uwe soukup: der 2. juni 1967 | ein schuss, der die republik veränderte
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TRANSIT Buchverlag, 191 Seiten, € [D] 20,– | € [A] 20,60

Kaum ein Ereignis der Nachkriegszeit hat das Vertrauen der jungen Generation in die Rechtsstaatlichkeit der Bonner Republik so massiv und nachhaltig erschüttert wie der gezielte Todesschuss des Staatsschutz-Beamten Kurras auf den Demonstranten Benno Ohnesorg. Die Bedrohung der Pressefreiheit in der Spiegel-Affäre, die Auseinandersetzung um die Notstandsgesetze und die Versuche, in Schulen und Universitäten politische Diskussionen über das kapitalistische System und den Krieg der USA in Vietnam zu verhindern, brachten vor allem die Studenten gegen den autoritären Staat auf. Auch die Rolle der Wissenschafts- und Wirtschaftselite in der Nazizeit musste hinterfragt werden. Besonders im eingemauerten Berlin des Kalten Krieges prallten die Gegensätze sehr massiv aufeinander. Die Demonstrationen gegen den Besuch des iranischen Potentaten Schah Reza Pahlavi boten der Westberliner Polizei die Gelegenheit, den aufmüpfigen Studenten eine Lektion zu erteilen, damit ihnen die Lust am Demonstrieren vergehe. »Rädelsführer« sollten von zivilen Greiftrupps dingfest gemacht und die Demonstranten mal ordentlich verprügelt werden. Eine richtige »Notstandsübung«. Fotos und Filme liefern umfangreiche Beweise von der Brutalität der Staatsdiener und dem Todesschuss auf Benno Ohnesorg. Dieses Material, sowie Justiz- und Behördenakten und viele Augenzeugenberichte, hat Uwe Soukup zusammengetragen und neu bewertet. So entstand eine Dokumentation über ein Staatsverbrechen: den Mord an Benno Ohnesorg. Denn der zweite Teil des Skandals besteht in der systematischen Vertuschung der wahren Vorgänge bei der Aufarbeitung durch Polizei, Justiz, Mediziner und andere staatliche Organe. Der Todesschütze Kurras wurde vor Gericht in allen Verfahren freigesprochen und lebte bis zu seinem Tod unbehelligt in Berlin. Nur einmal noch machte er Schlagzeilen, als 2009 herauskam, dass er für die DDRStaatssicherheit die Westberliner Polizei ausgespäht hatte. Auch dieses Doppelspiel wird im Buch beleuchtet. Soukup gelingt ein sehr interessantes Zeitdokument. Eine Mahnung an uns alle, wachsam zu sein gegenüber staatlicher Macht. Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit und Meinungsfreiheit müssen auch in Demokratien stets verteidigt werden. 
stern k Jürgen Schleicher

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