen wir Einblick in deutsche Gefängniszellen, in Asylantenwohnheime, in denen verschiedenste Ethnien und Kulturen dicht an dicht leben. In seiner Rede entlädt sich die Enttäuschung über die endlose Warterei, die Demütigung, die Rückschläge und das Gefühl der Ohnmacht. Khider siedelt seinen Roman in den Jahren des zweiten Irak-Krieges an. Nach dem Sturz Saddams soll sein Held Karim nun wieder in den Irak abgeschoben werden. Er spricht Klartext. Lange genug musste er still sein und zuhören. Man muss Geschichten erfinden, lernt Karim, um in Deutschland bleiben zu dürfen. Die Grundregel heißt: niemals die Wahrheit sagen. Alle wissen davon und alle machen mit. Nicht selten sind es Glück oder Zufall, die darüber entscheiden, ob man bleiben darf oder nicht. Karims Abrechnung ist ein eindringlicher Monolog. Abbas Khiders Sprache in der Beschreibung der Existenz im Niemandsland staatlicher Zugehörigkeit ist menschlich und schnörkellos. Seine Beschreibungen zuweilen grotesk-komisch und dennoch poetisch. Zum Lesen muss hier sicher niemand an den Stuhl gefesselt werden. stern kBrigitte Giesler

david grossman: kommt ein pferd in die bar
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Hanser Verlag, 251 Seiten € [D] 19,90 | € [A] 20,50

Wer David Grossman nicht kennt, könnte bei einem solchen Titel stutzen. Kommt ein Pferd in die Bar klingt aufdringlich, einen Witz evozierend. Dazu ein Cover, das irritiert, schale Unterhaltung suggeriert und dann stellt sich doch Interesse ein, Neugier: Was hat es mit einer Geschichte mit einem solchen Titel auf sich? Grossman, den wir von intensiven wie todtraurigen Romanen her kennen, zeigt uns ein geradezu geniales, lange nachklingendes Muster einer Erzählung: Wir sind Teilnehmer eines Kleinkunstabends, ein Stand-up- Comedian ist unser Erzähler, der uns bis zum Ende dieses Buches mit seinen atemlosen Ausführungen fasziniert. Der Leser wird von diesem kleinen jüdischen Mann Dovele, wie er sich nennt, abgestoßen, der Leser wird angezogen, der Leser will sich abwenden, aber die Faszination ist größer. Der Comedian hat einen alten Freund eingeladen und nicht nur ihm, sondern seinem ahnungslosen Publikum, das eigentlich nur Witz und Scherz erwartet, erzählt er sein Leben. Er öffnet sich und zeigt seine Wunden, seinen Humor, seine Tragik, seine Entwicklung, seine Menschlichkeit, seine Unerlöstheit, seine Wehmut und seinen Frieden, den er doch noch mit seiner Vergangenheit machen kann. Der Leser wird mit dem ersten Satz gefangen, mit den letzten zwei Worten belohnt. Ein großartiges Buch – unvergesslich. stern kMechthild Heinen

susana fortes: warten auf robert capa
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ebersbach & simon, 224 Seiten € [D] 19,95 | € [A]

Ein rasanter, leidenschaftlicher Roman, der von den Gräueln des spanischen Bürgerkrieges erzählt, der leidenschaftlichen Liebe zwischen Robert Capa und Gerda Taro und zugleich von deren legendären Fotografenkarrieren berichtet. Im Paris der 30er-Jahre begegnen sich im Kreise zahlreicher Intellektueller, Künstler und Schriftsteller die junge, vor der Gestapo geflohene Jüdin Gerda Taro und der mittellose ungarische Fotograf Robert Capa. Eine intensive Freundschaft zwischen den beiden entsteht und entwickelt sich mit der Zeit zu einer intensiven, leidenschaftlichen Liebesbeziehung. Durch eine aus der Not geborenen Idee verschaffen sich die beiden eine Möglichkeit, von ihren Fotoarbeiten leben zu können, und legen somit einen entscheidenden Grundstein für ihre beiden legendären Karrieren als Fotoberichterstatter. Gemeinsam gehen sie, als 1936 in Spanien der Bürgerkrieg ausbricht, nach Spanien und berichten dort, oftmals unter Lebensgefahr, vom Schrecken des Krieges. Susana Fortes schildert eindrucksvoll die Geschichte von der Fotopionierin Gerda Taro und ihrem Freund, Liebhaber und Kollegen Robert Capa. Dabei bleibt sie bei aller schriftstellerischen Freiheit den historischen Fakten treu. Ein fesselndes, intensives Buch, das genau die richtige Mischung aus Fiktion und Realität hat. stern kMarie Katzlinger

eli gottlieb: best boy
leh05
Verlag C. H. Beck, 252 Seiten € [D] 19,95 | € [A] 20,60

In Eli Gottliebs Roman Best Boy tauchen wir ganz tief in die Welt des Ich- Erzählers Todd Aaron ein, einem Mann von etwa vierzig Jahren, der am Asperger- Syndrom, einer Form des Autismus, leidet. Eigentlich geht es ihm, abgesehen davon, dass ihm seine verstorbene Mutter schrecklich fehlt, im Payton Living Center ziemlich gut. Sein Bruder Nate ruft ihn regelmäßig an, die Pflegerinnen sind nett und aufgrund seines Status als einem der am längsten im Heim wohnhaften Bewohner besitzt er einige Privilegien. Er ist nämlich bekannt als der Best Boy: Er nimmt seine Medikamente regelmäßig und muss deshalb nicht mehr so streng beaufsichtigt werden wie die meisten anderen. Außerdem steckt er seine Nase nicht in Angelegenheiten, die ihn nichts angehen, und geht höflich und »gentlemanlike « mit den Frauen um. Doch eines Tages taucht ein neuer Pfleger auf und Todd wird misstrauisch. Die Beschreibung von Todds Gefühlen, die für den »gesunden« Leser nachvollziehbar sind, ist sehr spannend; ebenso fasziniert die abgeklärte Erzählweise, mit der Todd über sich und sein Umfeld berichtet, fast so als würde er sein Verhalten selbst als merkwürdig wahrnehmen und müsse es dem Leser entsprechend erklären – eine sehr ungewöhnliche Erzähltechnik. Der Roman von Gottlieb ist unheimlich anrührend, intensiv, nachdenklich und gleichzeitig urkomisch, sodass ich bei der Lektüre regelmäßig schmunzeln musste. Auf jeden Fall ein ungewöhnliches Buch, an das man sich lange erinnern wird. stern kAnna-Sophia Mäder

håkon øvreås: super-bruno
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(ab 8 Jahren) Hanser, 144 Seiten € [D] 12,90 | € [A] 13,30

Erst einmal ist Bruno kein Super-Bruno, sondern nur ein ganz normaler Junge. Noch dazu ein Junge, der gerade eine Menge einstecken muss. Vor Kurzem ist sein Opa in den Bergen verunglückt und jetzt wird er von drei großen Jungs geärgert, die seine selbst gebaute Hütte zerstört haben und ihm eine große Portion »Kloppe« androhen. Wäre Bruno nicht zufällig auf die Eimer mit brauner Farbe in Tante Ingelas Keller gestoßen und hätte er nicht danach noch die braune Decke in seinem Schrank entdeckt, aus der sich mit wenigen Handgriffen ein prima Superhelden- Umhang knoten ließe, dann, ja dann … aber vermutlich hätte Bruno sich dann auch anderweitig zu helfen gewusst, denn ein Junge wie er lässt sich so leicht nicht einschüchtern. Zusammen mit seinen Freunden Matze und Laura und einer gehörigen Portion Mut und Fantasie setzt Bruno sich gegen seine Widersacher zur Wehr. Was dabei Traum ist und was Realität, spielt keine Rolle. Hauptsache sein Opa ist mit von der Partie, der nachts immer schon auf dem Opa-Stein auf ihn wartet und ihm hilfreiche Tipps gibt. Dieses Buch ist ein wahres Kleinod! Die vielen Dialoge zeigen, wie sorgfältig der Autor den Kindern auf den Mund (und ins Herz) geschaut hat. Ohne jede Zeigefinger-Moral und ohne herablassendes »Augenzwinkern« nimmt uns Håkon Øvreås mit ins Reich der kindlichen Träume, Ängste und Ideen. Ein großer Gewinn für dieses kleine feine Buch sind die detaillierten und ausdrucksstarken Zeichnungen von Øyvind Torseter, die mit viel Humor und Ernst den Text begleiten und unterstreichen. stern kKatharina Lemling

nadia budde: vor meiner tür auf einer matte
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(ab 4 Jahren) Peter Hammer, 32 Seiten € [D] 15,90 | € [A] 16,40

Spätestens seit ihrem Papp-Bilderbuch Eins zwei drei Tier, von dem meine Kinder nicht genug kriegen konnten (und ich auch nicht), liebe ich Nadia Budde. Nun hat sie mit der »blonden Ratte «, wie ihr neuestes Buch intern bei uns heißt, wieder ein persönliches Lieblingsbuch geschaffen! »Vor meiner Tür auf einer Matte steht jeden Tag die blonde Ratte«, geht es los und weiter: »Selten lade ich sie ein, meistens quetscht sie sich mit rein. Schneller als ich denken kann, hat sie meine Latschen an. (…)« Nun, wer kennt ihn nicht, den lästigen Gast, der stets ungefragt vor der Tür steht und, kaum hat er seinen Fuß über die Schwelle gesetzt, wie selbstverständlich alles und jeden in Beschlag nimmt und sich wie zu Hause fühlt. So weit, so gut. Doch was, wenn der Besuch eines Tages einfach wegbleibt? Schnell steht fest: WIE LANGWEILIG! Und so atmet der Leser erleichtert auf, als das Tier endlich wieder vor der Tür steht, blond, groß und nervig wie eh und je stern kKatharina Lemling

david garnett: dame zu fuchs
leh08
Dörlemann Verlag, 180 Seiten € [D] 17,– | € [A] 17,50

Das vielleicht schönste Buchcover in diesem Frühjahr! Der Dörlemann Verlag überrascht uns mit einem auffallenden Buch, das einen lange vergessenen Text des englischen Autors David Garnett vorstellt. Garnett veröffentlichte in den 30er-Jahren in England im Umfeld des Bloomsbury Kreises einige kleine Romane und mit Lady into Fox, 1922 erschienen, sorgte der illustre Autor auch damals für einige Aufmerksamkeit. Erzählt wird eine irre Geschichte: Sylvia Tebrick, eine 24-jährige junge Frau, verwandelt sich plötzlich, an der Hand ihres Ehemannes während eines Spazierganges, in einen Fuchs. Der auktoriale Erzähler bringt uns diese Begebenheit auf so eine nonchalante Art und Weise bei, dass wir uns als Leser kaum wundern, wenn fortan en détail das Leben des ungewöhnlichen Paares beschrieben wird. Mensch und Tier leben weiterhin unter einem Dach, bis Mr. Tebrick eines Tages akzeptieren muss, dass er seine über alles geliebte Frau/Fähe nicht länger domestizieren kann. So begibt sich der Ehemann sukzessive in ihr neues Umfeld, das Tierreich, und findet dort größte Zufriedenheit und Erfüllung. »Wundersame oder übernatürliche Begebenheiten sind weniger ungewöhnlich als vielmehr unregelmäßig in ihrem Auftreten« – so beginnt dieser klassische, dennoch experimentelle kleine Roman. In hochvergnüglich eleganter Sprache blitzen britischer Humor, wunderschöne Naturbeobachtungen, aber auch ernste Fragen nach Liebe und Abhängigkeiten der Menschen untereinander hervor. Herrlich zu lesen, very british, very sophisticated! stern kMechthild Heinen

shida bazyar: nachts ist es leise in teheran
leh09
Kiepenheuer & Witsch, 288 Seiten € [D] 19,99 | € [A] 20,60

Shida Bazyar ist eine junge, in Berlin lebende Autorin, die uns in diesem Frühjahr ein Debüt vorlegt, das fasziniert: Eingebettet in eine emphatisch erzählte Familiengeschichte wird uns die jüngere Geschichte des iranischen Staates und seines leidgeprüften Volkes vor Augen geführt. Dabei sind wir ganz nah am Geschehen. Jedes Familienmitglied bekommt ein eigenes Kapitel in diesem Roman und erklärt aus seiner Perspektive, wie alternativlos die Politik die Lebenswege bestimmt hat. Sind wir mit dem kommunistischen Revolutionär Behsad zunächst im Jahr 1979, in dem er gegen den Schah demonstriert und für eine freie Zukunft kämpft, so erfahren wir über die Zeit seiner Familiengründung und dramatisch- geheimnisvollen Flucht nach Deutschland aus dem Munde seiner Ehefrau Nahid. Gebildet wie er, war auch für sie ein Leben in der Heimat nicht mehr möglich. Religiöser Fanatismus und lebensbedrohliche Repressalien der Mullahs gegen Intellektuelle haben den Eheleuten und ihren Kindern die Heimat genommen. In Nahids Bericht über ihre langsame Integration in Deutschland kommt die große Fremdheit der unterschiedlichen Kulturen zur Sprache. Auch zehn Jahre später – nun folgen wir der Stimme der Tochter Laleh im Jahre 1999 – ist der Kontrast immer noch schmerzlich. Sie, ihre Mutter und die kleine Schwester verbringen erstmals einige Wochen im Iran bei der Großfamilie. Sie kommen als geliebte Familienmitglieder, aber auch als westlich sozialisierte »Fremde « – Lebenswege hinterlassen Spuren. Sprechende Details dieser anderen Lebenswelt zaubern den Alltag, seine Gebräuche, Speisen und Gerüche vor unseren Blick. Wenn sich am Ende des Buches die in Deutschland geborene Jüngste der Familie als emanzipierte, politisch freidenkende Frau zu Wort meldet, haben wir mit diesem Buch eine weite Reise in die jüngere, tragisch-wechselvolle Geschichte Persiens zurückgelegt. Eine Reise – eine Lektüre –, die absolut lohnt! stern kMechthild Heinen

»wo die eitelkeit anfängt, hört der verstand auf« leporello empfiehlt

hans platzgumer: am rand
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Zsolnay, 208 Seiten, € [D] 19,90 | [A] 20,50

Eine nicht ganz alltägliche Lebensgeschichte mit letalem Ende. Die Sogwirkung dieses Buches ist enorm. Das Atemlose dieser furiosen Musik erklärt aus der Situation der Festschreibung des Lebens von Gerold Ebner. Die knappe Sprache, sie wird auch hier und da als lakonisch charakterisiert, entspricht vielleicht dem vorarlbergischen Anteil am Autor. Schnörkellos, aber auch ziemlich hoffnungslos. Karate wird zum zeitweiligen Inhalt seines Lebens. Dias hat ihn nachhaltig geprägt, negativ wie positiv. Gewalt der Disziplin und Aufstand dagegen. Macht und Gegenmacht. Und Gegenmacht als Gottprinzip. Gerold Ebner geht den Berg hinauf bis zum Rand. Nun hat er zum ersten Mal Planung im Sinn. Die Zufälligkeit, die sein Leben und Handeln geprägt hat, wird in ein Absichtsprinzip gepresst. Seine Entscheidung treibt ihn jedenfalls bis zum Rand. Ein ironischer Seitenstrang des Buches: die Erzählung über einen entfernten Zeit- und Ortsgenossen, Platzgumer, der in Amerika Musikkarriere machen möchte, aber scheitert. Ein Cameoauftritt, den sich der Autor in sein Buch schreibt. Platzgumer hat, bevor dieser Roman geschrieben wurde, bereits eine sehr umfangreiche Karriere als Musiker hinter sich. Der Autor dieses Romans veröffentlichte mit verschiedenen Gruppen elektronische Musik und aus Los Angeles zurückgekommen Opern, Theatermusik, Essays, Hörspiele und Romane. Seine Novelle Trans-Maghreb wird in seiner Opernfassung 2014 bei den Bregenzer Festspielen aufgeführt. Am Rand ist die präzise Schilderung eines patscherten Lebens, die der Protagonist seinen Mitmenschen zurücklässt. Die Komposition einer Musik des Zufalls. stern kErwin Riedesser

erica jong: angst vorm sterben
lep02
S. Fischer, 368 Seiten, € [D] 19,99 | [A] 20,60

Isadora Wing ist die Heldin des in den 1970er-Jahren erschienenen Buches Angst vorm Fliegen, das damals Aufregung hervorgerufen hat, weil es die Dinge sehr beim Namen nannte – und von einer Frau geschrieben war. Isadora Wing ist eine »Sex-Philosophin« und das ist eigentlich im neuen Buch von Erica Jong Angst vorm Sterben für Vanessa ebenso ein scheinbar obsessives Thema. In diesem Buch Fear of Dying, eben erschienen, 40 Jahre nach dem Bestseller Fear of Flying, ist die Heldin nicht mehr Isadora, obwohl sie als beste Freundin der Protagonistin nach wie vor ihr Unwesen treibt, sondern Vanessa Wonderman. Da irrlichtert das, was William Butler Yeats mit »Sex and death are the only things that can interest a serious mind« wohl gemeint hat. Um eine sogenannte ältere Frau, die nicht gewillt ist, dorthin geschoben zu werden, wohin die Gesellschaft das gemeiniglich tun will, nämlich ins prämortale Lebenskoma. Und da muss die oben erwähnte Philosophie ihrer Freundin Isadora eben herhalten. Hält aber nicht, weil »Sex ohne Liebe ist wie das Ziehen an krebserregenden Zigaretten«. Heißt: Sex ohne Liebe kann unwahrscheinlich komisch sein, besonders wenn man sie mit Internetbotschaften beschwört und mit entsprechenden Treffen garniert. Aber eben auch traurig, weil Einsamkeit nun nicht wirklich zur Dekadenz einer reichen, vitalen Frau, die Sex sucht, passt. Aber eben auch skurril und komisch. Es ist ein durch und durch mit jüdischem Humor gewürztes Buch, leicht und schwer zugleich. Flüssig und flott und frisch zu lesen. Wiewohl Älterwerden und Sterben nicht auf der Bestsellerliste der gelifteten Vanessa stehen, steht es mit diesem Buch wahrscheinlich bald auf der Bestsellerliste der Medien. Auf der deutschen Ausgabe leuchtet eine Widmung von Woody Allan und auch der Geist desselben weht irgendwie durch das Buch. Isadora Wing ist zu Vanessa Wonderman geworden. Älter und gleichzeitig nicht ein bisschen weiser. Aber warum auch. Fear of Dying zeigt eine Erica Jong, die sich treu geblieben ist. Nach der für mich sehr vergnüglichen Lektüre dieses Buches widerspreche ich William Butler Yeats. Obwohl der Inhalt scheinbar aus den zwei Botschaften Sex und Tod besteht, sehe ich doch eine andere Botschaft in all diesem Lärm, der Hektik und der Dekadenz, ob Sterben des Hundes oder Schönheitsoperation, durchscheinen: die Liebe. stern kErwin Riedesser

friederike mayröcker: fleurs
lep03
Suhrkamp, 152 Seiten, € [D] 22,95 | [A] 23,60

2016, nach den études und chahier, erscheint nun fleurs. Es ist gleichzeitig der letzte Band ihrer Trilogie. In konzentrierter radikaler Sprache und das Herz und den Kopf ergreifenden Bildern führt sie ein Leben vor, das gleichzeitig Schreiben ist. Leben ist Schreiben, ist die Beschreibung eines der zu verstehenden Zustände in der Annäherung an Friederike Mayröcker. Näher kommen, wenn man ihr noch nicht verfallen ist, noch nicht süchtig ist – nach dem kleinen, scheinbar Unbedeutenden, das Mayröcker hinschreibt. »Dazu ist der Dichter da, dass er darauf zeigt, auf die kleinen Dinge, die eigentlich nicht so beachtet werden, normalerweise«, meint sie im Fernsehen zum Erscheinen ihres neuen Buches. Sie wirkt zeitlos mit ihren 91 Jahren, zeitlos wie ihre Notizen, Mosaiken, Gedanken. »keinem meiner werke liegt ein plan zugrunde, aber es schwebt mir etwas vor, eine kristallisierte Sprache und eine handvoll träume« schreibt sie in fleurs. fleurs sind Motive ihrer Träume, Splitter wieder, wie auch in den zwei vorhergehenden Bänden der Trilogie. Bilder, Bilder, Bilder – das ist bestimmend an ihrem Schreiben. Ich weiß nicht, wer den Begriff »pneumatische fetzensprache« für den eigenen, höchsteigenen Mayröckerschen Sound erfunden hat, ob er vielleicht sogar von ihr selber stammt (?), aber er ist auf alle Fälle eine geniale Erfassung ihrer Texte. Friederike Mayröcker muss eine unheimlich belesene Frau sein. Ob man sich ihr ohne Vorkenntnisse nähern kann? Wer nicht vom Bildungsangstwahn angekränkelt ist, soll es einfach tun – und Bildung Bildung sein lassen. Schluss? Ich zitiere diesen hiermit: » … das Ende des Buches sollte mitten im Satz« stern kErwin Riedesser

daniela strigl: berühmt sein ist nichts
Marie von Ebner-Eschenbach
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Residenz Verlag, 440 Seiten, € [D] 26,90 |€ [A] 24,90
Und dazu die 4-bändige Leseausgabe: Marie von Ebner-Eschenbach, Aus Franzensbad; Das Gemeindekind; Lotti, die Uhrmacherin; Unsühnbar; Bozena; Der Vorzugsschüler; Erzählungen; Aphorismen. Herausgegeben von Tanzer, Ulrike; Strigl, Daniela; Polt-Heinzl, Evelyne. 1.400 Seiten, Ganzleinen mit Prägung, Lesebändchen. Im Schuber Residenz, € [A] 75,–

»An Rheumatismen und an wahre Liebe glaubt man erst, wenn man davon befallen wird.« »Wer nichts weiß, muss alles glauben.« »Eine gescheite Frau hat Millionen geborener Feinde: – alle dummen Männer.« »Der Gescheitere gibt nach! Eine traurige Wahrheit; sie begründet die Weltherrschaft der Dummheit.« »Wo die Eitelkeit anfängt, hört der Verstand auf.« Daniela Strigl verweist in ihrer fundierten und anregenden Biografie natürlich auch auf die Aphorismen, die heute oft ohne Angabe des Copyrights im Internet zitiert werden und nichts an Aktualität eingebüßt haben. Marie von Ebner-Eschenbach, geboren 13. September 1830, gestorben 12. März 1916, die wohl berühmteste österreichische Schriftstellerin des 19. Jahrhunderts, wurde lange nur als »Dichterin der Güte« wahrgenommen. Doch sie war viel mehr: poetische Realistin, Dramatikerin, Aphoristikerin, Fürsprecherin der Emanzipation, Kämpferin gegen den Antisemitismus, Offiziersgattin, Uhrmacherin und »Reitnärrin«. Diese Biografie folgt Ebner-Eschenbachs Weg von ihrer Geburt im südmährischen Zdislawitz bis zum späten Ruhm. Zerrissen zwischen adeliger Herkunft und sozialer Gesinnung, Ethos und Ironie, Ehrgeiz und Bescheidenheit, gesellschaftlichen Rücksichten und der Leidenschaft fürs Schreiben, hielt Ebner-Eschenbach gegen den Widerstand ihrer Familie, gegen die Häme der Theaterkritik unbeirrbar an ihrem Ziel fest. In Berlin feierte sie mit ihren Theaterstücken große Erfolge und 1900 erhielt sie den ersten weiblichen Ehrendoktor der Universität Wien. stern kErwin Riedesser

robert macfarlane: alte wege
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Übersetzung: Andreas Jandl, Frank Siever, Herausgegeben von Judith Schalansky Naturkunden hrsg. von Matthes & Seitz Berlin, 400 Seiten € [D] 32,– |€ [A] 32,90
Entdeckungsreise in eine ganz andere Wildnis: Robert Macfarlane folgt den alten Pfaden, Hohlstraßen, Fuhrten, Feld- und Seewegen, die seit alters die Menschen miteinander verbinden und als unsichtbare Wegweiser die Bewegungen unserer Siedlungsräume lenken. Er lauscht den Stimmen, die die alten Wege umlagern, den Geschichten, die sie erzählen und wir lauschen und »erlesen« sie mit. Die Reise führt den berühmten Hauptvertreter des »Nature Writing« von den englischen Kreidefelsen zu den Vogelinseln im äußersten Norden Schottlands, von Palästina zu den Kulturlandschaften Spaniens und des Himalayas, sie lässt ihn und uns in fünftausend Jahre alte Fußstapfen treten und in einem kleinen Segelboot den nächtlichen Atlantik befahren. Unterwegs treffen wir auf andere Wanderer, auf Spaziergänger und auf tibetanische Mönche. Wege, die weit mehr sind, sie sind Knotenpunkte des Denkens, Wissens und Fühlens aus ihrer jahrhundertelangen Begehung. Macfarlane ist ein Meister der anschaulich-fesselnden Naturschilderung, ohne dabei je in den Fachjargon von Botanikern oder Geologen zu fallen – er erzählt mitunter eher magisch wie Peter Handke von seinen Wanderungen. Schlicht großartig. stern kErwin Riedesser

ernst lothar: der engel mit der posaune
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Mitarbeit: Eva Menasse Zsolnay, 544 Seiten € [D] 26,– | € [A] 26,80

»Das Downton Abbey von Wien« (Vanity Fair) – die große Wiederentdeckung und Neuauflage von Ernst Lothars Generationenroman und Familienepos Der Engel mit der Posaune aus dem Jahr 1944. Von Eva Menasse nun mit einem Nachwort versehen. Wien, Innere Stadt: Über dem Eingang des Hauses Seilerstätte 10 (also quasi gleich beim Leporello ums Eck) prangt dieser Engel aus Stein, der die Posaune bläst. Das Leben der Wiener Klavierbauerfamilie Alt zwischen 1888 und dem »Anschluss« 1938 ist ein wunderbar erzählter, mitreißender Roman österreichischer Zeitgeschichte, der bis heute seine Faszination behalten hat: der Aufstieg und Untergang, die Katastrophen und Familienintrigen. Ernst Lothar, eigentlich Ernst Lothar Müller, wurde 1890 in Brünn geboren und starb 1974 in Wien. Der Jurist arbeitete u. a. als Staatsanwalt, eher er ab 1925 Theaterkritiker, Regisseur und schließlich Direktor des Theaters in der Josefstadt wurde. 1938 emigrierte er in die USA, er kehrte nach Kriegsende nach Wien zurück. Ab 1948 war er Regisseur am Burgtheater und Direktoriumsmitglied bei den Salzburger Festspielen. Der Engel mit der Posaune wurde 1948 u. a. mit Paula Wessely, Attila und Paul Hörbiger, Oskar Werner und Curd Jürgens mit großem Erfolg verfilmt. stern kErwin Riedesser

librium empfiehlt

dieter braun: die welt der wilden tiere im süden, im norden
li01
Knesebeck, 144 Seiten € [D] 29,95 | € [A] 30,80

Meisterwerk erschaffen. Die Zeichnungen sind voller Sorgfalt und Liebe zum Detail – und dies obwohl sich die Tiere ausschließlich aus abstrakten Formen zusammensetzen. Gerade die Schlichtheit der Figuren macht die Tiere so lebendig und greifbar, als würden sie im nächsten Moment direkt von der Seite ins echte Leben springen. Die begleitenden Informationen sind fundiert, lehrreich und dennoch nicht ausschweifend, sodass der Leser stets interessiert und genügend Raum für die Illustrationen bleibt. Jede Seite ist dabei ein Kunstwerk für sich: Der Geruch, das Papier, der Druck – alles fügt sich zu einzigartigen Büchern zusammen. Die Geschichten erwecken Reiselust, am liebsten würde man sofort losziehen, um all diese wunderbaren Tiere in der Wildnis mit eigenen Augen zu beobachten. Es ist beinahe unglaublich, dass solche traumhaften Illustrationen ohne große anatomische Vorkenntnisse entstanden sein sollen. Die Welt der wilden Tiere sind längst nicht nur Bücher für Kinder oder Naturliebhaber. Glanzleistungen wie diese sollten in keiner Bibliothek fehlen. stern kDaniela Güntert

richard flanagan: der schmale pfad durchs hinterland
li02
Piper, 448 Seiten € [D] 24,– | € [A] 24,70

Der australische Schriftsteller Richard Flanagan erzählt vom Bau der sogenannten Todeseisenbahn im Urwald Thailands. Während des Zweiten Weltkrieges wollte die japanische Armee diese Versorgungslinie mithilfe von asiatischen Zwangsarbeitern und alliierten Kriegsgefangenen anlegen, über hunderttausend Menschen starben dabei. Der Protagonist Dorrigo Evans befindet sich mit seinen Soldaten der australischen Armee in einem der Lager. Sie leiden an Unterernährung, Krankheit, Sklavenarbeit und unmenschlicher Brutalität der japanischen Aufseher. Nüchtern und detailliert beschreibt Flanagan die Grausamkeit und Unwürdigkeit in dieser Lagerhölle. Die Erzählstruktur ist komplex angelegt, die Handlung verläuft nicht chronologisch und nimmt verschiedene Perspektiven ein. So wird auch Evans Leben vor dem Krieg und danach erzählt. Er verpasst eine große Liebe, die ihn im Lager am Leben hält, er wird zum Kriegshelden und endet in einer Vernunftehe. All dies scheint dem Protagonisten zu passieren, immer waren es die Umstände und die Erwartungen der Gesellschaft, die über sein Leben bestimmt haben. Flanagan gelingt es, auf dem schmalen Grat zwischen Brutalität des Krieges und Schönheit der Sprache zu balancieren und dabei aufzuzeigen, was den Menschen im Kern ausmacht. stern kLaurin Jäggi

juli zeh: unterleuten
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Luchterhand, 640 Seiten € [D] 24,99 | € [A] 25,70

»An diesem Roman habe ich fast zehn Jahre gearbeitet. Im Nachhinein kommt es mir vor, als hätte ich Unterleuten weniger geschrieben als bewohnt. Mein ganzes schriftstellerisches Leben lang wollte ich einen Gesellschaftsroman schreiben. Als Jugendliche las ich die großen französischen oder russischen Romane von Balzac, Zola, Dostojewski und Tolstoi, als Erwachsene die großen amerikanischen Erzähler wie Updike, Franzen, DeLillo und Roth. Für mich ist dies die literarische Königsdisziplin: wenn es gelingt, nicht nur eine spannende Geschichte und interessante Figuren zu erschaffen, sondern darüber hinaus den Zeitgeist und die Befindlichkeiten einer ganzen Epoche in einen Roman hineinzuerzählen.« Ich zitiere hier aus einem Brief, den Juli Zeh an Buchhändlerinnen und Buchhändler geschrieben hat, weil ihre eigenen Worte besser beschreiben, worum es in diesem Roman geht, als ich es könnte. Was ich hingegen kann, ist zu sagen, dass es Juli Zeh gelungen ist, dem genannten Kanon von Gesellschaftsromanen einen bedeutenden hinzuzufügen. Was für ein Lesevergnügen, was für eine genaue Beschreibung der Figuren, die dieses Dorf bevölkern. Für die Zeit der Lektüre habe ich in Unterleuten gelebt, habe ich mich immer wieder durch unvorhersehbare Wendungen überraschen lassen, habe gestaunt, wie echt die von Zeh geschaffenen Figuren erschienen, wie es weder gut noch böse gab, sondern ständig neue Einsichten. Für mich hat Juli Zeh mit diesem unglaublich spannenden, facettenreichen Roman gezeigt, dass sie fähig ist zur Königsdisziplin, zu einem Werk, das uns Leser packt und mitnimmt und unseren Horizont erweitert. Ein eindrückliches Leseerlebnis, das mich noch lange beschäftigen wird! stern kSusanne Jäggi

olivier tallec: wer war’s wo?
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Gerstenberg Verlag, 32 Seiten, € [D] 9,95 | € [A] 10,30

ZIn jedem Krimi geht es um die Suche nach dem Täter. Auch in diesem köstlichen Bilderbuch steht die Frage »Wer war’s?« im Zentrum. Auf allen zwölf Doppelseiten – das Buch hat schmales Querformat mit dem Buchrücken am oberen Bildrand – sind zehn witzige Figuren versammelt. Eine Frage lädt zum Rätseln und genauen Beobachten ein. Wer hat die Marmelade gegessen? Wer mit der Katze gespielt? Wer macht Quatsch und wer ist verliebt? Die Antwort ist gar nicht immer so einfach zu finden und liegt oft im Detail. Beim gemeinsamen Betrachten mit Kindern entsteht so auch Gesprächsstoff. Was könnte den Figuren passiert sein? Was drücken die Körperhaltungen aus? Der 1970 geborene französische Illustrator Olivier Tallec, der schon mit seinen Bilderbüchern vom großen und kleinen Wolf begeistert hat, hat fröhliche, farbenfrohe Bilder und Figuren geschaffen, die ans Herz rühren. Kurz: Ein Lieblingsbuch, welches man immer wieder hervornehmen und anschauen mag. Und wer weiter rätseln will, kann sich freuen. Nun ist der Folgeband Wer war’s wo? erschienen, in dem noch mehr kombiniert werden kann. stern kBarbara Maurer

lucia berlin: was ich sonst noch verpasst habe
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STORIES / Arche Verlag, 384 Seiten € [D] 22,99 | € [A] 23.70

Lucia Berlin (1936 – 2004) hinterließ ein Werk von 76 Kurzgeschichten, die in den 1980er-Jahren publiziert und danach vergessen wurden – bis die Autorin Lydia Davis erneut auf sie aufmerksam machte. Von vielen Schriftstellern gelobt, mit einigen der ganz Großen verglichen: Meine Erwartung war entsprechend groß, ebenso groß die Enttäuschung nach dem Lesen der ersten Erzählung. Die Sammlung ist chronologisch geordnet, nach der Lektüre der späteren Stories verstand ich die Begeisterung. Dabei erzählt sie scheinbar Banales, oft aus dem Leben gewöhnlicher Menschen: Haushaltshilfen, Krankenschwestern und Lehrerinnen. Es geht um scheiternde Ehen und schwangere Mädchen, um Immigranten, um Einsamkeit, Liebe und Gewalt. Die Orte des Geschehens sind die des Alltags: Waschsalons, Cafés, Wohnungen und Arztpraxen. Die Sprache von Lucia Berlin ist pointiert-trocken, aber auch oft voller Melancholie. Das Herausragende für mich bei dieser Lektüre ist die Liebe, die die Autorin ihren Figuren entgegenbringt, die Kenntnis ihrer Verzweiflungen und der Mühsal des Lebenskampfes. Das Rohmaterial zu diesen Erzählungen ist Lucia Berlins eigenes Leben: Sie ist 1936 in Alaska geboren, wo ihr Vater als Bergbauingenieur arbeitete, später hat sie fast überall im Westen der USA gelebt, außerdem in New York, in Chile und Mexiko. Als Kind erlitt sie Missbrauch, als Erwachsene war sie jahrzehntelang alkoholabhängig. Sie war mit Dichtern und Musikern befreundet. Mit Anfang dreißig war sie bereits dreimal geschieden und hatte vier Söhne. Ihr Geld verdiente sie als Putzfrau, Aushilfslehrerin und Krankenpflegerin. Lucia Berlin hat aus diesem reichen Fundus geschöpft und ein lesenswertes Werk hinterlassen. Bitte lesen! stern kSusanne Jäggi

irmgard keun: kind aller länder
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Kiepenheuer & Witsch, 224 Seiten € [D] 17,99 | € [A] 18,50

Die zehnjährige Kully berichtet aus ihrem aufregenden Emigrantenleben. In den 1930er-Jahren zieht sie mit ihren Eltern immer wieder um. Der Vater ist Schriftsteller. Seine Bücher sind in Deutschland verboten. Die Familie lebt von seinen Zeitungsartikeln und den Vorschüssen der ausländischen Verlage. Doch der Vater kann schlecht mit Geld umgehen. Immer wieder reist er deshalb Bekannten nach, die ihm Bargeld verschaffen sollen. Kully und die Mutter bleiben dann oft in Hotels zurück, deren Rechnungen sie kaum bezahlen können. Aber so lernt Kully viele Städte und Länder kennen und kann sich in vielen Sprachen ausdrücken – bestens, wie sie meint. Sie ist mit ihrem rastlosen Leben nicht unglücklich. Als ein alter Mann sie fragt, ob sie nie Heimweh habe, weiß sie zuerst nicht, was er meint. Er erklärt es ihr. Sie antwortet dann, dass sie manchmal Heimweh empfinde, aber immer nach einem anderen Land, das ihr gerade einfalle. In diesem ganz aus Kindersicht erzählten Roman, der 1938 erstmals in Amsterdam erschienen ist, schildert Irmgard Keun auch das Paar, das Joseph Roth und sie einst waren. Die naive Sicht auf das heimatlose Emigranten in jener Zeit. Die Sprache und Erzählweise sind stimmig dem Alter der Ich-Erzählerin angepasst, einfach und klar. Nach der beglückenden Lektüre dieses Buches spürt man Lust auf weitere Werke von Irmgard Keun. stern kBarbara Maurer

istván örkény: minutennovellen
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Suhrkamp, 164 Seiten € [D] 12,80 | € [A] 13,20

Skurril sind sie und bisweilen auch ein bisschen altmodisch, diese Minutennovellen. Kleine Geschichten auf maximal vier Seiten, die aber jedes Mal zuverlässig ein ganzes Universum vor dem Auge des Lesers entstehen lassen. Alle langen Erklärungen und Einordnungen in einen größeren Zusammenhang fallen weg, meist wird man gleich Zeuge einer außergewöhnlichen oder absurden Wendung, die das Leben der unterschiedlichsten Figuren nimmt. Mal fallen selbstmörderische Tulpen vom Balkon, weil sie keine Tulpen mehr sein möchten, wie gleich zu Beginn, dann wieder belauschen wir einen ad absurdum geführten Streit zwischen zwei Kohle schleppenden Bewohnern in einem vom Krieg zerstörten Mietshaus. Obwohl so unterschiedliche, universelle Dinge wie Zufälle, Zwänge, krankhafte Eitelkeiten, der Tod oder sogar Autostopp Gegenstand der Novellen sind, spürt man doch die typisch ungarische Seele in fast jedem Satz. Örkeny wurde 1912 in Budapest geboren, jüdisch, war Apotheker und Chemiker und verbrachte den Krieg in einem russischen Arbeitslager. 1953 veröffentlichte er seinen ersten Roman und wurde ab den 60er-Jahren auch im Ausland bekannt. 1979 starb Istvan Örkeny und gilt heute als moderner Klassiker. stern kDoris Widmer

laurie penny: unsagbare dinge
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SEX, LÜGEN UND REVOLUTION / Edition Nautilus, 288 Seiten € [D] 16,90 | € [A] 17,40

Die englische Journalistin und Autorin ist die derzeit wichtigste Stimme des jungen Feminismus. In ihrem Buch Unsagbare Dinge analysiert sie auf brillante Weise die Missstände in westlichen Gesellschaften. Der Feminismus,den sie vertritt versteht sich als Mittel zum Kampf gegen Ungerechtigkeit und setzt sich ein für die Unterdrückten. Penny bietet keine einfachen Lösungen, aber ihre scharfen Analysen der gesellschaftlichen Strukturen, die zu Ungleichheit führen, zeigen auf, was sich ändern muss. Sie entlarvt die Mechanismen des neoliberalen Kapitalismus, die zu sozialer und ökonomischer Diskriminierung führen, und fordert Emanzipation für alle. Die Genderkonformität schadet nicht nur den Frauen, auch queere Menschen und Männer leiden unter gesellschaftlichen Rollenbildern. Ebenso prangert sie einen Feminismus an, der das Bild der Karrierefrauen verbreitet, Arme, Queere, Nicht-Weiße bleiben davon ausgeschlossen. Penny schreibt klug, wortmächtig, witzig und furios. Ein Feminismus, als gesellschaftsverändernde Kraft, der sich einsetzt für die Gerechtigkeit und Freiheit aller.  stern kLaurin Jäggi

eilon paz: dust & grooves
plattensammler und ihre heiligtümer
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Edel, 448 Seiten € [D] 49,95 | € [A] 51,40

Die Schallplatte feiert dieser Tage ein Comeback, zumindest was die Verkaufszahlen betrifft. Doch für die in diesem opulenten Bildband porträtierten Sammler war sie nie weg. Der Fotograf Eilon Paz hat seine über hundert Protagonisten weltweit besucht und sie inmitten ihrer Sammlung fotografiert. Darunter sind bekannte Namen wie Gilles Peterson oder Questlove (The Roots), aber auch unbekannte Sammler. Neben den großformatigen und großartigen Fotos enthält das Buch auch ausführliche Interviews. So unterschiedlich diese Menschen und Sammlungen auch sind, es eint sie die Leidenschaft für Vinyl und die Liebe zur Musik. Viele der hier Porträtierten widmen einen nicht unerheblichen Teil ihres Lebens ihrer Sammelleidenschaft. Die Geschichten, die sie erzählen, handeln von ihren Abenteuern, die sie auf der Jagd nach raren Platten erleben durften, davon, wie die Musik sie mit anderen Menschen zusammengebracht hat, und natürlich von Musik, deren schönste Speicherform immer noch die Schallplatte darstellt.  stern kLaurin Jäggi

7 gute bücher - schleichers buchhandlung | kohlhaas & company

friedrich christian delius: die liebesgeschichtenerzählerin
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Rowohlt Berlin, 208 Seiten € [D] 18,95 | € [A] 19,50

»Das Vergangene«, schreibt Harry Mulisch, »ist ebenso unsicher wie die Zukunft. In der Zukunft kann (fast) alles noch geschehen – doch auch in der Vergangenheit kann fast alles geschehen sein.« Marie von Schabow, geboren 1920, verheiratet seit 1941 mit Reinhard von Mollwitz, vierfache Mutter, erfüllt sich kurz vor ihrem 50. Geburtstag den Wunsch, endlich das Buch ihrer Familiengeschichte zu beginnen: drei Liebesgeschichten, drei Lebensentwürfe in drei Kriegen. Anfang 1970 begleiten wir sie auf einer Bahnreise nach Holland, wo sie in den königlichen Archiven Dokumente über ihre während der napoleonischen Kriege illegitim gezeugte Ururgroßmutter Minna aufzufinden hofft. Ihre Eindrücke auf der Reise, die Gedanken über ihr eigenes Erleben und das ihrer Eltern und der Großeltern in den Kriegen und Nachkriegszeiten des 20. Jahrhunderts ergeben das Gerüst für das geplante Buch. Der Leser wird hineingezogen wie in einen Film, dessen einzelne Schnitte nach und nach die Lebenswirklichkeit der Menschen abbilden, die in zusammenbrechenden Ordnungen aus ihren Lebensbahnen geworfen werden, Verlust und Tod, Not und Vertreibung erleiden müssen. Es ist ein verständnisvolles, liebevolles Erinnern mit großer Empathie, in einer unaufgeregten, nachdenklichen Sprache geschrieben. Jeder GedankenAbsatz endet nicht mit einem Punkt: So war es! Er endet mit einem Gedankenstrich: So könnte es gewesen sein – so könnten es unsere Vorfahren empfunden haben. Danke, lieber Büchner-Preisträger, für dieses Meisterwerk. stern kJürgen Schleicher

ferdinand hardekopf: briefe aus berlin feuilletons 1899 – 1902
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Nimbus, 224 Seiten € [D] 28,– | € [A] 28,80

»Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen. « Das gilt für viele vergessene Autoren des 20. Jahrhunderts: auch und ganz besonders für Ferdinand Hardekopf. Allenfalls dem ein oder anderen als expressionistischer Lyriker oder/und als profunder Übersetzer französischer Literatur bekannt, war er weit mehr als das: nämlich einer der geschliffensten Feuilletonisten, den die Hauptstadt je, neben Alfred Kerr natürlich, gehabt hat. 1876 in Varel (Friesland) geboren, kam er 1899 nach Berlin und wurde Stenograf im Deutschen Reichstag. »Gelegentlich besuchte er auch die Universität, doch die Berliner Boheme zog ihn weitaus mehr an.« »›Litterat‹ wollte er sein ... nicht Hüter der hohen Dichtkunst «, sondern einer, der über die Gegenwart und das flirrende Leben der Straße und über die Vergnügungen in den Theatern, Varietés, Cafés und Unterhaltungsbuden schrieb. 1899 bekam er einen Auftrag der Eisenacher Tagespost und die Berichte aus Berlin, ach was sage ich, Berichte, das sind kleine, pointiert geschliffene feuilletonistische Kunstwerke, in und für die thüringische Provinz fanden über vier Jahre lang glückliche Leser. Und immer ist es das Kulturleben, »die Synthese von hoher Bildung und niedrigem Genuss des Moments«, das ihn zu wahrhaft brillanten, wunderbar ironischen und stilsicheren Texten anspornt. Über den Kaiser und den Adel berichtet er nicht. Das hat ihn nicht interessiert. Ibsen, Hauptmann, Frank Wedekind, die Kunstsalons und die Secession, das sind seine Themen: Der nervöse Umbau Berlins zu einer Weltmetropole ist in vollem Gang. Und Hardekopf ist mit Stil, Freundlichkeit, Witz, Ironie und Neugier ihr perfekter Chronist. Hardekopf hasste den Krieg und so ging er 1916 in die Schweiz ins Exil. Er kam noch einmal zurück nach Berlin, verließ es aber 1922 endgültig, für immer ein Staatenloser. Später in Frankreich hatte er Glück und wurde Dank einer Intervention André Gides wieder aus dem Internierungslager entlassen. Nach dem Krieg lebte und übersetzte er wieder in der Schweiz, wollte lieber staatenlos sein, als einen deutschen Pass besitzen. Er war ein Vermittler der französischen Literatur, die er so geliebt und bis zu seinem Lebensende wie ein Besessener übersetzt hat. »Nie gelingt das Dasein richtig, nur der Dicht-Extrakt bleibt wichtig.« F. H. Bernhard Echte, Verleger und Robert- Walser-Experte, hat diesen wunderbaren Band in seinem Nimbus Verlag, Halbleinen und Lesebändchen, wie es sich gehört. »Unbegrenzt haltbar. stern kSilke Grundmann

reinhard kaiser: der glückliche kunsträuber. das leben des vivant denon
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C. H. Beck, 399 Seiten € [D] 24,95 | € [A] 25,70

Der Franzose Dominique Vivant Denon (1747 – 1825) war eine der schillerndsten und kunstverständigsten Persönlichkeiten seiner Zeit. Reinhard Kaiser, vielfach ausgezeichneter Schriftsteller, Publizist und Übersetzer hat nun Denons von 1788 an lebenslang geführten Briefwechsel mit seiner Geliebten und Freundin Elisabetta Teotochi Marin zur Grundlage einer sehr spannenden und kurzweiligen Biografie gemacht. Denon entflieht seiner zwar wohlhabenden aber provinziellen und anregungsarmen Herkunft aus Chalonsur- Saône mit nur 16 Jahren nach Paris. Auf ausgedehnten Italienaufenthalten wächst seine Antikenbegeisterung. Er schult systematisch seinen Blick und entwickelt Sehen und Zeichnen zu seinem unentbehrlichen Rüstzeug. Denon erlebt die Französische Revolution, den Terror der Revolutionsjahre, den Wandel und Umbau der Republik durch Napoleon zum autokratischen System. Durch Neugier, lebenslangen Wissensdrang, in jeder Hinsicht diplomatisches Geschick und günstige Umstände gelangt er, immer wieder protegiert durch Freunde und Größen seiner Zeit, in die Position des bedeutendsten Mannes der französischen Kultur: Napoleon ernennt ihn im November 1802 zum »Directeur général des musées« und damit auch zum ersten Direktor des Louvre. Zentrale und großartige Kunstwerke werden planmäßig unter Napoleon im Dienst der Vermehrung des Ruhms der neuen Nation erbeutet. Denon habe die Politik des nationalen Kunstraubs für Frankreich zwar nicht erfunden oder in Gang gesetzt, er habe sie aber so energisch und sachverständig betrieben wie niemand in den Jahren vor ihm; schreibt Reinhard Kaiser treffend. Das Buch ist weitaus mehr als nur biografische Beschreibung einer illustren und leidenschaftlichen Persönlichkeit: Als Epochengeschichte gewährt es tiefe Einblicke in Beziehungen, das Salonleben, diplomatisches Geschehen und bewegtes Kunstverständnis der Zeit; darüber hinaus ist es eine großartige Entstehungsgeschichte der europäischen Museen und der durchaus schillernden Grundlagen ihrer Sammlungen. stern kMalcah Castillo

christoph hein: glückskind mit vater
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Suhrkamp, 527 Seiten € [D] 22,95 | € [A] 23,60

Kriegsende 1945 in einer ostdeutschen Kleinstadt – Konstantin, am 14. Mai geboren und »Held« dieses Romans, ist für seine Mutter ihr »Glückskind«: Zwar bewahrt die Schwangerschaft sie nicht davor, ihre Villa verlassen zu müssen, aber vermutlich vor Schlimmerem. Erst mit elf Jahren erfährt Konstantin die Geschichte seiner Familie, bis dahin hatte die Mutter geschwiegen: über den Namenswechsel, über die gesellschaftliche Stellung des Vaters in der Stadt, wo er als Fabrikbesitzer bis Kriegsende der wichtigste Arbeitgeber war, über seine Partei – und SS-Mitgliedschaft, und seine Hinrichtung in den letzten Wochen des Krieges. Noch als Toter herrscht der Vater über die Stadt, von den einen gehasst, den anderen bewundert. Für Konstantin wird er zum Phantom. Sein Leben lang wird er der Sohn von Gerhard Müller bleiben und darunter leiden. Mit dieser Lebensgeschichte erzählt Christoph Hein von über 60 Jahren deutscher Geschichte: von Lüge und Verdrängung in beiden deutschen Staaten, von Menschen, die in jedem System Sieger bleiben und von jenen wie Konstantin, für die die Vergangenheit immer Gegenwart bleibt. stern kRenate Georgi

antonia baum: tony soprano stirbt nicht
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Hoffmann und Campe, 150 Seiten € [D] 25,– | € [A] 18,50

Antonia Baums letzter Roman hieß Ich wuchs auf einem Schrotthaufen auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren. Er handelt von drei Kindern, die, so die Autorin, »auf ihren Vater warten, ihr ganzes Leben lang, und die ihn, während des Wartens, am Leben erhalten, indem sie sich Geschichten über ihn erzählen, indem sie seine Wörter benutzen und seine Scherze machen«. Kurz vor Erscheinen des Romans erfährt Antonia Baum, dass ihr Vater nach einem schweren Motorradunfall auf der Intensivstation liegt. In den Wochen und Monaten danach entstanden die vorliegenden zutiefst skrupulösen Aufzeichnungen. Das Buch ist das bewegende Zeugnis einer tiefen Verunsicherung, die für Antonia Baum nicht anders als schreibend zu bewältigen ist. »Warum schreibe ich? Weil ich muss, weil ich nicht allein sein kann, weil ich Angst habe, weil ich herausfinden will, was passiert ist und was ich darüber denke; weil ich etwas gegen den Tod tun will.« Vor allem geht es um den Einbruch der Realität in die Kunst, um autobiografisches Schreiben, mithin um Verantwortung und Schuld: Welche Zusammenhänge gibt es zwischen dem Roman und den realen Vorgängen, die letztlich zum Unfall des Vaters geführt haben? Die Autorin zitiert die von ihr verehrte Joan Didion: »Schriftsteller liefern immer jemanden ans Messer.« Aber auch: »Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben.« Und so stehen am Ende des Buches drei verstörende Geschichten, »Möglichkeiten « nennt sie Antonia Baum. Sie stehen für sich, sie heilen nicht und haben auch keinen Anteil daran, dass das Buch verhalten hoffnungsvoll endet. Jedoch: »Ich wusste, dass ich das Leben nicht lesen kann wie einen Roman, in dem Zeichen versteckt sind, und ich wusste, dass Drehbücher und Geschichten keine Programme sind für das, was vor einem liegt … Aber ich weiß nicht, was ich ohne diese Geschichten gemacht hätte. Und ich weiß auch nicht, was ich ohne das Schreiben gemacht hätte.« stern kGerhard Wilhelm

etgar keret: die sieben guten jahre - mein leben als vater und sohn
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Übersetzung: Daniel Kehlmann
Fischer, 224 Seiten € [D] 19,99 | € [A] 20,60

Etgar Keret, Jahrgang 1967, zählt zu den spannendsten und begabtesten jüngeren Autoren Israels. Er schreibt Erzählungen, Drehbücher, Graphic Novels und lebt mit Frau und Kind in Tel Aviv. Etgar Keret hat eine ganz eigene Stimme: schnell, mitfühlend, manchmal überspannt, voller Humor, bizarr – er verzichtet darauf zu moralisieren und weigert sich, alles zu politisieren. Der Mensch hat, was immer geschieht, sein ganz persönliches, einmaliges und nicht austauschbares, individuelles Leben. Wir haben es hier nicht mit Erzählungen zu tun, sondern mit einem sehr persönlichen, intimen Journal: sieben »glückliche« Jahre eines Lebens. Es beginnt mit der Geburt seines Sohnes während eines Raketenangriffs – alle Ärzte sind unterwegs, um Verletzten zu helfen, das Ungeborene hat instinktiv Geduld, auf die Welt zu kommen – und endet mit dem Tod seines Vaters, eines Holocaust-Überlebenden. Dazwischen: ein Leben als Vater, Sohn, Mann und Bruder, viel Alltag in Israel: verrückt, gefährlich, oft surreal und ja, auch urkomisch und glücklich Kann ein Mensch sieben gute Jahre haben in einem Land, das sich in ständiger Angst und seit ewigen Zeiten im Krieg befindet? Was ist ein gutes Leben? An einer Stelle ist die kleine Familie unterwegs und es kommt urplötzlich ein Raketenangriff. Sie verlassen das Auto, legen sich in den Straßengraben und spielen Pastrami- Sandwich, sprich: Butterbrot: Die Eltern sind das Brot (oben und unten) und in der Mitte das Kind, das die Wurst spielen muss. Wie schütze ich mein Kind? Dieses Buch erscheint nicht auf hebräisch. Etgar Keret wollte es nicht, es sei zu privat. Die deutschen Leser dürfen es lesen und sollten es unbedingt tun! Überwältigend und bewegend! stern kSilke Grundmann

gaziel: nach saloniki und serbien - eine reise in den ersten weltkrieg
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Berenberg, 240 Seiten € [D] 25,– | € [A] 25,70

»Befördert von unfähigen Politikern, beleidigten Monarchen und nationalistisch verbohrten Militärs« tritt der europäische Kontinent 1914 in den Ersten Weltkrieg ein. Der Balkan wird unter Einfluss der europäischen Großmächte zum Kriegsschauplatz und tausende Menschen flüchten im Jahr 1915 vor den über Mazedonien und Serbien anrückenden bulgarischen und deutschen Truppen, die gegen die französischbritische Allianz in Griechenland vorrücken. Ein junger Journalist aus Barcelona, Gaziel, eigentlich Augustì Calvet, geboren 1887, aus wohlhabendem Haus mit gutbürgerlichem Hintergrund, ist abenteuerlustig, von der Antike begeistert und mutig genug, den nahenden Frontlinien entgegenzureisen. Mit dem Schiff Adriatikos über Italien nach Griechenland, später in Begleitung eines dolmetschenden Freundes mit einem alten klapprigen Wagen geht es im November 1915 über das von Engländern und Franzosen besetzte Saloniki, weiter durch Kälte und schneebedeckte Berglandschaften nach Monastir, wo er auf die von deutschen und bulgarischen Truppen vertriebenen Flüchtlingsströme trifft: »Während wir uns Monastir nähern, durch die anrollenden Wellen von Flüchtlingen hindurch, ist mir, als erlebte ich eine der tausendjährigen Szenen der Pest, des Elends und des Schreckens, die das moderne Bewusstsein noch bis vor zwei Jahren für immer ins barbarische Dunkel des Mittelalters verbannt zu haben schien.« Gaziels Blick ist nicht immer frei von Stereotypen und antisemitischen Vorurteilen seiner Zeit, doch stets ist er politisch hellwach, teilnehmend und offen für die Nöte und das unbeschreibliche Leid der vertriebenen Menschen, welcher Religion oder Nationalität auch immer. Entschieden wendet er sich gegen Irrsinn und Absurdität eines von Flüchtlingen unverschuldet hinzunehmenden Elends. Ein ungemein dichtes, ergreifend unmittelbares Zeugnis, das die beeindruckenden Landschaften Griechenlands und des Balkans, die kulturelle und menschliche Vielfalt dieser Regionen, die verfehlte Politik und die erschütternden Schicksale dieser Zeit erfasst. Gaziels Bericht ist erschreckend aktuell. stern kMalcah Castillo

Buchhandlung Zum Wetzstein

thomas mann, rené schickele
jahre des unmuts
thomas manns briefwechsel mit rené schickele 1930 – 1940
Klostermann Verlag, 416 Seiten, € [D] 39,– | € [A] 40,10

rené schickele
das wort hat einen neuen sinn
prosa, lyrik, essays, briefe
Mitteldeutscher Verlag, 144 Seiten, € [D] 14,95 | € [A] 15,40



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Sein Haus in Badenweiler verließ René Schickele 1932. Er sah eine »mehrjährige Sonnenfinsternis« heraufziehen. Auch Thomas Mann sah diese Verdunkelung und ging 1933 ins Exil. Die beiden Herren hatten nicht viel Gemeinsames, weder im Literarischen, Privaten noch Politischen. Und doch verband sie eine Jahre währende, wenn auch schwierige und fragile Freundschaft. Der Briefwechsel gibt Zeugnis vom regen gedanklichen Austausch, der nur im Vordergrund ein Ringen um das Literarische war. Vielmehr ist er ein Dokument der politischen Gefahren, die beider Alltag bestimmten. Ein Dokument von Furcht und tiefer Sorge um das Schicksal des jeweils anderen. Die hervorragende Einführung, die ausführlichen Anmerkungen, umfassenden Dokumentationen und zahlreichen Verweise werden in diesem Buch zur wahren Schatzkammer für den Leser, um aus dem Leben zweier so unterschiedlicher Autoren in den sogenannten Jahren des Unmuts zu erfahren. Gestorben ist René Schickele 1940, kurz bevor ein Schiff ihn ins amerikanische Exil hätte bringen sollen. Von ihm geblieben sind die Texte der jugendlichen Rebellion, des Expressionismus, vor allem aber die der himmlischen Landschaften, seiner Heimat, die zwischen Deutschland und Frankreich, zwischen Schwarzwald und Vogesen lag. In dem kleinen, hübsch gestalteten Bändchen Das Wort hat einen neuen Sinn findet sich von diesen Texten eine erlesene Auswahl. stern k

käthe vordtriede »es gibt zeiten, in denen man welkt«
mein leben in deutschland vor und nach 1933
Libelle Verlag, 280 Seiten, € [D] 19,95 | € [A] 20,60
 
käthe vordtriede »mir ist es noch wie ein traum, dass mir diese abenteuerliche flucht gelang …«
Libelle Verlag, 400 Seiten, € [D] 22,50 | € [A] 23,20



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Straßennamen bergen häufig eine Geschichte, die wir nicht kennen oder vergessen haben. So verkümmern die Namen lediglich zu Richtungen im Alltag, in denen das Ziel entscheidet, nicht aber die Erinnerung. In Freiburg gibt es eine Straße, die nach Käthe Vordtriede benannt wurde. Dies hätte auch im schweizerischen Kreuzlingen oder in New York geschehen können, den Stationen ihres Exils. Das Freiburger Straßenschild weist in ein zu Unrecht vergessenes Leben im nationalsozialistischen Deutschland, in dem die Luft zu atmen immer dünner und der Bewegungsradius einer jüdischen, sozialdemokratischen Journalistin und alleinerziehenden Mutter immer enger wurde. Käthe Vordtriede starb 1964 verarmt in New York. Es gibt Zeiten, in denen man welkt ist die Autobiografie dieser hellsichtigen und bemerkenswerten Frau. Sie entstand im Zusammenhang eines Preisausschreibens der Harvard University – geschrieben noch im Schweizer Exil –, immer auf der Suche nach Erklärungen für das gesellschaftliche Zustandekommen dieser menschenverachtenden Sackgasse. In dem Band Mir ist es noch wie ein Traum, dass mir diese abenteuerliche Flucht gelang … sind die Briefe an ihren Sohn versammelt: von 1938, noch aus Freiburg, bis 1964. Persönliches geht hier mit Politischem einher, Verzweiflung mit Mut, Resignation mit Hoffnung, und gibt uns einen tiefen Einblick in jenen dunkelsten Abschnitt deutscher Geschichte. stern k

joseph roth, stefan zweig »jede freundschaft mit mir ist verderblich«
briefwechsel 1927 – 1938
Wallstein Verlag, 624 Seiten, € [D] 39,90 | € [A] 41,10
 
stefan zweig und sein freundeskreis
sein letztes adressbuch 1940 – 1942
Hentrich & Hentrich Verlag, 232 Seiten, € [D] 27,90 | € [A] 28,70



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Am 23.10.1930 schreibt der »heilige Trinker« Joseph Roth, der sich permanent in Geldsorgen befand, an den auf dem Höhepunkt seines Schaffens angelangten großbürgerlichen Stefan Zweig: »Wirkung hat im Grunde doch nur das, was die Freundschaft tut.« Und Stefan Zweig an Joseph Roth im April und im Mai 1936, jeweils aus London: »Roth, halten Sie sich jetzt zusammen, wir brauchen Sie …« Und: »Meine Witterung für politisches Unheil quält mich wie ein entzündeter Nerv. Ich habe Angst um Österreich und der Fall Österreichs wäre auch innerlich unser Untergang.« Im Ringen um den Widerstand gegen den Nationalsozialismus schieden sich ihre Geister. Zweig glaubte an die Vernunft, wollte nur durch sein literarisches Werk verstanden werden, Roth sah sich als Kämpfer für eine intellektuelle, vor allem engagierte Publizistik. Der wissenschaftlich hervorragend edierte Briefwechsel 1927 – 1938, Jede Freundschaft mit mir ist verderblich, zeigt neben diesem politischen Rahmen jedoch vor allem auch die gegenseitige und außerordentlich lesenswerte Bewunderung des Charakters und der Literatur des jeweils anderen. Stefan Zweig, der seit 1934 im Exil lebte, hatte, wie er bereits 1933 anmerkte, »die stärkste Abneigung, Emigrant zu werden. … Emigrantentum sei gefährlich, es mache die Zurückgebliebenen zu Geiseln …«. In seinem letzten Adressbuch, hinterlassen in Brasilien, war Joseph Roth nicht mehr aufgeführt, denn Roth war bereits 1939 in Paris verstorben. Stefan Zweig und sein Freundeskreis ist ein äußerst beredtes Zeugnis von der Fremde, ein Zeugnis von weit gespannten Kontakten und Beziehungen im Freundeskreis um die Familie Zweig. Hier liegt es in Form einer umfassend kommentierten, mit Kurzporträts versehenen, liebevoll und sorgfältig gestalteten Faksimile-Ausgabe vor. stern k

thomas blubacher: die vielen leben der ruth landshoff-yorck
Insel Verlag, 365 Seiten, € [D] 24,95 | € [A] 25,70
 
ruth landshoff-yorck: das mädchen mit wenig ps
Aviva Verlag, 224 Seiten, € [D] 18,90 | € [A] 19,40



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Ruth Landshoff-Yorck war zeitlebens auf der Suche nach Freiheit, nach ihrem eigenen Stil, weg vom bürgerlich jüdischen Elternhaus, in das sie 1904 als Ruth Levy in Berlin-Schöneberg geboren wurde. Zwar sabotierte sie dessen schützenden Beistand, war aber intelligent genug, ihn auch zu nutzen. Die glamouröse Nichte des Verlegers Samuel Fischer bewegte sich im Berlin der 20er-Jahre als androgyne Schönheit auf allen möglichen Bühnen. Sie spielte im Film und im Theater, sie schrieb Feuilletons und Romane, später übersetzte und publizierte sie. 1933, nachdem sie auf allen Festen mit allen Größen jener aufregendsten Jahre Berlins getanzt hatte, emigrierte sie über Frankreich nach England in die Schweiz und lebte ab 1937 bis zu ihrem Tod 1966 in New York. Dort schrieb sie fürs Theater und wurde in der Kunstszene erneut zu einer festen Größe, beneidet um ihre Vergangenheit, in der für sie vieles bereits selbstverständlich gewesen war, was im prüden New York der damaligen Zeit noch mühsam erkämpft werden musste. Thomas Blubacher hat, beeindruckend sorgfältig recherchiert, höchst unterhaltsam Die vielen Leben der Ruth Landshoff-Yorck in dieser Biografie abgebildet. Und würdigt neben allem Glamour die große Leistung dieser auch politisch äußerst furchtlosen Frau, dieser »snobistischen Muse und androgynen Stilikone, amüsanten Feuilletonistin, engagierten Antifaschistin und verkannten Avantgarde-Literatin«. Vor diesem Hintergrund lesen sich in Das Mädchen mit wenig PS Ruth Landshoff-Yorcks feuilletonistische Texte und Zeitungsartikel aus den Zwanziger Jahren besonders aufschlussreich und anregend. Gerade weil sie frisch und unbekümmert daherkommen, amüsant, gleichzeitig bissig und von bestechendem Esprit sind, fangen sie jene Zeit so gut für uns ein, jene Zeit, die zugleich freizügig, abenteuerlich und gefährlich war. stern k

walter benjamin: einbahnstrasse
Suhrkamp Verlag, 125 Seiten, € [D] 11,80 | € [A] 12,20
 
gretel adorno, walter benjamin: briefwechsel 1930 – 1940
Suhrkamp Verlag, 433 Seiten, € [D] 26, 90 | € [A] 27,70



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»Freiburger Münster. – Mit dem eigensten Heimatgefühl einer Stadt verbindet sich für ihren Bewohner – ja vielleicht noch für den verweilenden Reisenden in der Erinnerung – der Ton und der Abstand, mit dem der Schlag ihrer Turmuhren anhebt.« »Dahingegen wird die Erwartung, dass es so nicht mehr weitergehen könne, eines Tages sich darüber belehrt finden, dass es für das Leiden des Einzelnen wie der Gemeinschaften nur eine Grenze, über die hinaus es nicht mehr weiter geht, gibt: die Vernichtung.« Eingebettet in das Mahlwerk der Geschichte, zwischen dem Ersten Weltkrieg und den frühen Verdunkelungen des Nationalsozialismus, war Walter Benjamin sich gewiss, »dass es mit der Kunst des Erzählens zu Ende geht«, da die epische Seite der Wahrheit im Begriff sei auszusterben. Notwendig wurde also die kleine Form zu seiner Form des Schreibens. Und so ist Einbahnstraße eine von philosophischen Gedanken beherrschte Prosa, eine Konstellation von Aphorismen, Träumen und von Scherzen. Denkbilder gehen den Gegenständen des Alltags nach, durchleuchten sie und werden auf diese Weise zum Spiegelbild der Moderne, festgehalten in einzelnen Momenten. Benjamins Weg endete im Selbstmord. Es ist nicht zuletzt Gretel Adorno zu verdanken, dass sein umfängliches Gesamtwerk gerettet wurde. Der Briefwechsel 1930 – 1940 zwischen diesen beiden ist getragen von Sorge um den anderen, aber auch von Plänen und gegenseitiger Aufmunterung. Er ist Zeugnis einer sehr innigen und besonderen Freundschaft, die in der Emigration, schreibend, letzte Hoffnung gab. Nur wenige Monate vor seinem Tod formulierte Benjamin, beherrscht von Zweifeln und sich der Ausweglosigkeit seines Daseins bewusst: »Wir müssen sehen, unser Bestes in die Briefe zu legen; denn nichts deutet darauf hin, dass der Augenblick unseres Wiedersehens nahe ist.« stern k

durs grünbein: die jahre im zoo
Suhrkamp Verlag, 400 Seiten, € [D] 24,95 | € [A] 25,70
 
durs grünbein: cyrano oder die rückkehr vom mond
Suhrkamp Verlag, 150 Seiten, € [D] 20,– | € [A] 20,60



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In den 50er-Jahren tauchte in den Kinderzimmern ein sogenannter Bildbetrachter, das Plastiskop, Gucki oder, wie er in der DDR genannt wurde, Telebubi auf. Gegen das Licht gehalten blickte man durch ein kleines Sichtfeld; der Plastikknopf auf der Oberseite des Rahmens reihte dabei Klick um Klick Bilder von unterschiedlichen Sehenswürdigkeiten hintereinander. Jene Poetik des Klicks, hinein in die Erinnerung, ist das Sichtfeld von Durs Grünbein in Die Jahre im Zoo, im Untertitel Kaleidoskop genannt. Kaleidoskop bedeutet »Schöne Formen sehen«. In seinem jüngsten Werk spannt der Dichter einen weiten, wunderbar geschwungenen Bogen, der von 1900 bis ins Jahr der Wende 1989 reicht: Jeweils in sich abgeschlossene Bilder formen sich in lyrischen Passagen, Erzählungen und fotografis schen Ergänzungen zur biografischen Selbstvergewisserung des in Dresden geborenen Autors. Hellerau, die Gartenstadt am Rande Dresdens, Station für Kafka, Rilke, Benn und viele andere, wird prägender Ausgangspunkt für Grünbeins eigene Kindheit, das Erwachsenwerden in der DDR. In der ihn kennzeichnenden schönen Sprache reihen sich das Trauma des zerstörten Dresden, Lektüren, Lebensreformen, Leid(enschaft), Erinnerungsfetzen an Familie, Schlafhöhlen, die durch Leuchttropfen des Transistorradios erhellt wurden, und Indianerspiele im Kalten Krieg aneinander. Klick für Klick. Es heißt, nur noch Verliebte und Astronomen sehen den Mond an. Kinder vielleicht noch. Cyrano de Bergeracs Reise zum Mond von 1659 nimmt Durs Grünbein in dem Band Cyrano oder Die Rückkehr vom Mond zum Anlass seines eigenen lyrischen Mondspazierganges, holt sich den Mond zögernd, sehnend, denkend zurück und verbindet dabei Wissenschaft, Witz, Sehnsucht und die Kunst der Poesie auf seine ganz besondere, ihn auszeichnende Weise.« stern k