lutz c. kleveman: lemberg | die vergessene mitte europas
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Aufbau Verlag, 315 Seiten, € [D] 24,– | € [A] 24,70

Um sich ein Bild von der 2014 ausbrechenden Ukraine- Krise zu machen, begibt sich der Journalist und Historiker Lutz C. Kleveman ins westukrainische Lemberg. Ergebnis seiner Recherchen ist ein aufwühlendes, verstörendes, unbedingt lesenswertes Buch, das weit über eine kulturgeschichtliche Darstellung der Stadt hinausgeht. Lembergs Geschichte zu schreiben bedeutet, eine Geschichte immer wieder virulenter Gewalt zu dokumentieren und zu bewerten. Kleveman schildert neben bekannten stadthistorischen Tatsachen die unbequemen erschütternden, zum Teil bis heute negierten oder ideologisch instrumentalisierten Kapitel der Vergangenheit: u. a. das auf europäischem Boden größte Judenpogrom seit dem Mittelalter im Juli 1941, in dessen Verlauf »4000 Menschen tot in den Straßen von Lemberg lagen«; die Geschichte des Stalag 328, des Vernichtungslagers der Wehrmacht auf der Lemberger Zitadelle, in dem innerhalb von drei Jahren etwa 140 000 Kriegsgefangene verhungerten oder getötet wurden; sowie die Geschichte des KZs Janowska, in dem nach der Liquidierung des Lemberger Ghettos 1943 die letzten Lemberger Juden besonders grausam vernichtet wurden. Lemberg schrumpftbis 1944 auf die Hälfte seiner Bevölkerung und verliert im Lauf seiner weiteren Geschichte fast 90 Prozent seiner ursprünglichen Einwohner. Klevemans Schilderungen sind besonders im zweiten Buchteil nur schwer zu ertragen, da er dem Leser traurige Tatsachen und sadistische Grausamkeiten nicht erspart. Doch macht nur dieses Vorgehen begreifbar, wie tief tatsächlich die Risse, wie stark Verdrängung, wie vielfältig und zentral emotionale Verflechtungen auf dem europäischen Kontinent wirken. 
stern k Malcah Castillo

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