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rodrigo hasbún: die affekte
Aus dem Spanischen von Christian Hansen Suhrkamp Verlag, 142 Seiten, € [D] 18,– | € [A] 18,50

Der kleine Roman des bolivianischen Autors palästinensischer Herkunft mit Wohnort Houston, Texas, hat Shakespeare’sches Format. Kühl, sachlich, elegant formuliert kleidet Hasbún eine historische Episode (beteiligt ist u. a. Klaus Barbie, der Schlächter von Lyon, in der Rolle des Freundes und Verräters der Protagonisten) und eine große menschliche Tragödie in ein intensives Kammerspiel. Die Familie Ertl wandert aus dem München der Nachkriegsjahre mit drei Töchtern nach Bolivien aus. Der exzentrische Vater war Bergsteiger, erster Kameramann von Leni Riefenstahl und bevorzugter Fotograf von Erwin Rommel. Das Leben in dem armen südamerikanischen Land wird für alle zum Abenteuer, zur großen Herausforderung. Der Vater schafft sich dort seine eigene – sehr deutsche – Welt als Farmer, der auf Expeditionen geht und sich z. B. bei seiner Suche nach der Inkastadt Paititi von der Familie begleiten lässt. Seine Lieblingstochter Monika jedoch geht im Lauf der Jahre ihren eigenen revolutionären Weg. Zunächst heiratet sie in die bolivianische Oberschicht. Bald aber distanziert sie sich von diesem Leben, lässt sich scheiden und schließt sich der GuerillaOrganisation ELN an. Vermutlich hat sie 1971 in Hamburg den bolivianischen Generalkonsul erschossen, aus Rache für die Ermordung Che Guevaras und dessen Nachfolgers Inti Peredo, dessen Geliebte sie war. Die Waffe stammte von Giangiacomo Feltrinelli. Der Fall wurde nie aufgeklärt. 1973 wird Monika Ertl von der bolivianischen Polizei erschossen. Hasbún erzeugt mit seinen knappen Sätzen, mit einer Geschichte, die nahezu beiläufi g wirkt, im Lauf der 140 Seiten höchste Aufmerksamkeit und Spannung. Er versteht es meisterhaft, Neugierde und Phantasie anzuregen, zum Weiterdenken zu verführen, indem er bei den Nöten, den Ängsten, den Grausamkeiten gerade nicht ins Detail geht. Lange nachdem man das Buch zugeschlagen hat, wirken diese aber noch in unseren Gedanken nach. Ein kleiner Roman, ein großes, ja großartiges Buch. stern k

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