otto julius bierbaum: eine empfindsame reise im automobil von berlin nach sorrent und zurück an den rhein
Omnium Verlag, Berlin, 2014, 164 Seiten, € [D] 12,90 | € [A] 13,30
 
otto julius bierbaum: irrgarten der liebe
Zweite Auflage, Insel Verlag, 1906, 437 Seiten, € [D + A] 48,–
 
 
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»Mit offenen, wachen, allen Erscheinungen des Lebens, der Natur zugewandten Sinnen reisen, nenne ich empfindsam reisen, und dieses Reisen allein erscheint mir als das wirkliche Reisen, wert und dazu angetan, zur Kunst erhoben zu werden«, so Otto Julius Bierbaum im Vorwort des Buches. Unbeschwert, genießerisch und leicht zu leben, lautet Bierbaums Motto. Seine überschwengliche Lebensfreude äußerst sich in feinen Beobachtungen und selbstironischen Bemerkungen, die er in vergnüglichen Berichten, Reportagen und Briefen festhält. »Man reiste mit relativ bescheidenem Gepäck […] zum Beispiel durfte eine Gummibadewanne ebenso wenig fehlen wie angemessene Kleidung zum Dinner in den regelmäßig doch standesgemäßen, also ›besseren‹ Hotels.« So kutschiert Bierbaum 1902 sein Automobil der Marke Adler von Deutschland aus über Prag und Wien nach Italien, wobei die Rückfahrt über den Gotthardpass führt. Mit 30 Stundenkilometern auf Schotterwegen, in Stadtnähe teils auf gepflasterten Straßen. Sein Chauffeur Meister Riegel steuert den Wagen, tankt bei Apotheken und Drogerien auf, flickt und wechselt Reifen. Die abenteuerliche Fahrt dauert fast vier Monate. In Briefen an Freunde wie Franz Stuck, Peter Behrens, Franz Blei, Detlev Freiherr von Liliencron erzählt Bierbaum von seiner Europareise. So an Liliencron am 14. Juni 1902 aus Terracina: »Man möchte meinen, dass hier die Bettler-Republik liegt. Malerisch genommen beeinträchtigen diese Leute die Landschaft durchaus nicht, denn ihre Zerlumptheit hat Tradition und Stil, und sie wissen sich mit einem gewissen feierlichen Anstand zu bewegen. Diese Bewegungen und jede ihrer Gesten sind in ihrer Art schön, weil sie sehr ausdrucksvoll sind, und dem ästhetischen Genuss daran darf man sich ohne viel sentimentale Gewissensbisse hingeben, weil das ganze in der Tat eine Art Schauspiel ist, und man wirklich bejammernswertes Elend, dessen Anblick wehtut, kaum darunter gewahrt.« Bierbaums oberstes Reise-Credo lautet »empfindsam reisen«, mit allen Sinnen alles und jeden beobachten. Auch vor dem Elend verschließt er die Augen nicht. Soziale Missstände allerdings werden romantisiert und zur Kulisse für das Schöne schlechthin. Bierbaum berauscht sich an ihr, nennt sich selbst einen Adoranten der Schönheit. Ein sicheres Gespür für die schönen Künste sagt man Bierbaum nach. Er war Mitbegründer des Jugendstils, Herausgeber der Zeitschriften PAN und Die Insel. Neben dem Reisebericht in Briefform schrieb Bierbaum Romane, Dramen und Gedichte, Künstlerbiografien, Essays und Parodien, sowie Kritiken und Ballettstücke. Er probierte jedes Genre aus und brachte zwischen 1890 und 1910 ganz nebenbei Bücher heraus, die zu Bestsellern wurden. Dazu zählt der Gedichtband Irrgarten der Liebe von 1901, mit Liebes- und Naturlyrik.

Ich – weiß nicht viel
von End und Ziel,
geh meine Straße wie im Spiel
und denke frei:
was es auch sei, –
Ich bin auf der Welt und du bist dabei.

Das erste deutschsprachige Auto-Reisebuch von 1903 lädt dazu ein, Bierbaums verspielte, sinnentrunkene Dichtkunst zu entdecken. Es ist witzig, und es ist ein Plädoyer für die Entschleunigung. Ein Muss für jeden Reisekünstler mit Sinn für die kuriose Geschichte des Kraftfahrzeugs! 
stern k Annika Sprünker

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