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Buchhandlung Klaus Bittner

DZEVAD KARAHASAN: DER TROST DES NACHTHIMMELS
Aus dem Bosnischen von Katharina Wolf- Grießhaber. Suhrkamp, 2016, 722 Seiten, € [D] und [A] 26,95

Meisterhaft verknüpft Karahasan Historie und Gegenwart. Im Mittelpunkt steht der persische Dichter, Philosoph, Mathematiker und Astronom Omar Chayyam (1048-1131), ein Intellektueller von großer Geistesschärfe und Bescheidenheit. In der Blütezeit des Seldschukenreichs unter Sultan Malik Shah und seinem Großwesir Nizam al-Mulk war Isfahan eine prächtige, von Toleranz und kultureller Vielfalt geprägte Hauptstadt. Doch auch schon damals entstehen Terror und Gewalt durch die sogenannten Assassinen, was schließlich sogar 1092 das Ende des Reiches einläutet. Omar Chayyams Frau wird getötet, voller Trauer zieht er sich in seine Geburtsstadt Nischapur zurück. Am Ende seines Lebens erzählt er einem kleinen bosnischen Jungen, den es nach Nischapur verschlagen hat, von der Pracht und dem Untergang Isfahans. Nach Bosnien zurückgekehrt, wird dieser im hohen Alter das Erzählte aufschreiben. Viele Jahrhunderte später wird dieses Manuskript aus der Asche einer im Bosnienkrieg 1992 verbrannten Bibliothek gerettet und rekonstruiert. Es ist faszinierend, in eine fast 1000 Jahre vergangene Welt einzutauchen, in der sich bereits so vieles ereignet hat, womit wir uns heute wieder auseinandersetzen müssen.
stern k Barbara Klefisch

LAFCADIO HEARN JAPANS GEISTER
Aus dem Englischen übertragen von Berta Franzos. AB - Die Andere Bibliothek, 416 Seiten, € [D] und [A] 42,―

Der irisch-griechische Schriftsteller Lafcadio Hearn (1850―1904) reiste 1880 nach Japan. Er heiratete in eine Samurai-Familie ein und wurde ein großer Bewunderer und Vermittler dieser „köstlich verwirrenden“ Kultur. Er schuf zahlreiche Werke über Japans Alltagsleben, Natur, Religionen und ... Geister. Seine Texte haben unser westliches Bild von Japan zu Beginn des 20. Jahrhunderts wesentlich geprägt. Man wird förmlich hineingesogen in die vielen kleinen und großen Legenden. Das hat etwas Zauber- und Märchenhaftes. Alles ist von Bedeutung und hat Bedeutung, unermesslich, neue Horizonte öffnend. Christian Döring hat aus Hearns umfangreichem Werk die Texte zusammengestellt, wunderbare Holzschnitte von Franziska Neubert illustrieren diesen Buchgenuss. Einmal mehr ein besonders gelungener Band der ohnehin wunderschönen Anderen Bibliothek!
stern kChristoph Möser

COLM TÓIBÍN: NORA WEBSTER
Aus dem Englischen von Giovanni und Ditte Bandini. Hanser, 2016, 384 Seiten, € [D] 26,― [A] 26,80

Ende der 60er Jahre in Enniscorthy im ländlichen Irland: Nora Websters Ehemann Maurice stirbt nach kurzer Krankheit viel zu früh. Die vierzigjährige Witwe steht nach 21 Ehejahren alleine mit ihren vier Kindern da. Ihre beiden Töchter Fiona und Aine studieren bereits außerhalb, die Söhne Donal und Conor gehen noch zur Schule und leiden sehr unter dem Verlust ihres Vaters. Nora hat keine Rücklagen und bekommt nur eine kleine Rente. So ist sie gezwungen, das kleine Ferienhaus der Familie zu verkaufen. Doch Neuigkeiten sind in der Kleinstadt Mangelware, und zu ihrem Verdruss nehmen alle Anteil an ihrem Schicksal. Ihr alter Arbeitgeber bietet ihr eine Stelle an, und ihr bleibt nichts anderes übrig, als diese anzunehmen. Freundschaften und ihre Liebe zur Musik lassen sie langsam zurück ins Leben und zu sich selbst finden. Colm Tóibín erzählt in diesem Roman nicht nur die Geschichte einer starken und intelligenten Frau, sondern auch die Geschichte Irlands: vom Beginn des Nordirlandkonflikts bis zum Bloody Sunday im nordirischen Derry. Ein berührendes, fesselndes Buch.
stern k Kristina Geilhaupt

JAN JACOB SLAUERHOFF: DAS VERBOTENE REICH
Aus dem Niederländischen von Albert Vigoleis Thelen. Weidle, 2016, 176 Seiten, € [D] 20,― [A] 20,60

Hauptfigur des Romans ist der portugiesische Dichter Luís de Camões (1524―1580), der Schöpfer des Nationalepos Die Lusiaden. Die nur wenigen bekannten Details seines Lebens wie seine Verbannung, der Aufenthalt in Macao oder ein Schiffbruch, bei dem er sein Manuskript retten konnte, finden Eingang in diese rätselhafte Geschichte einer lebenslangen Suche. 400 Jahre später begegnet man einem irischen Funker, der dem Wahnsinn nahe ist und dessen Identität mit der eines Dichters verschmilzt, der im 16. Jahrhundert für die portugiesische Kolonie Macao kämpft. Wer offen ist für Abenteuer und Entdeckung, für eine Reise zwischen Wahn und Wirklichkeit, der sollte unbedingt eintauchen in diesen Traum eines Dichters: „Ich bin mächtiger als in der Zeit, wo ich mühsam Worte zusammensuchte und auf Papier ins Maß brachte. Nun schleudere ich meine Worte in den Weltraum hinaus; sie bereisen unendliche Strecken auf Schwingungen, die ich unbekümmert wecke mit meiner Hand. Sie kreisen um die Welt, sie fallen nieder, wo ich es will – wie Samen aus dem Himmel.“
stern kCäcilia Böhler

JOHN DOS PASSOS: MANHATTAN TRANSFER
Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Rowohlt Verlag, 544 Seiten, € [D] 24,95 [A] 25,70

Manhattan Transfer, erstmals 1925 erschienen, auf Deutsch bereits 1927, ist der epochale Großstadtroman New Yorks schlechthin. Vielleicht nur noch vergleichbar in seiner überwältigenden Polyfonie mit James Joyce, Ulysses, oder Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz. Eine literarische Collage des Lebens der Einwohner New Yorks über fast drei Jahrzehnte. Wie durch ein Kameraauge beobachtet, montiert Dos Passos seine Totalansicht dieser aufstrebenden, dynamischen Stadt und ihrer Bewohner in ihrem täglichen Überlebenskampf. Wie zufällig treffen die unterschiedlichsten Personen aus allen Schichten und Gruppierungen zusammen, steigen auf oder scheitern, um dann wieder in ihrer Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Manhattan Transfer ist der Umsteigebahnhof, die Durchgangsstation ihrer Reise. Ungeheuer modern, gegenwärtig und zeitlos. „Ich halte Manhattan Transfer“ – so Sinclair Lewis – „in jeder Hinsicht für bedeutender als sämtliche Werke von Gertrude Stein oder Marcel Proust oder sogar für bedeutender als den Großen Weißen Eber, Mr. Joyces Ulysses.“
stern k Klaus Bittner

CÉCILE WAJSBROT: ECLIPSE
Aus dem Französischen von Nathalie Mälzer. Matthes & Seitz, 232 Seiten, € [D] 19,90 [A] 20,50

„Die Lieder sind die Übersetzung unserer Seelenzustände. Für die, die sie komponieren, aber auch für die, die sie hören. Das Lied erzählt und wiederholt eine Lebenserfahrung, meistens die Erfahrung eines Verlusts.“ Was kann schon schiefgehen mit einem Buch, das mit Famous Blue Raincoat beginnt, einem Song, der Leonard Cohen unsterblich gemacht hat? Und dessen zweites Kapitel dem Lied von Joan Baez, Diamonds and Rust gewidmet ist. Nichts geht schief, im Gegenteil. Viele Songs später sind wir eingetaucht in die intime Gedankenwelt unserer Erzählerin, einer Fotografin, die in einem Pariser Café sitzt und ihren Erinnerungen freien Lauf lässt. Sie erinnert sich ihrer Liebe zu einem ungarischen Dichter, der sie allein und traurig zurückgelassen hat. Reflexionen über Schmerz, Trauer, Glück spiegeln sich in den Songs, deren Inhalte sie einholen, die ihr aber auch den Weg öffnen, Neues zu entdecken und zu formen. Sie trifft den Regenmacher, verliebt sich, fotografiert ihn, stellt die Fotos in einer Galerie aus. Die Ausstellung wird ein riesiger Erfolg. Leben und Kunst verschmelzen beeindruckend. Because the night belongs to lovers, because the night belongs to us.
stern kKlaus Bittner

PIOTR SOCHA: BIENEN
Aus dem Polnischen von Thomas Weiler. Gerstenberg, 2016, 80 Seiten, € [D] 24,95 [A] 25,70 ab 5 Jahren

Hereinspaziert ins Reich der Bienen! Dieses großformatige Sachbilderbuch mit wunderbar bunten, mitunter sehr witzigen Bildtafeln, zeigt die große Bedeutung der fleißigen Insekten für den Naturkreislauf auf. Neben detaillierten Informationen über das Bienenvolk, den Bienentanz und die Honigproduktion erfahren wir, wie wichtig die kleinen Tiere für unseren Alltag sind und was wir ihnen alles verdanken. So verstand man bereits im alten Ägypten etwas von der Imkerei. Honig wurde für medizinische Zwecke eingesetzt, und er war Bestandteil erster Kosmetika, durch die berühmte Herrscherinnen wie Kleopatra noch schöner geworden sein sollen. Piotr Socha ist Sohn eines Imkers und ein bekannter polnischer Cartoonist. Ihm ist ein originelles Buch gelungen, das Wissen kurzweilig vermittelt und das sicher nicht nur kleinen Bienenfreunden im Gedächtnis bleiben wird.
stern k Kristina Geilhaupt

dombrowskys lieblinge

esther ehrlich: nest
(ab 12 und für alle) Aladin Verlag, 304 Seiten, € [D] 14,95 | € [A] 15,40

Eine Tragödie mit einem guten Ende – geht das? Esther Ehrlich erzählt sehr einfühlsam und facettenreich die Geschichte von Naomi, genannt Chirp, die bald in die sechste Klasse kommt und den Sommer ’72 in Cape Cod genießt, wo sie mit ihrer Familie lebt. Sie ist ein sehr lebendiges Mädchen, das gerne tanzt, alles über Vögel weiß, eine gute Beobachtungsgabe und sensible Antennen für Veränderungen hat. Als ihre Mutter an Multipler Sklerose erkrankt, stürzt diese in eine tiefe Depression, und es beginnt eine sehr schwierige Zeit für alle. Nach einem langen Klinikaufenthalt kommt sie im Frühjahr endlich wieder nach Hause. Doch Chirp und ihre Schwester ahnen, dass nichts mehr so sein kann wie zuvor. Gut, dass der Nachbarsjunge Joey inzwischen ein so guter Freund ist, der sie auffängt, als ihre Mutter es einfach nicht mehr schafft, weiterzuleben. Er lässt ihr Zeit und Platz für ihre Trauer und zeigt ihr, dass ihre lädierten Flügel sie nach einer Weile immer noch tragen. Ein Buch voller Musik, Bewegung und Vogelgezwitscher, aber auch voller Trauer, Wut und Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Eine ganz besondere Geschichte, die lange beim Leser nachhallt, mit einer außergewöhnlich sympathischen Heldin. Unbedingt lesen! 
stern k Beate Widmann

mernousch zaeri-esfahani: das mondmädchen
(ab 8 Jahren) Knesebeck Verlag, 143 Seiten zzgl. 15 Seiten Illustrationen von Mehrdad Zaeri, € [D] 14,95 | € [A] 15,40

In einem fernen Land lebt Mahtab mit ihrer Familie, in einem Haus mit Rosengarten und vielen Katzen. Sie liebt diesen Ort und alles, was lebendig ist, und ist ein glückliches, freies Kind – bis zu dem Zeitpunkt, als »die Blutrote « die Macht im Land übernimmt. Von nun an gelten völlig absurde Regeln, die sämtlich darauf hinauslaufen, dass alles, was Freude macht, verboten ist. Wer sich nicht an diese neuen Gesetze hält, wird hart bestraft. Als die Herrscherin schließlich die Herzen aller Jungen verlangt und das Leben ihres großen Bruders nicht mehr sicher ist, beschließt die Familie, zusammen in ein friedliches Reich, weit weg von zu Hause, zu fliehen. Von nun an reist Mahtab in ihren Träumen immer wieder in das Land Athabasca, wo die zwei Schwäne Pari und Ipanem ihr das Gefühl von Geborgenheit und Zuversicht schenken und damit die Kraft, nicht an der Wirklichkeit zu verzweifeln. Mernousch Zaeri-Esfahani verwandelt die Geschichte ihrer eigenen Flucht aus dem Iran in ein phantasievolles und poetisches Märchen, bevölkert von vielen Tieren und freundlichen Wesen, die Mahtab und somit auch den Leser nie alleine lassen, so dass selbst in der größten Dunkelheit immer ein Licht zu sehen ist. Famos illustriert ist das Buch von Mehrdad Zaeri-Esfahani, dem Bruder der Autorin, der genau die richtigen Bilder für eine Geschichte schafft, die Teil seiner eigenen ist. Eine Empfehlung für alle, die erfahren möchten, wie Kinder es schaffen, ganz zu bleiben, auch wenn alles um sie herum zerbricht. Besonders gut geeignet zum Vorlesen in Familien oder Schulklassen.
stern kBeate Widmann

mernousch zaeri-esfahani: 33 bogen und ein teehaus
(ab 13 und für alle) Peter Hammer Verlag, 148 Seiten, Illustrationen von Mehrdad Zaeri € [D] 14,90 | € [A] 15,40

Wären die beiden Erzählungen von Mernousch Zaeri-Esfahani eine Münze, dann wäre die »Kopfseite« das Mondmädchen mit ihren Schwänen und wäre die »Zahlseite« dieses kleine, großartige Buch, das die Grenzen der Jugendbuch- Schublade sprengt und dem ich dennoch viele junge Leser wünsche. Die kleine Mernousch lebt im Iran und kommt gerade in die Schule, als der Schah gestürzt wird. Sie erlebt die Revolution mit ihren Eltern als großartige Zeit des Aufbruchs. Aus ihrer Perspektive bekommt der Leser mit, welch grausames Erwachen es für all diejenigen ist, die auf Veränderungen hoffen, dann aber mit Khomeini einen Gottesstaat bekommen. Ein Land, das denkende Menschen bestraft, Spitzel belohnt, keinerlei individuelle Freiheit zulässt und Kinder in den Krieg schickt. Die Familie flieht zuerst in die Türkei, dann über die DDR nach Westdeutschland. All die Stationen dieses langen Weges voller Ungewissheit erlebt man hautnah aus Mernouschs Sicht mit und kann nachempfinden, was es heißt, oft nicht willkommen zu sein, wie seltsam das fremde Essen schmeckt, wie kalt der Winter ist und wie unverständlich die Behördensprache manchmal klingt. Ganz ruhig und unaufgeregt erzählt die Autorin ihre eigene Geschichte, mit einem genauen Blick für politische und historische Details, die dem jungen Leser von heute nicht bekannt sein dürften. Eine echte Perle ist das Buch zudem, weil auch hier der große Bruder der Autorin Illustrationen beigesteuert hat, durch die das Band sichtbar wird, das die Geschwister verbindet.
stern k Beate Widmann

christoph ransmayr cox oder der lauf der zeit
S. Fischer, 304 Seiten, € [D] 22,– | € [A] 22,70

China in der Kaiserzeit vor zwei- bis dreihundert Jahren. Alister Cox, weltberühmter Uhren- und Spielzeugmacher, wird an den Hof von Qiánlóng gerufen. Zusammen mit ein paar Handwerkskollegen soll er dem mächtigsten Mann der Welt, der begeisterter Sammler aller Arten von Spielautomaten ist, völlig neue Maschinen entwickeln. Es erfordert all ihr Know-how, all ihren kreativen Geist und all ihre Geduld, dem hohen Anspruch ihres Auftraggebers zu genügen. Während ihres Aufenthalts lernen sie die verschiedenen Facetten des jungen Diktators kennen: Gnadenlos im Einfordern der Unterwerfung seiner Untertanen, ist er doch auch Mensch und zeigt sich immer wieder auch als solcher. Aber die geschaffenen Maschinen will er gar nicht sehen, er will viel mehr als diese … Die höchste Anforderung an die englischen Uhrmacher-Spezialisten könnte zu ihrem Scheitern und damit zum Tode führen. Wer eindrucksvolle literarische Bilder schätzt, wie wir sie aus Filmen eines Werner Herzog kennen, für den ist dieses Buch ein ganz großes Geschenk des österreichischen Ausnahmeautors.
stern k Ulrich Dombrowsky

anke kranendonk: käpt’n kalle Illustrationen von Annemarie van Haeringen
(ab 6 Jahren) Carlsen, 150 Seiten, € [D] 9,99 | € [A] 10,30

»Mast- und Schotbruch!«, wünschen zwei junge Leute Kalle mit seinem neuen Boot, das er zur bestandenen Seepferdchenprüfung bekommen hat. Abenteuerlich wird sie werden, das ist klar, diese erste Fahrt gemeinsam mit Max, dem Hund, der aussieht wie ein langhaariges Nilpferd, und Hektor, dem Meerschweinchen, bei dem man nicht weiß, wo vorne und wo hinten ist. Eigentlich darf Kalle noch gar nicht mit dem Boot alleine unterwegs sein, sagen seine Eltern. Kurz rausgehen ist in Ordnung, solange er pünktlich wieder zurück ist. Kalle biegt vom kleinen in den großen Fluss ab, legt an unterschiedlichen Stellen an, mal muss Max sein Geschäft verrichten, mal muss er Kühe jagen. Die Reise geht weiter und bleibt aufregend, wenn er in das Fahrwasser von großen Lastschiffen gerät oder es gerade noch schafft, den Fluss vor ihnen zu queren. Als er Septimia trifft, die er wunderschön findet mit ihren roten Locken, schenkt er ihr sein Meerschweinchen, weil sie kein eigenes Haustier hat. Sie und eine alte Dame, die Kalle unterwegs rettet, werden eine entscheidende Rolle auf dieser Fahrt spielen. – Das ganze Team war von Anfang an verliebt in diese spannende Geschichte, die von eindrucksvollen Bildern unterstützt wird, die Kinder genauso wie uns begeistert. Gemeinsam halten wir den Atem an und können das (gute) Ende kaum erwarten.
stern kDaniela Dombrowsky

aleksandra mizielinska und daniel mizielinski: unter der erde – tief im wasser
(ab 7 Jahren) Moritz, 112 Seiten, € [D] 29,– | € [A] 29,80

Wussten Sie, dass ein Bienenwolf gar kein Wolf ist oder dass wasserdichte Eichenfässer vor 300 Jahren nicht nur für die Lagerung von Whisky oder Wein verwendet wurden? Die Auflösungen dieser außergewöhnlichen Zusammenhänge finden wir in dem neuesten Wunderwerk von Aleksandra Mizielinska und Daniel Mizielinski. Wir haben zu Beginn die Qual der Wahl, von welcher Seite wir dieses Buch beginnen. Tauchen wir ein in die Tiefen des Wassers oder begeben uns bis zum Innersten der Erde? Großartig, was die beiden Künstler mit unglaublicher Liebe zum Detail und großer Sach- und Fachkundigkeit ausgewählt und mit ihrem unverwechselbaren Stil in Szene gesetzt haben. Allein die eigenwillige Inhaltsangabe macht schon Lust auf das Schmökern und Entdecken. Nichts ist wie in klassischen Sachbüchern zur Unterwasserwelt, Flora, Fauna und Geologie über und unter der Erde. Über Details zum Leben des Nacktmulls, Wissenwertes über Bodenschätze oder die am tiefsten verwurzelten Bäume der Welt gelangen wir Schritt für Schritt bis ins Innerste der Erde und treffen dort – in der Mitte des Buches – auf den Kern unter den Meeren, wenden das Buch, und das Abenteuer beginnt mit der Unterwasserwelt von Neuem. Und wir können nun eintauchen im wahrsten Sinne des Wortes. Ein absoluter Genuss für Kinder und Erwachsene!
stern k Daniela Dombrowsky

lars mytting: die birken wissen’s noch
Insel, 515 Seiten, € [D] 24,95 | € [A] 25,70

Edvard ist bei seinem Großvater aufgewachsen. Auf dem norwegischen Hof im Gudbrandstal ist er zum jungen Mann mit Kenntnissen der Landwirtschaft, der Automechanik und des autarken Lebens herangereift. Seine Eltern hat er bei einem gemeinsamen Urlaub in Frankreich verloren, als er gerade mal drei Jahre alt war; seine Erinnerung an die Mutter beschränkt sich auf einen fernen Geruch, der sich in einem blauen Rock gehalten hat. Als sein Großvater überraschend stirbt, räumt Edvard den Hof auf und findet in alten Dokumenten Hinweise darauf, wie mysteriös die Umstände gewesen sein müssen, unter denen seine Eltern ihr Leben verloren. Jetzt hält ihn nichts mehr – er muss sich endlich auf die Suche nach seinen Wurzeln und dem geheimnisvollen Tod der Eltern machen. Seine Suche führt ihn – natürlich – nach Frankreich, aber auch auf die Shetland-Inseln, denn er hat eine anziehende junge Frau von dort kennengelernt, die ihm Unterschlupf und Hilfe bei seinen Recherchen anbietet. Doch er ist sich unsicher, ob sie für oder gegen ihn arbeitet, auch noch als er sich längst in sie verliebt hat.
stern k Ulrich Dombrowsky

pablo bernasconi: ende – berühmte letzte sätze der weltliteratur
Mixtvision, 132 Seiten, € [D] 29,90 | € [A] 30,80

Ich habe die Eigenart entwickelt, bei der Lektüre eines Buches gleich zu Beginn die letzte Seite zu lesen. Das heißt, ich fange das Lesen natürlich von vorne an, aber sobald ich ein wenig in die Geschichte eingetaucht bin, blättere ich nach hinten und lese den Schluss. Ob ich mir damit die Spannung vermiese? Nein, erstaunlicherweise ist eher das Gegenteil der Fall. Die letzten Zeilen machen mich umso neugieriger, so dass ich oft eifrig wieder nach vorn blättere. Pablo Bernasconi geht es ähnlich, und er hat uns Lesern einmal ein paar letzte Sätze in seinem Kunstband Ende zusammengesammelt. Alice im Wunderland, Ulysses, On the Road und viele mehr können auf diese Weise neu entdeckt werden, quasi »rückwärts«. Zudem ist der Band mit collagenartigen Bildern versehen, welche die einzelnen Bücher auf herrlich surreale Art illustrieren und den hochwertigen Gesamteindruck vervollständigen. Ende – Berühmte letzte Sätze der Weltliteratur ist also ein schönes Geschenk für Literaturliebhaber, die sowieso schon »alles« gelesen haben. Und natürlich für jeden, der in die Faszination der letzten Sätze eintauchen möchte. 
stern k Dana Hartmann

Nathan hill: geister
Piper, 864 Seiten, € [D] 25,– | € [A] 25,70

Professor Samuel Andresen-Anderson kann es nicht fassen. Er soll für seine Mutter bürgen, die ihn in seiner Kindheit verlassen hat. Bis zum heutigen Tag hat er an diesem Trauma zu knabbern, und nun das: Seine abgetauchte Mutter soll einen Anschlag auf einen republikanischen Präsidentschaftskandidaten verübt haben und sitzt in Untersuchungshaft. Da aber Samuel aus mehreren Gründen erpressbar ist – er selbst ist seinem Verleger gegenüber hoch verschuldet, und eine seiner Studentinnen hat ihn wegen eines angeblichen Übergriffs bei der Frauenbeauftragten der Uni angeschwärzt –, lässt er sich auf die Auseinandersetzung mit der angeblichen Tat seiner Mutter ein und findet auf verschlungenen Wegen heraus, was die Mutter vor mehr als zwanzig Jahren dazu bewogen hat, ihn und seinen Vater zu verlassen. Eine mitreißende Familiengeschichte zwischen den Chicagoer Aufständen der 60er Jahre und Occupy Wall Street. 
stern kUlrich Dombrowsky

felix jud empfiehlt

connie palmen: du sagst es
Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers Diogenes Verlag, 288 Seiten, € [D] 22,– | € [A] 22,70

Das Kennenlernen war programmatisch für alles, was folgen sollte – Sylvia Plath und Ted Hughes, beide Mitte zwanzig, sahen sich 1956 auf einer Studentenfeier in Cambrigde zum ersten Mal, und sie biss ihm in die Wange. Das Blut floss. Vier Monate später heirateten sie. Sie sollten zum berühmtesten Liebespaar der modernen Literatur werden und zum tragischsten. Die amerikanische Lyrikerin, die zeitlebens unter starken Depressionen litt, und der englische Lyriker führten eine turbulente Ehe, aus der zwei Kinder hervorgingen. 1963 wurde ihr einziger und autobiografisch geprägter Roman Die Glasglocke veröffentlicht, vier Wochen später nimmt sie sich das Leben. Für die Biografen dieser Künstlerpersönlichkeiten lag es nahe, Ted Huges Mitschuld an diesem Freitod zu geben. Eine Schuldproblematik, die er zu Lebzeiten nie kommentierte. Die niederländische Schriftstellerin Connie Palmen gibt hier zum ersten Mal dem Ehemann eine Stimme – Tagebücher, Essays und Gedichtbände beider auswertend, lässt sie Ted Hughes die Geschichte der Ehe aus seiner Sicht erzählen. In ihrem neuen Roman unternimmt Palmen nicht weniger als den Versuch einer fiktiven Autobiografie, dies gelingt ihr meisterhaft. Wie recht sie mit ihrer Darstellung hat, wird sich vielleicht in einigen Jahren zeigen – im Archiv von Ted Hughes befindet sich eine versiegelte Kiste, die erst 2023 geöffnet werden darf. Darin befinden sich vermutlich Dokumente, die weiter Aufschluss geben könnten. Bis dahin gibt es nun Connie Palmens Romanversion, und die lässt eindeutig ihre Sympathie für Ted Hughes durchscheinen. »In einer Liebe kann man nie nur einem die Schuld geben.«
stern kAnnegret Schult

joost zwagerman: duell
Novelle Aus dem Niederländischen und mit einem Nachwort von Gregor Seferens Weidle Verlag, 156 Seiten, € [D] 17,– | € [A] 17,40

Duell ist der Titel einer Ausstellung im Hollands Museums für Moderne Kunst. Duellieren sollen sich jeweils ein Meisterwerk der Klassischen Moderne aus der Sammlung und die Arbeit eines jungen Künstlers. Museumsdirektor Verhooff sieht die zeitgenössische Kunstproduktion kritisch, »Installation« scheint das heutige Schlüsselwort zu sein, junge Talente arbeiten eher wie Bauarbeiter, Zimmerleute oder Möbelpacker. Als Ausnahme erscheint ihm da die Malerin Emma Duiker. Sie beherrscht verschiedene Techniken der Malerei virtuos. Allerdings kopiert sie ausschließlich Meisterwerke. Sie sieht sich aber nicht als Kopistin, sondern als »reproduzierende Künstlerin«. Für diese Schau hat sie das Bild Untitled No. 18 von Mark Rothko ausgewählt. Am Ende der Ausstellung wird es natürlich vertauscht. Ihre Kopie bleibt im Museum, während sie das echte Bild mitnimmt. Als Teil ihres Projektes, ihres »Duells« transportiert sie es an besondere Orte in Europa und beobachtet die Reaktionen der Betrachter. Als Kunstdiebin versteht sie sich aber keinesfalls, womit sie sich quasi als waschechte Konzeptkünstlerin entpuppt. Als der Restaurator des Museums das Original als unoriginär erkennt, muss der Direktor das Meisterwerk mit einem Marktwert von 30 Millionen Euro wiederbeschaffen; wie in einem richtigen Krimi. Eine äußerst heikle Angelegenheit, denn er will den Vorfall geheim halten, weil er die Verlängerung seiner Amtszeit gefährdet sieht. Die Geschichte entwickelt sie zum Duell zwischen Künstlerin und Museumsdirektor. Frau gegen Mann. Duell ist eine saloppe Kunst-Geschichte, kein Theoriegeplapper, sondern spritzig, spannend und originell, mit überraschend witzigem Ende. Im Grunde eine Hommage auf den amerikanischen Kunstkritiker und Philosophen Arthur C. Danto, in der Novelle wird er Bernard Shorto genannt. Danto hatte in der Auseinandersetzung mit dem Werk von Warhol 1964 die Frage nach der Kunst nach dem Ende der Kunst gestellt. Wenn alles Kunst sein kann, wann ist ein Künstler ein Künstler? Und wer bestimmt das? Der Shorto/ Danto-Gedanke beschäftigt uns immer noch und immer wieder, weil er die Kunst, zumindest die Gegenwartskunst, generell in Frage stellt.
stern k Sandra Hiemer

alissa ganijewa: eine liebe im kaukasus
Aus dem Russischen und mit einem Nachwort von Christiane Körner Suhrkamp Verlag, 240 Seiten, € [D] 22,– | € [A] 22,70

Alissa Ganijew, geboren 1985 in Dagestan. Dagestan, seit 1991 russische Republik, liegt am Kaspischen Meer. Zahlreiche Volksgruppen leben hier zusammen, darunter zu Zeiten der Sowjetrepublik zwangsumgesiedelte Bergvölker. Über 90 Prozent der Einwohner sind Muslime. Unruhen flammen immer wieder auf. Mit ihrem Roman entführt uns Ganijewa in ebendieses Land. Die junge Patja kehrt nach einem Praktikum in Moskau zu ihrer Familie zurück, für die nichts wichtiger ist, als die junge Frau zu verheiraten. Auch der junge Anwalt Marat verlässt Moskau, denn seine Eltern haben bereits den Hochzeitssaal gebucht und suchen fieberhaft nach einer geeigneten Braut für ihren Sohn. Marat interessiert sich jedoch mehr für den Fall einer ermordeten Bürgerrechtlerin. Irgendwann kreuzen sich die Wege der beiden, sie verlieben sich ineinander. Ihre Familien stehen sich jedoch feindlich gegenüber. Eine aktuelle Romeo-und-Julia- Geschichte, in der globalisierte Jugendkultur auf traditionelle muslimische Bräuche prallt und Terror und Korruption den Alltag bestimmen. Mit Eine Liebe im Kaukasus schaffte es Ganijewa auf die Short List des russischen Booker Preises 2015.
stern k Marina Krauth

j. l.carr: ein monat auf dem land
Aus dem Englischen von Monika Köpfer DuMont Buchverlag, 158 Seiten, € [D] 18,– | € [A] 18,50

Der Restaurator Tom Birkin hat den Auftrag, im Spätsommer 1920 das Fresko einer Dorfkirche in Yorkshire freizulegen. Er ist aus dem Ersten Weltkrieg traumatisiert zurückgekehrt, seine Frau hat ihn verlassen. In der Hoffnung, seine innere Ruhe zurückzugewinnen, reist er aufs Land. Sein dortiger Rückzugsort ist der Glockenturm, und auch sein Arbeitsplatz, das Baugerüst im Kirchenschiff, bietet ihm größte Abgeschiedenheit. Doch je mehr er vom Fresko ans Licht bringt, desto mehr schreitet sein eigener Heilungsprozess voran. Er freundet sich mit einem Archäologen an, der in der Nähe mit Ausgrabungen befasst ist, und wird langsam ein Mitglied der Dorfgemeinschaft. Schließlich entspinnt sich eine zarte Liebesgeschichte mit der Frau des eigensinnigen Pfarrers. Carr gelingt es auf sehr einfühlsame Weise, dem Leser nicht nur vom Schicksal dieses Mannes zu erzählen. Ganz nebenbei bringt er uns den Beruf des Restaurators und die mittelalterliche Malerei nahe. 1980 erschien die Originalausgabe A month in the country und wurde sofort für den Booker-Preis nominiert. Ein Monat auf dem Land ist ohne Zweifel ein moderner Klassiker der englischen Literatur und wurde jetzt erstmals ins Deutsche übersetzt. 
stern kMarina Krauth

francesc pujols: der herbst in barcelona
Aus dem Katalanischen von Magnus Chrapkowski Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Gerhard Wild Mit Illustrationen von Francesc Labarta Arco Verlag, 124 Seiten, € [D] 11,– | € [A] 11,30

»Ich besaß ein großes Landhaus in den katalanischen Bergen und steckte es in Brand.« Und zwar mit der Geliebten darin. Zumindest glaubt das der Erzähler am Anfang dieser aberwitzigen Geschichte. In dem Glauben, einen Mord begangen zu haben, flüchtet er als Frau verkleidet per Zug Richtung Barcelona. Im Abteil lernt er eine Frau kennen, die seiner Angebeteten seltsam ähnlich sieht. Immer noch in Liebe zu seiner Àgata entflammt (»So, wie es Frauen gibt, die unter ihrer Kleidung gekleidet zu sein scheinen, vermittelt Àgata den Eindruck, unter ihrem Kleid nackt zu sein.«), weiß er schon bald nicht mehr, wen er vor sich hat und welches verwirrende Spiel gespielt wird. Der Herbst in Barcelona ist ein Kurzroman des katalanischen Philosophen sowie Kunstkritikers Francesc Pujols (1882– 1962), der erstmals 1908/09 in der Satirezeitschrift Papitu erschien. Dem Arco Verlag aus Wuppertal ist zu verdanken, dass dieses kleine Meisterwerk surrealer Erzählkunst, inspiriert von Apollinaire, erstmals auf Deutsch vorliegt. Erweitert um das Nachwort (»Genial, aber unbekannt«), in dem »das größte philosophische Genie unserer Zeit«, wie sein Freund Salvador Dali ihn würdigte, ausführlich vorgestellt wird. Ein kleiner Leckerbissen sind die Schwarz- Weiß-Illustrationen im Fin-de-Siècle- Stil des Malers Francesc Labarta, eines Zeitgenossen von Pujols. Dass der Autor zeitlebens als Dandy und Bürgerschreck berühmt-berüchtigt war, glaubt man nach dieser umwerfend abstrusen Geschichte sofort.
stern kAnnegret Schult

saki (h. h. munro): die rumpelkammer
Aus dem Englischen von Werner Schmitz und Claus Sprick L.S.D., 200 Seiten, € [D] 18,– | € [A] 18,30

In Sakis 22 scharfzüngigen Kurzgeschichten rumpelt es nur so an aberwitzigen Figuren, die sich in die kuriosesten Situationen bringen. Jemand wird der Kleptomanie bezichtigt – so begibt man sich auf die Suche nach dem siebten Sahnekännchen. Von spukhafter Komik trägt es sich in der Geschichte Die sieben Sahnekännchen derweilen zu, die sich wie eine Anspielung auf das Märchen Schneewittchen der Gebrüder Grimm liest. Laut Saki leide das Großbürgertum an einem Übermaß an Ruhe und Gelassenheit. Um dem Abhilfe zu schaffen, verschreibt er eine Unruhekur, »die darin bestehen könnte, das Innere Marokkos zu bereisen, in Berlin Vorlesungen zu halten, um nachzuweisen, dass die meisten Kompositionen Richard Wagners in Wirklichkeit von Gambetta seien, oder ein Pfarrgehilfenpraktikum in einem der Armutsviertel von Paris zu absolvieren«, so erfährt man in der Erzählung Die Unruhekur. Saki entlarvt die bürgerlichen Vorstellungen von Moral und Erziehung, führt sie ad absurdum. So wird ein Ausflug zum Strand geplant, nur um ein unartiges Kind zu bestrafen, denn »sie hatte sich darauf verlegt, immer dann, wenn eines der Kinder in Ungnade fiel, eine Lustbarkeit zu improvisieren, von der der Missetäter rigoros ausgeschlossen wurde«, so heißt es in der Geschichte Rumpelkammer, die titeltragend für den Erzählband ist. Hier fließt Biografisches mit ein, denn Saki wurde selbst von zwei Gouvernanten im englischen Devonshire erzogen. Er war als Journalist tätig und veröffentlichte politische Parodien, bevor er diese humoristisch- satirischen Texte über die englische Upper Class zu Beginn des 20. Jahrhundert schrieb. Saki, mit bürgerlichem Namen Hector Hugh Munro, gab sich den Namen eines Mundschenks aus der orientalischen Dichtkunst. Als ein solcher verköstigt er den Leser mit einem Brausebonbon, gefüllt mit prickelnden Erzählungen!
stern kAnnika Sprünker

ingvild h. rishøi: winternovellen
Aus dem Norwegischen von Daniela Syczek open house, 192 Seiten, € [D] 19,50 | € [A] 20,–

Die Norwegerin Ingvild H. Rishøi, geboren 1978 in Oslo, wurde in Skandinavien mit ihren Erzählungen und Kinderbücher bekannt und bereits mehrfach ausgezeichnet. Ein Buch von ihr erscheint nun erstmals in deutscher Übersetzung: die Winternovellen (Originaltitel Vinternoveller) gewannen u. a. 2015 den Buchblogger-Preis in Norwegen und 2014 den Kritikerpreis für das beste norwegische Buch des Jahres. Der Band umfasst drei Geschichten, die vieles gemeinsam haben. Zum einen die Jahreszeit – den Winter –, gemeint ist der nordische Winter, die tiefverschneite Landschaft, märchenhaft schön und funkelnd im Sternenlicht, gleichzeitig auch bedrohlich und durch und durch kalt. Äquivalent zur äußeren Natur geht es auch um innere gefühlte Kälte, um menschliche Sorgen und Ängste. Der Lesende begegnet Menschen am Rande der Wohlstandsgesellschaft. Eine junge alleinerziehende Mutter, deren Erinnerungen an den Vater ihrer kleinen Tochter auch dadurch kaum getrübt werden können, dass er meist vergisst, Unterhalt für das Kind zu zahlen. Sie verzweifelt schließlich in einem weihnachtlich-prachtvoll geschmückten Kaufhaus, weil selbst die einfachste Kinderunterhose zu teuer ist. Ein Vater, gerade aus dem Gefängnis entlassen, erwartet Besuch von seinem kleinen Sohn, und die schlichte Absicht, ein passendes Kopfkissen für den Jungen kaufen zu wollen, bringt ihn seelisch und emotional völlig aus dem Gleichgewicht. Ein junges Mädchen übernimmt nach dem Tod des Vaters und dem Zusammenbruch der Mutter mutig die Verantwortung für ihre beiden jüngeren Geschwister und sieht als einzigen Ausweg deren Entführung in eine abgelegene Hütte, um den Zugriff der Behörden zu verhindern. Rishøi beschreibt menschliche Notlagen mit einfachen, fast puristischen Worten und dabei so einfühlsam, dass die Beklemmungen spürbar werden. Zum Glück bleibt den Figuren ihrer Geschichten auch eine helfende Hand nicht verwehrt.
stern kKaren Baum

lehmkuhl empfiehlt

margherita giacobino: familienbild mit dickem kind
Aus dem Italienischen von Maja Pflug Kunstmann Verlag, 317 Seiten, € [D] 22,– | € [A] 22,70

»Als ich über meine Familie zu schreiben begann, […] bin ich einem Bedürfnis gefolgt, das mich schon lange umtrieb: den dunklen Kern der geliebten Wesen aufzuspüren. Sie auferstehen, gegenwärtig werden zu lassen.« Der italienischen Autorin Margherita Giacobino gelingt dieses Vorhaben in ihrem neuen Buch auf berührende Weise. Giacobino erzählt die Geschichte ihrer Familie, die in den Bergen des Piemont, unweit von Turin, in ärmsten Verhältnissen startet und trotz widrigster Umstände dank harter Arbeit im Laufe der Jahre zu ausreichendem Wohlstand kommt. Die festen Säulen der Familie sind dabei über Jahrzehnte die Frauen, die Großmutter, die Tanten, die eigene Mutter. Emotional eng miteinander verbunden, schaffen sie das, was man einen Familienzusammenhalt nennt – die wenigen Männer der Familie spielen keine Rolle, entweder, weil sie als Wanderarbeiter gar nicht vor Ort sind, oder weil sie durch Mittelmäßigkeit, Versagen und egozentrisches Wüten alle Sympathie verloren haben. Margherita Giacobino, die auch als Übersetzerin aus dem Englischen und Französischen arbeitet, hat uns mit diesem Buch ein tiefes, ehrliches Bild ihrer Familie und der zeitbedingten Lebensumstände geschenkt, dem man umso mehr Interesse und Glauben schenkt, als es die grundsätzlichen Familienmuster, die Bilder der Vergangenheit und die Erinnerungen an all das, was Familien ausmacht, in die Lebendigkeit einer wunderbaren Sprache überführt. Legt man das Buch nach der Lektüre beiseite, so bleibt ein unvergesslich schöner Text in Erinnerung, der in der großen Liebe und Dankbarkeit der Autorin zu ihren weiblichen Familienmitgliedern lebt. Ein wunderbares Buch!
stern k Mechthild Heinen

sylvie schenk: schnell, dein leben
Hanser Verlag, 158 Seiten, € [D] 16,– | € [A] 16,50

Zwischen den Buchdeckeln dieses feinen Buches verbirgt sich ein ganz erstaunlich erzählter Text, der auf wenigen Seiten den reichen Lebenskosmos seiner Hauptfigur darlegt. Schnell, dein Leben ist ein Roman, der durchgehend in der 2. Person Singular verfasst ist. Die Autorin spricht ihre Protagonistin Louise mit »Du« an, und schnell verschmelzen in den Augen des Lesers Autorin und Louise zu einer Person. Es ist wie eine verspätete Befragung des eigenen Lebens, ein Abtasten der gewesenen Lebensstationen und ein nachdenkliches Ausloten der unterschiedlichen Möglichkeiten, die das Leben in bestimmten Momenten zugelassen hat, wenn Sylvie Schenk ihren/ Louises Lebensweg nachzeichnet. Als Tochter aus einfachem Hause in den französischen Alpen aufgewachsen, kommt sie in den 50er Jahren zum Studium nach Lyon und kann sich einen Freundeskreis aufbauen, in dem sie auch deutsche Studenten kennenlernt. Es ist die Zeit der ersten Liebe, der Orientierung und Positionierung, und es wird ihr deutscher Freund Johann sein, der sie als Ehefrau in sein Heimatland führen wird. Louise ist nun eine »Grenzgängerin«. Das Pendeln zwischen Nachkriegsdeutschland und Frankreich offenbart sich in den Kleinigkeiten des Alltags, aber auch in der Suche nach der Wahrheit dessen, was zu Kriegszeiten auf beiden Seiten dieser Ländergrenzen geschehen ist. Die Fragen nach Schuld und kulturellen Differenzen legen sich wie Mehltau über die Beziehung der Eheleute. Louise bleibt tief in ihrem Innern eine Fremde im neuen Heimatland. Das Buch ist ein kleines Juwel. Es lebt von vielen kurzen Kapiteln, die mit einem Rhythmus, mit einer Schnelligkeit, mit einer Deutlichkeit erzählt werden, dass man als Leser nach 160 Seiten den Buchdeckel schließt und melancholisch feststellen muss: Ja, es ist schnell, das Leben …
stern kMechthild Heinen

john williams: augustus
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Robben dtv, 480 Seiten, € [D] 24,– | € [A] 24,70

Nach Stoner und Butcher’s Crossing ist der dtv-Verlag in der glücklichen Lage, uns in diesem Winter den dritten Roman des amerikanischen Schriftstellers John Williams vorzulegen, und das ist erneut ein echtes Meisterstück, von dem sich viele Leser begeistern lassen werden. Natürlich ist es ein historischer Roman, wenn die Hauptfigur Octavius heißt, der als Großneffe und Adoptivsohn Julius Cäsars nach dessen Tod den Namen Augustus annehmen wird und für mehr als vierzig Jahre das politische Geschehen des römischen Reiches bestimmt. Expansionskriege vergrößern das Reich, im Innern kann von einer langen Konsolidierungsphase, der Pax Augusta, gesprochen werden. John Williams erzählt von diesem Mann Augustus als einem Menschen, der durch alle erdenklichen persönlichen Höhen und emotionalen Tiefen geht und sich mit gefühlloser Kälte und ausgeprägtem Machtwillen wappnet, um seine Ziele zu erreichen. Geschickt hat der Autor die Form des Briefromans gewählt, um viele Stimmen zu Wort kommen zu lassen. Es berichten härteste politische Gegner, Intriganten, Verschwörer und die wenigen echten Freunde des Herrschers. Auch seiner zweiten Frau und seiner über alles geliebten Tochter Julia wird Raum gegeben, ihre Sicht des Lebens mit dieser Persönlichkeit zu erläutern. So entsteht ein »Teppich« an Details, der uns Augustus als einen nachdenklichen Erfolgsmenschen, aber auch als weisen und den Niedergang seiner Herrschaftszeit voraussehenden klugen Politiker beschreibt. John Williams ist ein großer Wurf gelungen. Sprachlich präzise und doch auch von hoher emotionaler Qualität, kann er den Leser in die Historie hineinziehen. Wenn Augustus am Ende seines Lebens auf einer letzten Schiffsreise einen rückblickenden Abschiedsbrief schreibt, lesen wir einen lebensklugen philosophischen Text, der allen historischen Bezügen entschwunden zu sein scheint und das Existenzielle eines langen, reichen Menschenlebens beschreibt. Wahrlich ein Meisterwerk!
stern kMechthild Heinen

bret anthony johnston: justins heimkehr
Aus dem Englischen von Sylvia Spatz C.H. Beck, 420 Seiten, € [D] 21,95 | € [A] 22,60

Da, wo ein guter Thriller mit einem fulminanten Happy End aufhört, genau da setzt der Roman Justins Heimkehr ein: der vermeintlich glückliche Ausgang einer vier Jahre andauernden Kindesentführung. Eine Horrorvorstellung mit Schrecken und Ängsten für alle Eltern. Mit psychologischem Feingefühl erzählt der Autor Johnston in seinem Debütroman von solch einer Familie. Justin Campbell wurde mit 12 Jahren entführt. Seine Eltern Eric und Laura, sein Bruder Griff und sein Großvater Cecil haben nie aufgehört, nach ihm zu suchen, nie aufgehört, einen eigenen Weg des Überlebens zu finden, die anderen Familienmitglieder zu stützen, um die Familie vor dem Zerfall zu bewahren. Der Vater sucht heimlich Trost bei einer anderen Frau, die Mutter verliert sich fast selbst, der Bruder darf sein eigenes Ich nicht mehr leben, und der Großvater ist bereit, Familienschuld auf sich zu laden. Wie durch ein Wunder wird Justin vier Jahre später, jetzt 16 Jahre alt, wiedergefunden. Auf den ersten Blick genau das, was man der Familie mit jedem Wort, jedem Satz und jeder Zeile wünscht. Doch es ist verstörend, zu erleben, wie sie mit dem Glück umgehen. Was geschieht, wenn der Täter auf » nicht schuldig« plädiert? Der Leser empfindet ihn weiter als eklatante Bedrohung. Justin hat die Zeit der Gefangenschaft unweit seiner Familie gelebt, nun schleichen sie um ihn herum, haben Angst, Fragen zu stellen und Antworten zu bekommen. Doch in Justins Seele lässt der Autor seine Leser nicht blicken. Der Junge kann kaum etwas von dem formulieren, was ihm widerfahren ist. Sprachlosigkeit als roter Faden. Die Geschehnisse werden aus den einzelnen Perspektiven der Familienmitglieder geschrieben und geben einen tiefen Einblick. Bret Johnston erzeugt Spannung bis zur letzten Seite. Kann man nach dem Unaussprechlichen überhaupt wieder ein normales Leben führen?
stern kBrigitte Giesler

margriet de moor: schlaflose nacht
Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen Hanser Verlag, 128 Seiten, € [D] 16,– | € [A] 16,50

»Dies ist wieder eine dieser Nächte, die ich schlaflos durchlebe.« Mit diesem Satz beginnt Margriet de Moors neue Geschichte. Nicht neu, vielmehr Altes in neuem Gewand. Die 1984 entstandene Novelle Auf den ersten Blick dürfen wir nämlich nun in einer neuen Überarbeitung lesen. Schlaflose Nacht ist die Novelle über eine leidenschaftliche Beziehung, die ein schnelles, unerwartetes, schreckliches Ende nimmt. Ein gutes Jahr dauerte ihre Ehe mit ihrem Mann, bis sich Ton plötzlich und ohne Vorwarnung das Leben nimmt. Mit 25 Jahren wird sie zur Witwe. Die namenlose Protagonistin verlässt ihr altes Leben nicht, lebt weiter in ihrem Umfeld als Lehrerin, geht keine neue Partnerschaft ein. Doch »dieses Klosterdasein macht ihren Körper wütend«, es quält sie. Verzweifelt grübelt sie in ihrem Innersten, lässt die Beziehung fragmentarisch vor ihrem inneren Auge Revue passieren, sucht in Tons Hinterlassenschaften nach einer Antwort, findet aber nichts. Jedoch stößt sie auf eine mysteriöse unbekannte Frau. Nach mehr als 13 Jahren wird sie in den Nächten immer noch geplagt von der bohrenden Frage: Warum hat er es getan? Warum ließ er sie in der Ungewissheit? Im Umherwandeln in der Nacht überlässt sie sich ihrem eigenen Rhythmus und hat dabei das Gefühl, mit dem Verdrängten der Vergangenheit zu verschmelzen. Eine unaufdringliche, klug konstruierte Geschichte über Liebe, Verlust, Trauer und Neubeginn und über die Untiefen menschlicher Beziehungen. Die niederländische Erzählkünstlerin vermag es, Geschichten mit feinem psychologischem Gespür und zarten Zwischentönen zu erzählen, die einen menschlich zutiefst berühren …
stern kBrigitte Giesler

lily king: vater des regens
Aus dem Amerikanischen von Sabine Roth C.H. Beck, 399 Seiten, € [D] 21,95 | € [A] 22,60

Lily King, die zuletzt mit ihrem Roman Euphoria große Erfolge feierte, erzählt in ihrem neuen Buch Vater des Regens eine fesselnde Tochter-Vater- Geschichte. Daley Amory ist elf Jahre alt, als sich ihre Eltern scheiden lassen. Mit diesem familiären Umbruch verschärft sich die Beziehung zu ihrem alkoholkranken Vater endgültig auf zutiefst verstörende Weise. Ihr gesamtes Leben fühlt sich Daley verpflichtet, ihrem Vater – der in seinem Denken und Handeln immer noch in den 50er Jahren gefangen scheint – zu helfen. Dafür wird sie ihre Liebesbeziehung, ihre berufliche Zukunft, die sie sich im Lauf der Jahre hart erarbeitet hat, und so ihr eigenes Glück immer wieder aufs Spiel setzen. Obwohl ihre Beziehung zu ihrem Vater so ver- und zerstörend ist, bleibt sie trotz aller Verletzungen ungebrochen. Daley kann nicht anders! Lily King schafft es, auch in diesem Roman wieder sprachlich und auf psychologischer Ebene die Probleme familiärer Bindungen mit gesellschaftlichen Themen klug zu verknüpfen und so eine über jede Seite fesselnde Geschichte zu erzählen. Ihr Buch entwickelt einen Sog, dem man sich nicht so leicht entziehen kann! 
stern kMarie Katzlinger

jenny jägerfeld: easy going
ab 14 Jahren) Hanser, 315 Seiten, € [D] 12,90 | € [A] 13,30

Joannas Familie ist arm. So arm, dass Joannas Mutter ihr morgens rät, sich beim kostenlosen Essen in der Schulkantine den Bauch so voll wie möglich zu schlagen. So arm, dass sie kein Geld für eine Winterjacke hat, nicht mal für die allerbilligste. So arm, dass sie fraglos ihr gesamtes Schulgeld für den Haushalt abgibt, für Dosentomaten und Spaghetti. So arm, und das ist das Schlimmste, dass das Geld nicht für ihre Tabletten reichen wird, die sie so dringend benötigt, weil sonst »alles wieder so wie früher werden würde. Die Freakshow in meinem Gehirn. Der Zirkus. Das experimentelle Jazz-Orchester. Die U-Bahn-Station. Und das alles zehnfach gesteigert.« Da das Verticken abgelaufener Kondome an Mitschüler nicht gerade lukrativ ist und sie weder auf ihren depressiven Vater noch auf ihre komplett erfolglose Autoren-Mutter zählen kann, muss Joanna sich etwas Besseres einfallen lassen. Und zwar schnell. Und das, obwohl ihre Gedanken eigentlich nur um Audrey kreisen, die so schön und gewaltig ist »wie eine verdammte Gewitternacht« – und in die sie sich mit Haut und Haaren verliebt hat. So rasant, cool, eigenwillig und intelligent schreibt die schwedische Autorin Jenny Jägerfeld, wie es im Jugendbuch nur selten vorkommt. Ein ungewöhnlich gutes Buch.
stern kKatharina Lemling

leporello empfiehlt

elena ferrante: meine geniale freundin
Aus dem Italienischen von Karin von Krieger Suhrkamp, 422 Seiten, € [D] 21,95 | € [A] 22,70

Dies ist der erste einer vierbändigen neapolitanischen Saga. Er handelt von der Freundschaft zweier Mädchen in den 60er Jahren, und es wird mit der Entwicklung der zwei Frauen und ihrer Freundschaft weitergehen. Chronologisch? Nicht unbedingt, der Beginn des Buches ist das vermutliche Vorfinale, die Tetralogie ist bereits geschrieben und erscheint bei Suhrkamp in ungewohnt kurzen Abständen. Band 1 ist schon in deutscher Übersetzung erschienen, im Frühjahr 2017 gehts eilends weiter mit Band 2. 1800 Seiten umfassen die vier Bände, und Kritiker rechnen das Werk zur Weltliteratur. Zwei Freundinnen in Italien, die eine, Lila, für ewig in und mit Neapel verbunden. Die andere, Elena, kann studieren und wird die gemeinsame Geburtsstadt verlassen. Der erste Teil beginnt mit dem Verschwinden der ins Alter gekommenen Lila, die mit Mitte sechzig ihr Leben verlässt, sich aus allen Fotos schneidet und ihren lebensuntüchtigen vierzigjährigen Sohn weinerlich und verunsichert zurücklässt. Dieses Verschwinden veranlasst die Chronistin Elena – wütend über den Entschluss ihrer Freundin ihr Leben auszulöschen – ihren Computer einzuschalten und die Geschichte, ihrer beider Geschichte, in allen Einzelheiten aufzuschreiben. Am Beginn des Buches sind neun Familien samt Mitgliedern und eine Gruppe von Lehrern mit Namen angeführt, und das ist gut so. Die womöglich nicht leicht zu merkenden italienischen Namen und die Zuordnung zu den entsprechenden neapolitanischen Clans werden dadurch immens erleichtert. Das Faust-Zitat als Einführung macht auf vieles gespannt. Elena Ferrante ist ein Pseudonym einer Autorin, die ihr Werk und nicht ihre Person sprechen lassen will und die immer wieder von besonders infamen und kriminell arbeitenden Stalkern verfolgt und enttarnt werden soll. Sieben Romane sind von Elena Ferrante erschienen, erfolgreich im deutschsprachigen Raum ist erst jetzt die Geniale Freundin – wir warten schon gespannt auf den nächsten Band!
stern kErwin Riedesser

gerhard jäger: der schnee, das feuer, die schuld und der tod
Blessing, 400 Seiten, € [D] 22,99 | € [A] 23,70

Ein 80-jähriger Mann kommt aus Amerika nach Innsbruck, begibt sich ins Landesarchiv und vertieft sich in die Aufzeichnungen eines gewissen Max Schreiber, eines dazumal, 1951, jungen Historikers. Der begab sich in ein Bergdorf, um die Geschichte einer »Hexe« zu erforschen. Diese Erforschung trieb ihm in die Feindseligkeit der Dorfbevölkerung und in eine Lawinenkatastrophe sowie in eine Erfahrung von Schuld. Was will der 80-jährige Mann aus Amerika, warum ist er so intensiv hinter der Geschichte des Max Schreiber her, an der, während er die Aufzeichnungen liest, er uns viele Seiten lang teilhaben lässt? Natürlich lässt uns ein unbestimmter Verdacht um die Person des Amerikaners und die Geschichte des jungen Historikers aus dem Jahr 1951 nicht los. Und es entwickelt sich eine Symbiose des einen mit dem anderen und beider Obsessionen. Das Buch ist episch unterwegs, spannend, bedrückend, es geht um Mord und Liebe, aber auch um eine Naturkatastrophe, die die Menschen in diesem Dorf prägt und bestimmt. Wer war Max Schreiber, was ist nach dieser langen obsessiven Geschichte, die einen nicht mehr loslässt, die einen zum Finale hinpeitscht und quält, mit ihm passiert? Damals? Und wieso kann ein halbes Jahrhundert später einen alten Mann, diesen naiven und ehrlich fühlenden Historiker samt seiner gewaltigen Geschichte, in die er hineinschlitterte, so interessieren, dass er aus den USA nach Innsbruck fliegt, um es zu erfahren? Landschaften, Menschen und ihre Katastrophen … Sprachgewalt und Menschengewalt und ein 80-jähriger, der seine Forschungen endlich abschließen kann.
stern kErwin Riedesser

ROBERT WALSER: DER SPAZIERGANG
Mit Zeichnungen von Jochen Stücke edition sonblom, 72 Seiten, € [D] 38,– | € [A] 44,50

1917 entstand vom Meister der kleinen Prosastücke Robert Walser die Erzählung Der Spaziergang und erscheint auch jetzt wieder neu in einer Ausgabe, adäquat dem Inhalt. Kunstvoll, gepflegt, wertvoll scheint und erscheint dieses Buch bei edition sonblom, einem wunderbaren und auswahlstarken Verlag, der sich ein schönes Ziel gesetzt hat, fernab von Mainstream und anderen Blödheiten. Nach Pessoa, Zola, Lernet-Holenia, Jószef nun Walser. Das eine oder andere Werk von der edition sonblom wurde hier an dieser Stelle schon besprochen. Die Zeichnungen von Jochen Stücke verstehen sich als bildnerische Pendants und sind phänomenal eindrucksvoll. Wer Entkrampfung von der Komprimiertheit des scheinbar Wichtigen der lauten Gegenwart sucht, kann sich mal freuen, einen 100 Seiten starken »Klassiker « zu genießen. Einen Spaziergang zu machen mit einem »armen Poeten«, der Schilderung seiner Abenteuer der Beobachtungen, Meinungen, innerlichen Monologe zu lauschen. Eine herrliche Einladung zur Entschleunigung und Flucht aus der Welt der sogenannten Realität in die Welt einer anderen Realität. Ein Spaziergang zu sich vielleicht, oder ein Gehen in einen andere Sichtweise? Das Prosastück ist ein Gehtag im Leben des Autors und darf eine heitere Einstellung der anderen Art voraussetzen. Oder kann durch viel Glück entstehen. Beim Mitspazieren mit Robert Walser, dem »schweizerischen Kafka«, wie er gelegentlich genannt wird, wünsche ich Ihnen ein entschleunigendes, inneren Frieden bringendes Leseerlebnis. Wie meint Robert Walser doch? »Ich bin überzeugt, dass wir viel zu wenig langsam sind.« Schalten wir das Handy und seine vielfältig zersetzenden Funktionen aus und walsern wir doch mal. 
stern k Erwin Riedesser

sabine gruber: daldossi oder das leben des augenblicks
C.H. Beck, 315 Seiten, € [D] 21,95 | € [A] 22,60

»Frage nach der Schuld des Beobachters und der Schuld aller, die das Beobachtete konsumieren.« Sabine Grubers neuer, genau konstruierter (die Autorin hat zum Beispiel in den Roman sechzehn Bildbeschreibungen wie einen Katalogtext eingebaut) Roman erzählt von Krieg, Krisen, Wahrheitsfindung und großer Liebe: Bruno Daldossi ist ein erfolgreicher Fotograf, spezialisiert auf die Arbeit in Krisen- und Kriegsgebieten. Nach vielen Jahren, in denen er in Tschetschenien, im Irak, im Sudan oder in Afghanistan fotografiert hat, wird er, mit Anfang sechzig, von seinem Magazin in Pension geschickt. Als ihn auch noch seine langjährige Gefährtin Marlis, mit der er in Wien zusammenlebt, wegen eines anderen Mannes verlässt, verliert er völlig den Halt. In seine Trauer um den Liebesverlust mischt sich immer stärker die Frage, wie mit dem Leid der Welt, das er in seinen Bildern festhält, zu leben und wie damit umzugehen ist. Wie viel Wahrheit halten wir aus? Wie viel Einfühlung, wie viel Nähe sind uns möglich?
stern kRotraut Schöberl

ingeborg bachmann das buch goldmann
Suhrkamp, 352 Seiten, € [D] 32,– | € [A] 32,90
Male Oscuro aus der Ingeborg Bachmann Gesamtausgabe Suhrkamp, 280 Seiten, € [D] 34,– | € [A] 35,–

Und immer wieder gibt es verlegerische Sternstunden und Projekte, die Hochachtung und die Lust, sie zu besitzen, hervorrufen. Die Herausgabe des Gesamtwerks von Thomas Bernhard war so eine verlegerische Großtat, aber auch das Vorhaben einer Gesamtausgabe von Ingeborg Bachmann. Piper und Suhrkamp haben kooperiert, aber auch das Salzburger Bachmann-Archiv. Dass wir es mit einer der bedeutendsten Dichterinnen des 20. Jahrhundert zu tun haben, bedarf nicht meiner Hervorstreichung. Was beinhaltet die Gesamtausgabe? Prosa, Gedichte, Essays, Hörspiele, Libretti und Korrespondenz sowie den bisher unveröffentlichten Briefwechsel – Uwe Johnson, Heinrich Böll und weiteren wird ein besonderer Stellenwert zukommen. Der Suhrkamp Verlag spricht in diesem Zusammenhang von einer »einzigartigen dramatischen Verbindung von Leben und Schreiben« bei Ingeborg Bachmann. Möglich wurde die erste Gesamtausgabe der Prosa, Gedichte, Essays, Hörspiele, Libretti und Korrespondenz durch die Öffnung des umfangreichen Nachlasses durch die Erben Bachmanns. Piper und Suhrkamp kooperieren dafür mit dem Salzburger Bachmann-Archiv. Bereits veröffentlichte Werke erscheinen in kommentierten Ausgaben. Den Auftakt bilden im Herbst das fragmentarisch überlieferte Werk Das Buch Goldmann sowie Male oscuro. Aus der Zeit der Krankheit, Bachmanns Traumnotate, Briefentwürfe und Aufzeichnungen aus der Zeit ihrer Krankheit. Die Werkausgabe ist auf 30 Bände angelegt, zwei erscheinen also im November dieses Jahres. Ingeborg Bachmann wäre heuer 90 Jahre geworden.
stern k Erwin Riedesser

shakespeare und seine welt
Herausgegeben von Günter Jürgensmeier Galiani, 816 Seiten, € [D] 89,00 | € [A] 91,50

Viel wissen wir nicht über Shakespeare. Was wir aber kennen, ist sein Werk. Die Herkunft der Geschichten auch? Shakespeare lebte in einer Zeit der Umwälzungen, politisch, wissenschaftlich und kulturell. Er konnte wohl aus dem Vollen schöpfen oder klauen, um die Stoffe seiner Theaterstücke anzureichern. Aus Quellen der Zeitgeschichte, italienischen Novellen, Geschichtsbüchern, zeitgenössischen Meldungen. Shakespeare war offensichtlich neugierig, offen, vor allem für zu verwertende Geschichten. Günter Jürgensmeier, der Schöpfer dieses Buches, ist fürwahr ein jahrelanger profunder Sammler. Wenn man diesen opulenten, prachtvoll ausgestatteten und bebilderten Folioband in Händen wiegt, ist man überwältigt. Spannende Geschichten, umhüllt von einem riesigen Fundus an Bildmaterial. Geschenks- und Genussband, oder wie die Werbung, ins Schwarze treffend, textet: »Augenöffner und Augenweide in einem«.
stern k Erwin Riedesser

anton kuh: werke
Herausgegeben von Walter Schübler Wallstein, 7 Bde im Schuber, 4230 Seiten, € [D] 248,– | € [A] 255,–

»Nur nicht gleich sachlich werden! Es geht ja auch persönlich. « Anton Kuh, dieser Ausnahmefall von renitentem Geist, dokumentierte ganz nach seinem Lebensmotto die laufenden Wiener, Prager und Berliner Ereignisse in seinen Glossen. Als Chronist zeichnete er ein scharfsinniges Porträt der 1910er, 1920er und 1930er Jahre. Der bekennende Bohemien und Kaffeehausliterat Kuh ließ auch als fulminanter Stegreifredner keine Gelegenheit aus zu provozieren: Programmatisch taktlos legte er den Finger auf jeden wunden Punkt. Als bekennender ›Linksler‹ riskierte der streitbare Intellektuelle in der publizistischen Auseinandersetzung mit den Nazis Kopf und Kragen. Seine Feuilletons, Theaterkritiken, Buchrezensionen und Glossen zeigen, wie wach sein Verständnis für politische, gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen war. Chronologisch gelesen, nehmen sich seine Texte geradezu wie ein intellektueller Index dieser bewegten Zeit aus: tagesaktuelle Momentaufnahmen, die kein bisschen an Frische verloren haben – ungemein lebendig, frech und voll polemischer Verve. Joseph Roth über Anton Kuh: »Dialektisch in der Betrachtung, paradox im Ausdruck, salopp in der Gebundenheit, witzig im Ernsthaften, ernst bei Lächerlichkeiten und köstlich-anmutig selbst im Kaffeehäuslichen: So ist Anton Kuh einer der elegantesten geistigen Leichtakrobaten. Wertvoll, weil selten in einer Zeit, die nur deshalb brutal oder pathetisch, dumm oder politisch wird, weil sie geistlos ist«.
stern kErwin Riedesser

librium empfiehlt

emma cline: the girls
Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl Hanser, 352 Seiten, € [D] 22,– | € [A] 22,70

Eine kalifornische Kleinstadt in den späten sechziger Jahren. Die Hippie-Bewegung ist weit weg und das Leben beschaulich, bis die Girls in der Stadt auftauchen. Evie Boyd, vierzehn und unscheinbar, fühlt sich augenblicklich von der fremden Mädchengruppe angezogen und ist überglücklich, als sie in ihre Reihen aufgenommen wird. Außerhalb, auf einer heruntergekommenen Farm, scharen sie sich um ihren Guru, dem sie ebenso wie seinen Drogen heillos verfallen sind. Die Grenzen zwischen Wahn und Realität verwischen immer wieder, Evie fühlt sich zugleich geborgen und abgestoßen. Nie gehört sie ganz dazu, behält immer einen Fuß in ihrer früheren, geordneten Welt, was schlussendlich, als die schwelende Gewalt eskaliert, ihre Rettung sein wird. Der an die wahre Geschichte um die Gruppe von Charles Manson angelehnte Coming-of-Age-Roman überzeugt durch eine frische, klare Sprache und versteht es, eine kribbelnde Spannung zu erzeugen. Evie Boyd ist eine starke, mit all ihren pubertierenden Widersprüchlichkeiten überzeugende Figur, über die man auch beim größten Fehler nie den Kopf schüttelt, weil sie uns glaubhaft versichern kann, dass wir genauso gehandelt hätten. 
stern kDoris Widmer

roald dahl: sophiechen und der riese
Aus dem Englischen von Adam Quidam Illustrationen von Quentin Blake Rowohlt, 256 Seiten, € [D] 16,99 | € [A] 17,50

In England kennt ihn jedes Kind, den »Big Friendly Giant «, und nun ist der gute Riese mit Namen GuRie auch so richtig im deutschsprachigen Raum angekommen: Zeitgleich mit dem Kinofilm ist bei Rowohlt eine neue Ausgabe des Klassikers erschienen. Als das Waisenmädchen Sophiechen eines Nachts den GuRie dabei ertappt, wie er mit einer Trompete schöne Träume in die Zimmer von schlafenden Kindern bläst, wird Sophiechen kurzerhand ins Riesenland entführt. In seiner Höhle angekommen, erholt sie sich rasch vom ersten Schrecken, und die beiden fassen langsam Vertrauen zueinander. Es stellt sich heraus, dass der GuRie der einzige gute Riese im Land ist, die anderen dagegen sind nicht nur doppelt so groß wie er, sondern auch äußerst hinterhältig, widerwärtig und grausam: Nacht für Nacht machen sie sich auf in die Menschenwelt, um sich dort den Bauch mit Kindern vollzuschlagen. Sophiechen ist darob hell entsetzt, und gemeinsam hecken die beiden einen Plan aus, wie man den Riesen ein für alle Mal das Handwerk legen kann. Dass dieser Plan niemanden Geringeren als die Königin von England als Komplizin vorsieht und auch sonst so absurd ist, dass er eigentlich gar nicht aufgehen kann, macht das Buch zu einer phantastischen und witzigen Lektüre für Kinder ab 10. 
stern kDoris Widmer

alex gino: george
Aus dem Amerikanischen von Alexandra Ernst (ab 10 Jahre) Fischer KJB, 208 Seiten, € [D] 14,99 | € [A] 15,50

George ist ein zehnjähriger Junge, mag die Farbe Rosa und liest heimlich Mädchenzeitschriften. Niemandem, nicht mal ihrer besten Freundin Kelly, hat George bisher anvertrauen können, dass sie im falschen Körper geboren ist. Bis in der Schule eine Theateradaption des Buches Wilbur und Charlotte von E. B. White geplant wird. George will keine andere als die weibliche Hauptrolle im Stück spielen. Zögerlich öffnet sie sich zuerst der Mutter, dann der Freundin und am Schluss gar der ganzen Schule. Die Reaktionen fallen sehr unterschiedlich aus. Alex Gino erzählt konsequent aus der weiblichen Perspektive von George. Dies ist zu Beginn der Lektüre sperrig, spiegelt aber gut das Dilemma der Protagonistin. So fällt es leichter, sich in die schwierige Situation von George hineinzuversetzen. Ein Transgender-Roman für Kinder? Ja, und das scheint mir wichtig und richtig. Die Geschichte ist weder aufgesetzt noch moralisierend. Ein einfühlsames Buch, das Kinder und Erwachsene sensibilisieren will und auffordert, die eigenen Vorurteile zu überdenken.
stern k Denise Zumbrunnen

philipp winkler: hool
Jung und Jung, 212 Seiten, € [D] 20,– | € [A] 20,–

Hier erzählt einer, dem eigentlich niemand zuhört. Der Protagonist in Philipp Winklers Debütroman bewegt sich am Rand der Gesellschaft. Heikos Mutter ist abgehauen, sein Vater ein Säufer, der Schulabbrecher arbeitet im Fitnesscenter seines Onkels, wo sich zwielichtige Typen aufpumpen. Sein kaputter Mitbewohner veranstaltet Hundekämpfe. Das Einzige, was Heiko etwas bedeutet, sind die Kämpfe mit seinen Hannoveraner Hools. Als einer seiner Mitstreiter schwer verletzt wird und aussteigen will, bricht für ihn eine Welt zusammen. Aus der Perspektive des Ich-Erzählers Heiko erfahren wir von dieser brutalen Parallelwelt. Seine Sprache ist authentisch, roh und witzig, aber unter der Oberfläche spielt sich ein Drama eines Menschen ab, der seine Gefühle nicht ausdrücken kann, der keine Liebe erfahren hat, der sich in einer Welt voller Trostlosigkeit und Gewalt bewegt. Ein großes, ein hartes Buch, in dem existenzielle Fragen verhandelt werden, an einem Ort, wo sie zunächst kaum vermutet werden.
stern kLaurin Jäggi

eva schmidt: ein langes jahr
Jung und Jung, 212 Seiten, € [D] 20,– | € [A] 20,–

Seit beinahe zwanzig Jahren hat die 1952 geborene Österreicherin Eva Schmidt nichts veröffentlicht und legt nun mit diesem schmalen Buch eine Perle vor. In 38 Episoden erzählt sie aus wechselnden Perspektiven, einer allwissenden und mehreren Ich-Perspektiven, vom Leben in Bregenz, einer Stadt, die nie namentlich genannt wird, die aber klar erkennbar ist. Kinder, Obdachlose, alte Menschen und immer wieder eine Fotoreporterin kommen hier zu Wort. Beziehungen bahnen sich an und kommen nur zart oder dann doch nicht zustande, Pläne werden nicht ausgeführt oder scheitern, alles geschieht sehr leise, immer wieder glitzert der Bodensee dazwischen. Ein melancholisches Buch hat Eva Schmidt geschrieben, eines, das sich nur ganz aufmerksam lesen lässt, das Gegenteil eines Pageturners, das Gegenteil von vielem überhaupt. Doch als Leserin wurde ich reich beschenkt von all diesem Leisen, Unspektakulären, Langsamen. Ich weiß, ich wiederhole mich: Dieses Buch ist eine Perle. 
stern k Susanne Jäggi

carson mccullers: frankie
Aus dem Amerikanischen von Richard Moering Diogenes Verlag, 288 Seiten, € [D] 19,90 | € [A] 20,50

»Es geschah in jenem grünen und verrückten Sommer, als Frankie zwölf Jahre alt war. Es war der Sommer, als sie ganz allein war.« Frankie ist ein frühreifes Mädchen, das zerrissen ist zwischen dem Wunsch dazuzugehören und dem Drang wegzulaufen, das sich windet zwischen Kindheit und Erwachsenwerden. In diesem Sommer wird ihr älterer Bruder heiraten, schon lange lebt er nicht mehr zu Hause, und Frankie sehnt sich danach ebenfalls in ein neues, abenteuerliches Leben aufzubrechen. Frankies Geschichte ist rührend, man leidet mit dem Mädchen und sieht, wie viel einfacher sie es hätte, könnte sie ihre Trotzigkeit überwinden. Der autobiografisch gefärbte Roman eignet sich gut als Ein-stieg ins großartige Werk von Carson McCullers. Mit 23 Jahren wurde sie zum literarischen »Wunderkind«, kurze Zeit später erlitt sie den ersten von drei Schlaganfällen. Ihr Leben wurde bestimmt durch Krankheit und Einsamkeit, welche auch ihr Schreiben stark prägten. Zu Recht wird sie u. a. mit Anton Tschechow, dem Meister der melancholischen Erzählung, verglichen. Einen schönen Anlass, McCullers Bücher (wieder-) zu entdecken, bietet ihr 100. Geburtstag am 17. Februar 2017.
stern k Denise Zumbrunnen

thomas melle: die welt im rücken
Rowohlt Berlin, 352 Seiten, € [D] 19,95 | € [A] 20,60

Was legt der 1975 geborene Autor Thomas Melle hier vor? Einen Roman? Einen biografischen Bericht? Wohl eher das Zweite, womit diese Empfehlung gut zum Thema des vorliegenden Magazins passt. Eigentlich wollte Melle einen Roman schreiben, doch eine Krankheit stellte sich vor dieses Vorhaben. Also erzählt er von der bipolaren Störung, an der er leidet, die ihm, nachdem er sich von einer Episode erholt hat, den Raum ließ, zu beschreiben, was sie mit ihm und seinem Leben gemacht hat. Er zieht Bilanz: Sechs Jahre hatte ihn die Krankheit im Griff, diktierte sein Leben, diese Zeit zieht er von seinem Alter ab, zugleich haben ihn die Auswirkungen, die Verschleißerscheinungen äußerlich mehr als zehn Jahre älter gemacht. Vor dem Ausbruch der Krankheit war Melle ein erfolgversprechender junger Schriftsteller in Berlin, hatte viel gelesen und eine große Bibliothek aufgebaut, »die Welt im Rücken« nennt er sie. In einer lange fortdauernden, ersten manischen Phase beginnt er, diese Bücher abzustoßen, bis kaum noch etwas da ist. Am Schluss seiner Bilanz beginnt er, wieder eine Bibliothek aufzubauen, er braucht diesen Rückhalt, diese »Welt im Rücken«, er will wieder in Verbindung sein mit anderen. Ich war fasziniert und angezogen von diesem sehr genauen, detaillierten Bericht einer Krankheit, die wir als Vorstufe alle kennen – himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt –, über deren krankhafte Form ich aber noch nie so erhellend gelesen habe.
stern k Susanne Jäggi

roland schimmelpfennig: an einem klaren, eiskalten januarmorgen zu beginn des 21. jahrhunderts
S. Fischer, 256 Seiten, € [D] 18,99 | € [A] 20,60

Ein Wolf kommt nach Berlin. Die Stadt und das Tier sind gleichsam die Elemente, die diesen Roman zusammenhalten, als Hauptprotagonisten. Das Buch besteht aus verschiedenen Geschichten, die in kurzen Episoden ineinander verschachtelt montiert sind. Zwei Teenager, die ausreißen, und ihre Eltern, die sie suchen. Ein polnisches Paar, sie Putzfrau, er Bauarbeiter. Die Wege dieser und weiterer Figuren kreuzen sich auf die eine oder andere Weise, ohne dass daraus wirkliche Begegnungen würden. Ohnehin ist die titelgebende Kälte nicht nur wetterbedingt, sondern scheint auch die Menschen ergriffen zu haben in einer Gesellschaft, die durch Orientierungslosigkeit, Einsamkeit und Angst beherrscht ist. Auch auf der sprachlichen Ebene zeigt sich die Kälte, minimalistisch und lakonisch. Der bekannte Dramatiker Roland Schimmelpfennig glänzt in seinem ersten Roman als Erzähler, der reduziert, auslässt. Fast drehbuchartig, fast wie Regieanweisungen in einem Stück liest sich dieser Text. Und trotzdem erschafft er lebendige, bildstarke Leseerfahrungen.
stern k Laurin Jäggi

yasmina khadra: die attentäterin
Aus dem Französischen von Regina Keil-Sagawe DTV, 272 Seiten, € [D] 9,90 | € [A] 10,20

Amin Jaafari ist arabischer Israeli und ein erfolgreicher Chirurg in Tel Aviv. Zusammen mit seiner über alles geliebten Frau Sihem hat er sich in einem Villenviertel ein beschauliches Leben aufgebaut, »eine uneinnehmbare Festung der Liebe«, wie er es nennt. Als Sihem plötzlich einen Selbstmordanschlag verübt und dabei sogar Kinder mit in den Tod reißt, bricht Amin Jaafaris heile Welt zusammen. Getrieben von Wut und Verzweiflung versucht er herauszufinden, wie es so weit kommen konnte, dass seine Frau sich gegen ein beschütztes Leben mit ihm und für den Märtyrertod entschied. Bruchstückhaft erfährt er auf verschiedenen Reisestationen durch ganz Israel vom Wandel seiner Frau und verstrickt sich dabei immer mehr in den Konflikt zwischen Juden und Muslimen. Dem algerischen Autor Mohammed Moussehoul, der unter dem Pseudonym Yasmina Khadra schreibt, ist ein fesselnder Roman über den Nahostkonflikt gelungen, der heute noch so aktuell ist wie bei seinem Erscheinen vor acht Jahren. Packend und in gewohnt bildhafter Sprache beleuchtet er die verschiedenen Facetten des Terrorismus, ohne dabei zu werten. Ein Buch, das gleichermaßen berührt und erschüttert.
stern k Laurin Jäggi

Schleichers Buchhandlung empfiehlt

zczepan twardoch: drach
übersetzt v. Olaf Kühl Rowohlt Berlin, 412 Seiten, € [D] 22,95 | € [A] 23,60

Drach ist ein Familienroman, es ist ein Roman Niederschlesiens, und die Erde ist es, die die Geschichte der Familie Magnor erzählt. Sie weiß alles, bewahrt alles, vergisst nichts. Die Erde als Erzählerin ermöglicht eine Gleichzeitigkeit der Handlung über 100 Jahre hinweg, ein Erzählen, in dem alle Stränge in einem Geflecht miteinander verbunden sind. Trotz der zeitlichen Sprünge und der zahlreichen handelnden Personen und Nebenpersonen verliert der Leser in diesem kunstvoll komponierten Roman nicht den Zusammenhang. Wie ein Faden, der durch die Erde läuft, werden die Personen und Zeitebenen miteinander verwoben, vom Urgroßvater Josef Magnor bis zum Urenkel Nikodem. Josef Magnor ist der Stamm, von dem die vielen Erzählstränge abzweigen. In dieser Zeitspanne von 100 Jahren wird nicht nur die Familiengeschichte erzählt, sondern auch die Geschichte Schlesiens, der Kriege, Aufstände und Streiks in den Bergwerken, der Grenz- und Sprachverschiebungen, der Menschen, die heute wasserpolnisch oder schlesisch sprechen und fühlen und morgen deutsch oder polnisch. Wer bin ich, wo gehöre ich hin, wie bestimmt mich meine Herkunft, Fragen, die man sich selbst beim Lesen des Romans stellt. Olaf Kühl hat diesen Text mit all seinen sprachlichen Herausforderungen wunderbar übersetzt, ein »Lied von der (schlesischen) Erde«, ein großartiges Buch. 
stern kRenate Georgi

katja lange-müller: drehtür
Kiepenheuer und Witsch, 224 Seiten, € [D] 19,– | € [A] 19,60

Asta Arnold war 22 Jahre als Krankenschwester im Dienst internationaler Hilfsorganisationen tätig, zuletzt in Nicaragua. Ein Leben lang sah sie sich berufen zu helfen, doch jetzt, mit 65, unterlaufen ihr Fehler, und sie ist nicht mehr erwünscht. Die Kollegen schenken ihr ein One-Way-Ticket nach Deutschland, für einen »Aus-Flug«, wie sie es mit perfidem Witz nennen. Nun steht Asta am Münchner Flughafen und raucht ohne Maß. Orientierungslos, was die Zukunft angeht, wird sie ergriffen von einem intensiven Erinnerungsstrom, ausgelöst durch vermeintlich bekannte Gesichter dies- und jenseits der Drehtür, die gleichsam als Scharnier ihrer Lebensstationen dient. Und wie Scheherazade erzählt, um ihr Leben zu retten, beginnt nun ein Rondo frei assoziierter Erinnerungen aus verschiedenen Zeiten, von verschiedenen Kontinenten, bei denen es um das Helfen geht und nicht selten um dessen Misslingen. Anfangs aber bemerkt Asta, dass sie mit der deutschen Sprache »im Clinch« steht, und so muss sie erst probieren, den inzwischen fremd klingenden deutschen Wörtern nachschmecken, ob sie eine Vertrautheit etwa in solchen wie »Blitzgewitter« und »Muttersprache « finden kann. Was ein Lebewesen ist, wissen alle. Aber ein Gesundheitswesen? »Helfen macht geil, machtgeil«, heißt es später. Und da ist er endlich wieder, der ganz besondere Katja-Lange- Müller-Sound, den wir vermisst haben, sieben Jahre lang, seit dem famosen Roman Böse Schafe. Lakonisch, robust, sarkastisch, pointiert, unsentimental, solidarisch-zärtlich noch mit dem verwahrlosesten Freak. Doch noch hinter dem verschrobensten Kalauer verbirgt sich eine stille Weltweisheit, die sich, so will es scheinen, zunehmend in Weltskepsis wandelt. »Ich habe viel über das Helfen nachgedacht als letzte Domäne des unreflektiert Guten«, so Katja Lange- Müller. »Gut ist ja nicht einfach gut. Das hatte ich schon bei meinem Roman Böse Schafe: die guten Guten, die bösen Bösen, die bösen Guten und die guten Bösen. Die guten Bösen sind wahrscheinlich die Variante, die die Menschheit am weitesten bringt …« 
stern k Gerhard Wilhelm

guntram vesper: frohburg
Verlag Schöffling & Co., 1008 Seiten, € [D] 34,– | € [A] 35–

Genau so war das Leben in einer ostdeutschen Kleinstadt am Ende der Naziherrschaft, dann unter sowjetischer Besatzung und in der DDR. Noch bis in die Zeit der »Wendehälse« nach 1989 reicht der Erzählhorizont. Gegen das Chaos, die Not und die Willkür der Herrschenden mussten die Bewohner sich immer neue Überlebenstechniken einfallen lassen. Hier, nahe der Grenze zur Tchechoslowakei, im »Wismut Gebiet« des Erzgebirges, war das Besatzungsregime besonders rigoros. Die Sowjetunion ließ Uran abbauen für den Bau ihrer Atomwaffen. Das sollte im Westen nicht so genau bekannt werden. Deshalb war der paranoide Kontrollwahn der Besatzer und der ostdeutschen Staatsmacht noch einen Tick schärfer, als ohnehin in der sowjetischen Zone. Kuschen vor den »sowjetischen Freunden«, die immer das letzte Wort, aber selber Angst vor dem »Genossen Stalin« hatten, denn jeder Fehler eines Besatzungs-Kommandanten konnte auch für ihn Jahre im Gulag bedeuten. Geschrieben ist dieses Buch in atemlosen Staccato und voller Sprachwitz. 1957 – der Autor war 16 Jahre alt – flüchtete die Familie in den Westen. Besuche, meist in »Familienangelegenheiten «, vor und nach dem Ende der DDR, führten ihn zurück in die Landschaften und Orte seiner Kindheit und lösten ein Erinnerungs-Feuerwerk an persönliche und politische Ereignisse sowie deren handelnde Personen aus. Das Buch ist lang, aber nie langatmig. Zurecht hat der Autor für sein Werk der Leipziger Buchpreis 2016 erhalten. Es steht in der literarischen Traditon der Danziger Trilogie von Günter Grass und der Jahrestage von Uwe Johnson. Ein geniales Zeitpanorama.
stern kJürgen Schleicher

françoise frenkel: nichts, um sein haupt zu betten
Übersetzt von Elisabeth Edl, mit einem Vorwort von Patrick Modiano Hanser Verlag, 288 Seiten, € [D] 22,– | € [A] 22,70

Sie war eine Kollegin, diese Françoise Frenkel, eine ganz besonders mutige, intelligente und selbstbestimmte Person. Man müsste ihr so etwas wie ein kleines Buchhändlerinnendenkmal setzen. 1889 kommt sie in Polen zur Welt, sie ist Jüdin, geht zum Studium nach Paris und kommt im Jahr 1921, drei Jahre nach dem großen Krieg, auf die unglaubliche Idee, in Berlin, Passauer Straße, eine französische Buchhandlung zu eröffnen. Man rät ihr ab, sie tut es dennoch. Es wird eine Erfolgsgeschichte. Tout Berlin trifft sich hier: Diplomaten, französische und deutsche Autoren, Intellektuelle, Leser, die das Französische lieben, wovon es in Berlin immer schon viele gab. Kurzum: Dieser Buchladen wird eine lebendige Berliner Institution, ein Ort des kulturellen Lebens und Austausches in einer schwierigen Zeit. Ab 1933 machen die deutschen Behörden diesem Laden und ihrer Besitzerin das Leben und Handeln mit französischen Büchern kompliziert und schwer. Madame Frenkel bleibt dennoch bis kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in der Stadt. Am 27. August 1939 verlässt sie Berlin. Sie schließt ihren geliebten Buchladen zu und geht. Für immer. Die französische Botschaft versucht die Bücher zu retten, aber irgendwann beschlagnahmen die Nazis alles. Man kennt die Geschichten, und doch müssen sie immer wieder erzählt werden. Zurück in Frankreich, gelingt es ihr, sich mit Hilfe guter Menschen zu verstecken. Davon berichtet das Buch im überwiegenden Teil. Schließlich gelingt ihr die Flucht in die Schweiz. Françoise Frenkel überlebt den Krieg. Unmittelbar nach all diesem Erlebten setzt sie sich hin und schreibt dieses Buch. Es erscheint 1945 in einem Schweizer Verlag und – wird vergessen. Eindrücklich, präzise, frisch und ohne Bitternis erzählt sie von all den kleinen Schritten, die notwendig waren, um untergetaucht im besetzten Frankreich zu überleben. Ohne fremde Hilfe unmöglich – ohne ständige Überwindung von extremster Angst und ohne Glück auch nicht. Beeindruckend und lehrreich ihre genaue Beschreibung von deutscher Besatzungsverwaltung und französischem Entgegenkommen, wenn es darum geht, politisch und rassisch Verfolgte auszuliefern. Aber eben noch beeindruckender die vielen Menschen, die sich dem zu widersetzen versuchen und es auch tun. Man fand dieses Buch, auch das ein Wunder, auf einem Pariser Flohmarkt wieder. Elisabeth Edl übersetzte es, und Patrick Modiano, ein Spezialist für derartige Lebensgeschichten, hat ein einfühlsames Vorwort geschrieben, und Sie sollten es unbedingt lesen. Es ist etwas Besonderes mit diesem Buch. Eigenartig, dass man nie zuvor, auch wenn man schon fast ein ganzes Leben im Bücher-Berlin lebt, von der Existenz dieses Buchladens gehört hat.
stern k Silke Grundmann-Schleicher

hans fallada: kleiner mann – was nun?
Mit einem Nachwort von Carsten Gansel Aufbau Verlag, 557 Seiten, € [D] 22,95 | € [A] 23,60

Die meisten von Ihnen werden dieses Buch schon einmal gelesen haben. Wenn nicht, nehmen Sie es sofort zur Hand und fangen Sie an. Wenn ja, lesen Sie es noch einmal. Es sei hier zum Wiederlesen ausdrücklich empfohlen, zumal ein Viertel dieses Textes in früheren Ausgaben nicht enthalten war – ergo: Alle lesen irgendwie zum ersten Mal dieses Buch. Seit geraumer Zeit machen sich Verlage etwas zur Aufgabe, was nicht oft genug lobend erwähnt werden kann: Sie entdecken längst vergessene, verschollene, gekürzte Bücher neu und geben Sie erstmals in ihrer ganzen ursprünglichen Vollständigkeit heraus. Im Aufbau Verlag ist ein solches Arbeiten mit und an Texten berühmter Autoren schon lange ein fester Bestandteil der Programmgestaltung, und wir sind dankbar, dass es solch ein Denken und Arbeiten in Verlagen gibt. So geschehen im Frühjahr 2011 mit Hans Falladas Jeder stirbt für sich allein und nun mit des selbigen Autors Titel Kleiner Mann – was nun? Im Jahr 1932 waren Ernst Rowohlt, der Verleger Falladas, der Autor selbst und das Lektorat nur an einem interessiert: Sie wollten das Buch zu einem Welterfolg machen, und deshalb »erschien es angeraten, mögliche Irritationen zu vermeiden und den Roman auf diese Weise einem breiten Lesepublikum anzupassen«. Die Weltwirtschaftskrise hatte allen, Autor und Verlag, zugesetzt. Man brauchte dringend einen Erfolg; auch einen wirtschaftlichen: Man brauchte die »Pinke«. Und so wurden in einer politisch extrem angespannten Situation politisch heikle Szenen, aber auch solche, die den Leser moralisch kompromittieren könnten, Szenen des Berliner Nachtlebens, gestrichen. Etwa ein Viertel des Romans fiel dem Rotstift zum Opfer. »Das Kalkül von Verlag, Autor und Zeitung (es gab einen Vorabdruck in der Vossischen) ging auf: Die Leser waren begeistert. Es wurde ein Welterfolg. Und erst jetzt dürfen wir den ganzen Fallada lesen und sind erstaunt, berührt und beglückt, diese Geschichte in all ihrer Frische und Eindringlichkeit, ihrer Wärme, Bitternis, Wahrheit und Lebendigkeit erneut zu lesen und zu hören. Dieser Roman hat über die Jahre nichts an Aussagekraft, Wahrhaftigkeit und literarischer Kraft verloren. Das zeichnet große Literatur aus. Man wird ihn auch in hundert Jahren noch genauso frisch und begeistert lesen können. Wer das Ende der Weimarer Republik verstehen will, greife zu diesem Buch. »Da steht Er, einer von Millionen, Johannes Pinneberg, kleiner Angestellter, ein Garnichts, aber ein Garnichts voll Sorgen und Wünschen, Mann seines ›Lämmchen‹, Vater seines ›Murkels‹, kämpft mit Berlin, Verwandten, Hochstaplern, Chefs, Kollegen, verkauft viel Anzüge, verkauft gar keine Anzüge, wird arbeitslos, bekommt Arbeit, wird wieder arbeitslos und verzweifelt doch nicht […]. Wehrlos gegen die Schläge, die auf ihn niederfallen, arm im blinkenden Wirbel der Großstadt, glückselig bei Weib und Kind, erfährt Pinneberg Freud und Leid wie der nackte Mensch der Urzeit, der nicht weiß, was morgen kommt.« So formuliert in einer Anzeige im Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel am 25. Mai 1932. »Schreiben Sie, wie Ihnen der Schnabel gewachsen ist«, ermunterte Ernst Rowohlt seinen Autor. Das tat Fallada, gekürzt wurde danach. Der Sound dieses Buches ist unverwechselbar. Man muss es einfach lieben. Das Buch hat, dies soll nicht unerwähnt bleiben, einen hervorragenden, informativen Anhang von Carsten Gansel.
stern k Silke Grundmann-Schleicher

sarah bakewell_ das café der existenzialisten - freiheit, sein & aprikosencocktails
C.H. Beck, 448 Seiten, € [D] 24,95 | € [A] 25,70

In ihrem neuen Buch hat sich die preisgekrönte britische Schriftstellerin und Philosophin Sarah Bakewell die Hauptvertreter des Existenzialismus zum Thema gewählt – kenntnisreich und anschaulich, eine engagierte, sehr persönliche und spannende Darstellung seiner Entwicklungs- und Wirkungsgeschichte. Das Buch ist zugleich eine hervorragende Einführung in die europäische Geistesgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Existenzialismus ist eine Philosophie der extremen gesellschaftlichen, politischen, religiösen und wirtschaftlichen Krisen. Das Europa der Kriegs- und Nachkriegsjahre, das Paris der Besatzungszeit ist in jeder Hinsicht von Erschütterungen und äußerstem Mangel geprägt. Es entwickelt sich eine Generation, die kompromisslos auf der Suche nach Neuem ist. In den Hotels, Cafés und Jazzkellern von Paris entwerfen und diskutieren Sartre, Simone de Beauvoir, Raymon Aron, Camus, Merleau-Ponty und viele andere ihre Gedanken. Ideengeschichtliche Wegbereiter sind ihnen dabei u. a. Kierkegaard, Nietzsche, Husserl, Heidegger, Jaspers. Bakewell schildert beeindruckend ihre unerschöpfliche Neugier, ihre Leidenschaften, ihren kompromisslosen Willen zum Wissen und ihre unglaubliche Produktivität. Mit nur wenigen Worten schreibt Sartre die seit der Antike bestehende, das ganze Mittelalter dominierende und von Husserl und Heidegger weitergeführte Diskussion um die Dominanz von Essenz / Wesen oder Existenz / Sein fest: »Die Existenz geht der Essenz voraus.« Der Fokus liegt damit auf dem Handeln des Einzelnen. »Du bist frei, also wähle« – im positiven wie im negativen, stets aber radikalen Sinn eines »Sich-ins- Verhältnis-setzen-Müssens« – sowohl privat als auch politisch. Bestens eingeführt in zentrale Gedanken und Theorien dieser Zeit, erlebt der Leser Menschen aus »Fleisch und Blut«, ihre Liebesbeziehungen, ihre Stärken und Schwächen, ihre ideologischen Irrtümer, ihre Freund- und Feindschaften – und, besonders anrührend, auch Hinfälligkeit und Sterben. Darüber hinaus vermittelt Bakewell die Einflüsse auf Amerika und England, die zentrale Bedeutung für osteuropäische Denker des späteren 20. Jahrhunderts wie Václav Havel und Jan Patocˇka. Sarah Bakewell hat mit dieser »Kollektivbiografie« den produktivsten und klügsten Köpfen dieser Zeit ein würdiges Denkmal gesetzt und gibt damit einen kraftvollen Anstoß zur erneuten Lektüre dieser wichtigen Denker und ihrer Werke. 
stern k Malcah Castillo

Buchhandlung zum Wetzstein empfiehlt

immerwährender wetzsteinkalender
mit 24 dichterinnen- und dichterportraits von jürgen brodwolf susanne bader (HRSG.)
Kalender € [D] 32,–, nummerierte, vom Künstler signierte Vorzugsausgabe des Kalenders in 100 Exemplaren € [D] 40,– Originale der jeweiligen Portraits, gerahmt, € [D] 2.400,–Erneut bestimmt eine Handschrift den soeben erschienenen Immerwährenden Wetzsteinkalender. Dieses Mal ist es diejenige des Künstlers Jürgen Brodwolf – in Erinnerung an Thomas Bader, den 2014 verstorbenen Patron der Buchhandlung zum Wetzstein. Jürgen Brodwolf wurde 1932 in der Nähe von Zürich geboren. Er ist Zeichner, Lithograf, Bildhauer. Er arbeitete als Freskenrestaurator, lebte in Paris und Berlin und jetzt in Kandern, Südbaden. Immer wieder wurde er mit Stipendien und Preisen ausgezeichnet, sein Werk in mehr als 200 Einzel- und Gruppenausstellungen präsentiert. Eine Folge von 24 Portraits von u. a. Virginia Woolf, Erich Kästner, René Schickele, Dante, Hölderlin, Stefan Zweig, Simone de Beauvoir und Robert Walser hat Jürgen Brodwolf eigens für die Buchhandlung zum Wetzstein mit der Tube gemalt, mit dem Rötelstift gezeichnet. So entstand diese Kalender-Kostbarkeit. Jeder Monat erhält vier Seiten, zwei für das Kalendarium, zwei für die jeweiligen Portraits. Die nummerierte, vom Künstler signierte Vorzugsausgabe und die Originale der Portraits sind wie der Kalender nur in der Buchhandlung zum Wetzstein erhältlich. Jürgen Brodwolf schreibt im Kalender: »Beim Malen mit der Tube hat sich die Malerhand an einige Vorgaben zu halten. Das Darzustellende muss von Anfang bis zum Ende in einem Zug durchgehend als Farblinie aus der Tube gedrückt und gleichzeitig gezogen werden. Auf dieser linearen Wegstrecke gibt es kein Zögern, Anhalten oder Zurück. Das Ziel und das Ende markiert die zur Figur gewordene Farbtube und verweist auf den Tubisten Brodwolf …«

mascha kaléko: sämtliche werke und briefe in vier bänden
DTV Verlagsgesellschaft, € [D] 198,– | € [A] 203,60
 
deutsche schillergesellschaft spuren-hefte thomas schmidt (hrsg.)
Eine Veröffentlichung der Arbeitsstelle für literarische Museen, Archive und Gedenkstätten in Baden-Württemberg. € [D] 5,–
 
Neu war ihre Sachlichkeit, der alltägliche und leichtfüßige Ton, der ihr die Feder führte. Mascha Kaléko schrieb: zwischen und nach den Weltkriegen, zwischen Rezession und den Goldenen Zwanzigern. Ihr Werk pendelt von feiner Ironie und Leichtigkeit zu Schwermut, Melancholie, schmerzlicher Klarheit. Schnell hatte sie einen wichtigen Platz in der Berliner Avantgarde. In Polen geboren, lebte sie in Berlin, New York, Jerusalem. Und starb in Zürich. Sie wusste, dass sie »von jenem Baume« ist, »der ewig zweigte und nie Wurzeln schlug«. Wenig bekannt ist neben der Lyrikerin die Essayistin, Journalistin und Werbetexterin, die Schauspiel- und Prosaautorin und die Briefeschreiberin Mascha Kaléko. Die vierbändige, von Jutta Rosenkranz vorzüglich zusammengestellte und intelligent kommentierte Gesamtausgabe der Werke und Briefe Kalékos enthält unzählige und unbekannte Preziosen. Kalékos Nachlass liegt im Deutschen Literaturarchiv in Marbach. Spuren. Diese ganz besondere Reihe der Deutschen Schillergesellschaft in Marbach am Neckar ist vollständig im Wetzstein erhältlich. Kaum bekannte Orte im deutschen Südwesten als Schauplätze von Literaturgeschichte präsentieren sich in jedem Heft als liebevoll gestaltete kleine Wunderkammern der Literatur. Aneinandergereiht formen sie sich zu einer ungemein reichen Literaturlandschaft. Geschöpft wird dazu aus den Archiven. Bisher Unveröffentlichtes, Manuskripte, Briefe, Zeichnungen und Fotografien lassen den Leser staunen und bekannte Autorinnen und Autoren in völlig neuem Licht erscheinen.

georgij iwanow: zerfall des atoms
Übersetzt von Alexander Nitzberg Matthes & Seitz Verlag, 140 Seiten, € [D] 18,– | € [A] 18,50

Es ist erstaunlich und erfreulich, wie viele Verlegerinnen und Verleger neugierig und wagemutig agieren, immer wieder auf die Suche gehen nach besonderen Autorinnen und Autoren, nach wertvollen Inhalten, nach zu Unrecht Vergessenem oder überraschendem Neuen, in der Belletristik wie beim Sachbuch. Das erfordert jedoch auch vom Leser, unbekannte Wege zu gehen und sich auf die Auseinandersetzung mit schwierigen Texten einzulassen. Viele Intellektuelle sind nach dem Ersten Weltkrieg und später in den 30er Jahren in Vorahnung des nächsten großen Krieges auf der Suche nach dem Sinn von Kunst und Literatur. Der russische Dichter Georgij Iwanow (1894–1958) flieht 1922 aus dem politischen wie menschlichen Elend seiner Heimat nach Paris ins Exil, mitten hinein in das überhitzte intellektuelle Klima jener Zeit. Und lebt dort ein klägliches Leben. Seine Verzweiflung mündet – literarisch – in Zerfall des Atoms, den fiktiven Abschiedsbrief eines Mannes, in dem Iwanow Bruchstücke einer übersteigerten Wahrnehmung von Alltag, Kultur, Politik und Trieb zu einem Stück aufrüttelnder Literatur zusammenfügt. Zynisch, nihilistisch, verstörend und von schmerzvollem Schwelgen in schönen Erinnerungen durchdrungen, liegt dem Autor daran, mit diesem Text zu zeigen, dass es in Wahrheit keine poetische Ästhetik mehr gibt, dass literarische Formen außer Kraft gesetzt sind. Und dennoch ist dieser fiktive Abschiedsbrief auch voller Poesie: »Im Fenster das Morgenrot. Auf dem zerwühlten Laken liegt in meinen Händen die gesamte unschuldige Lieblichkeit der Welt, und es erhebt sich die konfuse Frage: Was habe ich bloß mit ihr angestellt? « Georgij Iwanows Buch erschien 1938 in 200 Exemplaren und ist jetzt in der hervorragenden Übersetzung von Alexander Nitzberg erstmals in deutscher Sprache erhältlich. Ein schwieriges Buch, das man aushalten muss und das sich zu lesen lohnt.

ossip mandelstam. wort und schicksal
buch zur ausstellung des staatlichen literaturmuseums moskau mit den unesco cities of literature heidelberg und granada
Wunderhorn Verlag, 320 Seiten, € [D] 34,– | € [A] 35,80

Wie Georgij Iwanow war Ossip Mandelstam (1891–1938) neben Anna Achmatowa und Nikolai Gumiljow ein wichtiger Vertreter des Akmeismus (griech. Spitze, Reife, Höhepunkt einer Entwicklung), einer russischen Literaturströmung der Moderne zwischen 1910 und 1920. Sie vertrat eine neue Ästhetik und war in Abgrenzung zum Symbolismus um Gegenständlichkeit und Klarheit bemüht. Anlässlich des 125. Geburtstages des russisch-jüdischen Lyrikers, Essayisten und Erzählers Mandelstam gab es von Mai bis Juli 2016 in Heidelberg die Ausstellung Ossip Mandelstam. Wort und Schicksal. Sie entstand in Zusammenarbeit des Moskauer Literaturmuseums mit den beiden Städten Heidelberg und Granada. Dass solche Ausstellungen auch in Zeiten nervöser politischer Anspannung zwischen Russland und Europa immer wieder möglich sind, verdankt sich nicht zuletzt dem Direktor des Staatlichen Moskauer Literaturmuseums, dem klugen und charismatischen Professor Dmitri Bak. Ossip Mandelstam war 1909/1910 zu einem Studienaufenthalt nach Heidelberg gereist. Die Stadt war damals Ziel vieler junger Russen, die im Zarenreich nicht studieren konnten. So erzählt das Spuren-Heft 103 von 2014, Mandelstam in Heidelberg, um seltene Bilder und Dokumente bereichert, äußerst anschaulich von diesem Aufenthalt des Dichters (siehe die Besprechung dieser besonderen Marbacher Reihe auf der vorigen Seite). Der Katalog zur Ausstellung zeigt mit Originaldokumenten, Fotografien, wichtigen Akten und auch kleinen Nebensächlichkeiten Mandelstams bewegtes und bewegendes Leben in Sankt Petersburg, Paris, Heidelberg und Moskau bis zu seinem Tod in einem Lager bei Wladiwostok. Und regt zum (Wieder-)Lesen seines Werkes an, angefangen bei der frühen Lyrik bis zum traurigen Ende, seinen letzten Gedichten in Die Woronescher Hefte, entstanden 1935–1937.

peter weiss: die ästhetik des widerstands
Suhrkamp Verlag, 1.200 Seiten, € [D] 38,– | € [A] 39,10

Berlin im September 1937. Drei junge Arbeiter, einer davon der namenlos bleibende fiktive Erzähler des Romans, stehen vor dem Pergamon-Fries: »Die Eingeweihten, die Spezialisten sprachen von Kunst, sie priesen die Harmonie der Bewegung, das Ineinandergreifen der Gesten, die andern aber, die nicht einmal den Begriff der Bildung kannten, starrten verstohlen in die aufgerissenen Rachen, spürten den Schlag der Pranke im eigenen Fleisch.« Peter Weiss experimentiert in seinem Hauptwerk Die Ästhetik des Widerstands mit der Form des Romans. Weiss verwendet darin auch nicht den Begriff der Ästhetik im klassischen Sinn, sondern fordert, dass Werte, Weiterentwicklung, Bereicherung, Kultur unabdingbare Bestandteile des ewigen Kampfes von Oben und Unten sein müssen. Der Erzähler des Romans wird bis 1945 den wirren, verschlungenen Wegen des antifaschistischen Widerstands folgen: nach Spanien zu den Internationalen Brigaden, zu den inneren Widersprüchen des Sozialismus, der Komintern, nach Frankreich, nach Schweden zu Brecht, ins Terrorregime der Nationalsozialisten, zum Widerstand der Roten Kapelle bis hin zum kriegsbedingten psychischen Verfall seiner Mutter. Geschichtsschreibung und individuelles Erleben stehen dabei ebenbürtig nebeneinander. Und unablässig bleibt der Erzähler auf der Suche nach einer im Kampf, im Widerstand liegenden eigenen, notwendigen Ästhetik. Nach der wechselvollen und mitunter von starken Differenzen begleiteten Veröffentlichung in der Bundesrepublik (die drei Teile des Romans erschienen hier zwischen 1975 und 1981) und in der DDR (dort gleichzeitiges Erscheinen aller drei Teile 1983) legt der Suhrkamp Verlag nun den Text nach den Bestimmungen von Peter Weiss vor. Im 100. Geburtsjahr des Autors können wir so dieses wichtige und erstaunlich aktuelle Werk wiederentdecken, kommt uns dieser große essayistische Roman des 20. Jahrhunderts neu und anders nahe.

heinrich heine: die harzreise
Kröner Verlag, 172 Seiten, € [D] 13,90 | € [A] 14,30

Fast einhundert Jahre alt und sehr lebendig, frech, ironisch, spöttisch und voller Poesie: Die Harzreise von Heinrich Heine, eine der berühmtesten Wanderungen der deutschen Literatur, wenn nicht die berühmteste überhaupt. Heinrich Heine macht sich im September, Oktober 1842 von Göttingen aus auf den Weg – als überarbeiteter Jurastudent. Er schlendert, trödelt, witzelt, schimpft und liebt sich durch den Harz. Seine Reisebeschreibung ist gleichzeitig treffende Gesellschaftskritik. Die Bemerkungen über die verknöcherte akademische Welt sind bissig, und manch persönliche Feindseligkeit trägt der junge Dichter in seinen amüsanten Schilderungen offen aus. Gleichzeitig jedoch ist die Harzreise voller wunderbar gezeichneter Naturbilder, voller feiner, liebevoller Beobachtungen. »Die Sonne ging auf. Die Nebel flohen. Ich stieg wieder bergauf und bergab, und vor mir schwebte die schöne Sonne, immer neue Schönheiten beleuchtend. Der Geist des Gebirges begünstigte mich ganz offenbar; er wusste wohl, dass so ein Dichtermensch viel Hübsches wiedererzählen kann, und er ließ mich diesen Morgen seinen Harz sehen, wie ihn gewiss nicht jeder sah.« Erstmalig 1826 in vierzehn Teilen in F. W. Gubitz’ Gesellschafter abgedruckt, wurden Heines Beschreibungen durch die Zensur in manchen Teilen geradezu verunstaltet. Für die der Erstveröffentlichung folgenden unterschiedlichen Buchausgaben hat der Dichter Die Harzreise auch aus diesem Grund immer wieder korrigiert, ergänzt, überarbeitet. Der schön gestalteten Ausgabe im Kröner Verlag liegt als Besonderheit die Originalkarte aus Gottschalcks Harzführer bei. »Leute, die ein kleines Geschenk machen wollen, werden dieses Buch mit Vergnügen verschenken; kaufen es, um es auf Reisen mitzunehmen, weil es wenig Raum einnimmt und 100 mal gelesen werden kann, ohne Überdruß zu erwecken.« Julius Campe über Die Harzreise, Brief an Heine, 26. November 1851.