gion mathias cavelty: der tag, an dem es 449 franz klammers regnete
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Ein höchst fiktiver Roman lectorbooks, 128 Seiten, € [D] 18 | € [A] 18.50

Dieser Besprechung sei vorangestellt, dass es Franz Klammer nicht nur wirklich gegeben hat, sondern gibt: Franz Klammer wurde 1953 in Kärnten geboren und ist ein österreichischer Skifahrer und der erfolgreichste Rennläufer in den Disziplinen Abfahrt und Slalom der Weltcupgeschichte gewesen. Er lebt in Wien. Innsbruck, 4. April 1974. Die 12. Olympischen Winterspiele haben ihren Höhepunkt erreicht: Franz Klammer, das zwanzigjährige SkiRennfahrerWunder, steht am Start.
»… EINS DREIZEHN VIERUNDZWANZIG!«, brüllt der Kommentator ins Mikro. EINS DREIZEHN VIERUNDZWANZIG! Eine halbe Sekunde schneller als sein ärgster Konkurrent Bernhard Russi! Ja, bravo, Franz! Das könnte sich ausgehen! Jetzt der OachkatzlschwoafSprung … ui, ui, ui, ein Mordssprung! Der Franz fl iegt durch die Luft, mit 128 Stundenkilometern! Und … ja das ist ja a Wahnsinn! Er fl iegt immer noch in der Luft … und … ja, wo ist er denn hin?«
Franz Klammer landet nicht wie geplant auf der Piste, sondern – in Jerusalem im Jahr 33. Er landet zu allem Überfl uss direkt auf Jesus, der mit einem hörbaren Plopp wie ein Ballon platzt. Auf der Flucht vor den aufgebrachten Aposteln macht Franz die Bekanntschaft mit dem Kopf von Johannes dem Täufer, der anbietet, ihm aus dieser Misere herauszuhelfen, unter der Bedingung, dass er ihn mitnimmt. Um wieder in die Gegenwart zu gelangen, unternehmen die beiden (wenn man von »beiden« sprechen kann – bei Franz und dem Kopf) zuerst einmal eine Reise in die Vergangenheit, bis zum allerersten Urpunkt, an dem noch nichts existiert, weder Zeit noch Raum noch Gott. Auf ihrer wilden Tour werden sie in unvorstellbare Mysterien eingeweiht, wie die altägyptische Hochtechnologie und die bewusstseinserweiternden Praktiken der Maya. Bis zum Happy End erleiden unsere beiden Helden so einiger, und dabei wünscht Franz sich doch nur zurück in sein geliebtes Kärtner Gailtal und will nur eins: »Schifoahn! Und sonst nix!» Der Schweizer Autor Gion Mathias Cavelty, geboren 1974 in Chur, hat eine hinreißende Zumutung auf 128 Seiten geschrieben. Ein Roman wie ein Traum, aus dem man morgens aufwacht, sich am Kopf kratzt und fragt, was ist nachts geschehen, welcher Wahnsinn ist über mich gekommen. Eine wunderbare und absurde literarische Erfahrung. Eine andere Frage stellt sich noch während der Lektüre: Was sagt eigentlich der echte Franz Klammer dazu? 
stern k Annegret Schult

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