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Buchhandlung Klaus Bittner

GRAHAM GREENE - REISE OHNE LANDKARTEN
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Graham Greene war Redakteur der Londoner »Times«, danach bis Ende der dreißiger Jahre Filmrezensent der englischen Wochenschrift »Spectator«. Zur Zeit seiner Reise aber war er auch bereits ein bekannter und erfolgreicher Schriftsteller in England. Zahlreiche Romane von ihm sind erschienen, etliche sind verfilmt, für seine Drehbücher wurde er sehr gelobt. Im Januar 1935 bricht er auf zu seiner legendären Fußtour von der Grenze der westafrikanischen Kolonie Sierra Leone durch die Republik Liberia. Nie zuvor hat er Europa verlassen. Mithilfe von amerikanischen und englischen Generalstabskarten des Landes versucht er seine Route zusammenzustellen. Doch mit Geografie haben die Karten zu dieser Zeit nun aber auch gar nichts zu tun. Größere Teile des Landes sind weiße Flecken (britische Karten), andere Teile sind bezeichnet mit »dichter Wald« oder »Kannibalen« (amerikanische Karten). So heuert er schließlich im benachbarten Sierra Leone Träger und Führer an und zieht los zu seiner Reise in das Herz der Finsternis. Die faszinierende Schilderung dieser Unternehmung können wir nun als seine Reiseerlebnisse lesen, die 1936 in England unter dem Titel Journey Without Maps erscheinen und die ihn als einen begnadeten Reiseschriftsteller ausweisen. Reise ohne Landkarten liegt erstmals vollständig – hervorragend von Michael Kleeberg übersetzt – im Deutschen vor. stern kKlaus Bittner  |  Aus dem Englischen von Michael Kleeberg, Liebeskind, 352 Seiten, € [D] 22,– I € [A] 22,70

TEJU COLE - JEDER TAG GEHÖRT DEM DIEB
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Open City, Teju Coles autobiografischer Roman über New York, hat seinen Platz als ein herausragendes Werk in der zeitgenössischen amerikanischen Literatur gefunden. Erst jetzt ist in Amerika wie auch bei uns Jeder Tag gehört dem Dieb erschienen, ein Buch, das bereits 2007 in einem kleinen nigerianischen Verlag veröffentlicht wurde. In ihm erzählt ein junger Mann von seiner Rückkehr aus den USA nach Lagos, an den Ort seiner Kindheit, den er vor vielen Jahren verlassen hat. Der autobiografische Bezug ist deutlich. Der Erzähler lebt bei seinen Verwandten in Lagos, sieht alte Freunde, streift durch die Straßen der Stadt und über die Märkte. Er redet mit den Menschen, trifft auf Chaos und Improvisationskunst, auf Korruption und Gewalt, aber auch auf Lebensfreude, erfährt Momente von Schönheit und Kreativität. Er fühlt sich zerrissen zwischen seiner Liebe zu dem Land und den Menschen, die zu sehr damit beschäftigt sind, in der unmittelbaren Gegenwart zu überleben, als sich um Traditionen und Geschichte oder um das Fortkommen des Landes zu kümmern. Zunehmend reift in ihm die Erkenntnis, dass eine endgültige Rückkehr in dieses Leben nicht infrage kommt. Durch seine Beobachtungsgabe, seine genauen stimmungsvollen Beschreibungen, entsteht das faszinierende Porträt eines zerrissenen Landes.stern kBarbara Klefisch | Aus dem Englischen von Christine Richter-Nilsson, Hanser Berlin, 173 Seiten,mit Fotografien des Autors, € [D] 18,90 | € [A] 19,50

 

nicolas bouvier – die erfahrung der welt
201504 03
»Wir hatten zwei freie Jahre vor uns und Geld für vier Monate.« 1953 reist der 24-jährige Schweizer Schriftsteller Nicolas Bouvier mit einem Freund, dem Maler Thierry Vernet, in einem klapprigen Fiat Tolino von Genf aus durch Jugoslawien, Griechenland, die Türkei und Iran nach Afghanistan. Beide müssen unterwegs arbeiten. Vernet malt und organisiert »Verkaufsausstellungen «, der belesene und gebildete Bouvier gibt Französischstunden und hausiert mit Artikeln bei Zeitungen. Nicolas Bouvier ist ein guter Beobachter und unterhaltsamer Erzähler. Es sind oft die kleinen Dinge und Begegnungen am Wegesrand, die die tiefsten Eindrücke hinterlassen. Einfache Freuden wie einmal wieder richtig zu schlafen mit einem Dach über dem Kopf oder ausreichend zu trinken, nachdem sie tagelang in der Wüste unterwegs waren. Es geht langsam voran, schon allein deshalb, weil ihr Auto öfter den Geist aufgibt. Steile Pässe müssen passiert werden, und wochenlang warten sie in irgendeinem Nest auf Ersatzteile. Sie verbringen einen ganzen Winter in Aserbeidschan, weil die Straßen nicht befahrbar sind. Von dieser Langsamkeit profitiert das Buch. Bouvier ist ein aufrichtiger Erzähler, er verschweigt weder Erschöpfung noch Krankheit, die Trübsal der Quartiersuche, die Geldnot, den zeitweiligen Überdruss an ihrem Unternehmen. Doch die Neugier, die Lust am Neuen und Fremden überwiegen. Nicht umsonst hat dieses Buch ihn zu einem Kultautor unter den Reisenden und Reiseschriftstellern gemacht.stern kBarbara Klefisch | Aus dem Französischen von Trude Fein und Regula Renschler Lenos, 440 Seiten, € [D] 14,50 I € [A] 15,–

 

helena henneken – they would rock – 59 tage iran
201504 04
Zwei Monate lang reiste Helena Henneken mit ihrem Rucksack allein kreuz und quer durch den Iran. 80 Einladungen, 390 Gläser Tee und 28 Gastgeschenke später ist sie fasziniert von Land und Leuten. In der deutschen Berichterstattung steht dieser Staat meist als Synonym für Atomwaffen, Ajatollahs, das Böse schlechthin. Die Einseitigkeit dieser Darstellung kollidiert mit der überwältigenden Vielfalt des Landes. Es ist das Verdienst der Autorin, mit ihrem Buch eine Seite des Iran offengelegt zu haben, über die deutsche Medien selten berichten. Die Schwierigkeiten eines Lebens unter Sanktionen und Repressionen übersieht sie nicht. Umso mehr ist sie beeindruckt von der Herzlichkeit und Gastfreundlichkeit der Menschen, ihrem Interesse an dem, was in der Welt vor sich geht, ihrem Wissen um die eigene Geschichte und immer wieder den kulturellen Eigenheiten. Auch ist der Buchgestalterin Frizzi Kurkhaus eine originelle grafische Umsetzung gelungen. Die Grundidee, das Buch in persischer Leserichtung zu drucken, für unser Verständnis also von hinten nach vorne, wird ergänzt durch Fotos, kleine Grafiken, Zeichnungen, handschriftliche Notizen. They would rock ist ein Reisebuch, das große Lust macht, in den Iran zu fahren. stern kBarbara Klefisch | Gudberg, 301 Seiten, mit zahlreichen Fotos, € [D] 24,90 I € [A] 25,60

 

beatrice fassbender (hg.)
new york – eine literarische einladung
201504 05
»Das Erste, was einem Ausländer in New York auffällt, ist, dass jeder ein Ausländer ist.« So beginnt Eliot Weinberger seinen Essay Die Vereinigten Staaten von New York, der die von Beatrice Faßbender herausgegebene Anthologie eröffnet. Die Vielfältigkeit, der besondere Charakter und vor allem die besonderen Charaktere der Stadt werden in den ausgewählten Texten deutlich. Alle fünf Stadtteile sind vertreten, wobei der Schwerpunkt auf Manhattan und Brooklyn liegt. So spazieren wir mit Teju Cole durch Chinatown, mit Paul Auster durch Brooklyn und verbringen den Sommer mit Helene Hanff im Central Park. Von der Bronx bis Staten Island, von Greenwich Village bis Rockaway Beach – mit Texten von Woody Allen, Maeve Brennan, Michael Cunningham, Don DeLillo, Allen Ginsberg, Jonathan Lethem, Colum McCann, Grace Paley, Richard Price, David Sedaris, Colson Whitehead, Tom Wolfe und vielen anderen. Die Geschichten sind manchmal komisch, manchmal nachdenklich, eignen sich aber bestens dazu, Reisenden die Stadt näherzubringen. Dieser literarische Reiseführer ist eine wunderbare Gelegenheit New York (wieder) zu entdecken. stern kKristina Geilhaupt | Wagenbach, 140 Seiten, € [D] 15,90 | € [A] 16,40

 

eleonore frey – unterwegs nach ochotsk
201504 06
Ochotsk liegt am Eismeer, es ist kalt dort und wahrscheinlich immer dunkel, also warum sollte irgendjemand nach Ochotsk wollen? Doch alle wollen dahin. Die Buchhändlerin Sophie, die am liebsten und am meisten das Buch verkauft, das Unterwegs nach Ochotsk heißt, der Schriftsteller Robert, der nur dieses eine Buch geschrieben hat und mit Sophie dorthin reisen möchte, aber in jeder Frau seine Schwester sucht. Die ältere, verwirrte Frau, eine Nachbarin von Robert, die in ihn verliebt ist, der Hausarzt Otto, der gerne als Schiffsarzt auf der Route nach Ochotsk arbeiten möchte, und Sophies Onkel, Chef der Buchhandlung. Warum wird Ochotsk denn eigentlich zum Sehnsuchtsort? Was suchen sie alle dort, was erwarten sie von diesem merkwürdigen Fleck in Eis und Schnee in der Ferne? Diese so unterschiedlichen Menschen, die etwas verloren im Leben stehen. Erhoffen sie sich Rettung aus ihrer Einsamkeit? Finden sie dort ein kleines bisschen Glück? Heimat? Ist Ochotsk ein wirklicher Ort – oder etwa nur eine erzählte Utopie? Das sind die Fragen, denen wir in dieser ebenso dichten wie tiefgründigen Sprache und in so brillant komponierter Form in Eleonore Freys wunderbarem Buch begegnen. Unterwegs nach Ochotsk ist gerade mit dem Eidgenössischen Literaturpreis 2015 ausgezeichnet worden. stern kKlaus Bittner | Engeler Verlag, 128 Seiten, € [D] 19,90 I € [A] 20,50

 

tänzerisch, malerisch, aufklärerisch sechs bücher bei dombrowsky

jerome d. salinger - die jungen leute
150413 dom01
»Der Fänger im Roggen« – ein Buch, das mein Leben beeinflusst hat. Ob zum Guten, weiß ich nicht. Wenn ich es heute wieder lese, muss ich auf fast jeder Seite mindestens einmal laut lachen. Holden Caulfield, der Antiheld dieses Romans, erinnert in vielem seiner verzweifelten Odyssee durch drei Tage, die er in New York verbringt, bevor er seinen Eltern die bittere Wahrheit eröffnen muss, dass er schon wieder von einem College geworfen worden ist – wegen Faulheit und Desinteresse – an den traurigen Stummfilmhelden Buster Keaton und Charlie Chaplin. Seine Komik der Verzweiflung ist nicht die Pantomime, sondern die Ironie. Er zerfließt in Selbstmitleid und lässt sein Ich-kann-mich-selbst-nichtausstehen an seinen Mitmenschen aus. Einziger Fluchtpunkt: seine kleine Schwester Phoebe, die er abgöttisch liebt. Nun sind drei kleine Geschichten von Salinger aufgetaucht und in einem kleinen Bändchen erschienen. Short stories à la Richard Brautigan, Raymond Carver oder Paula Fox. Mit großer Leichtigkeit hingetupfte Kurzporträts von Menschen, die allein aus ihren Dialogen heraus beschrieben werden. Wir sehen sofort den Ort der Handlung, die Menschen darinnen und können sogar genauestens den Tonfall nachvollziehen, in dem da gesprochen oder manchmal auch nur geradebrecht wird. Obwohl diese Stories inzwischen siebzig Jahre alt sind, haben sie doch nichts von ihrer Leuchtkraft eingebüßt. Ergänzt werden die drei Geschichten von einem sehr lesenswerten Nachwort Thomas Glavinics und seiner Sicht auf Zeit, Autor und Geschichten. Übrigens: Gleichzeitig erscheint bei Piper ein Buch von Frédéric Beigbeider über die große erste Liebe Salingers zu Oona O’Neill, die später Charlie Chaplin heiratete.. stern kUlrich Dombrowsky | Aus dem Englischen von Michael Kleeberg, Liebeskind, 352 Seiten, € [D] 22,– I € [A] 22,70

rainbow rowell – eleanor & park
150413 dom02
Ein Schulbus im Sommer 1984, vollgestopft mit einer Meute Jugendlicher, die nur darauf lauert, sich auf diejenigen zu stürzen, die Schwäche zeigen. Park kennt das alles seit Jahren und versucht einfach, nicht aufzufallen. Eleanor ist neu in der Stadt und fällt allein durch ihre Größe, die völlig schrägen Klamotten und die wilden roten Haare auf. Trotzdem bietet Park ihr den Platz neben sich an. Tag für Tag schweigen sie sich an, bis sie anfängt, seine Comics mitzulesen, die er immer erst dann umblättert, wenn er merkt, daß sie mit der Seite fertig ist. Eines Tages streift er ihr die Kopfhörer seines Walkmans über und lässt sie seine Lieblingsmusik hören. Sie beginnen miteinander zu reden und versuchen, auch das zu hören, was sie nicht sagen, und langsam, ganz langsam wächst das Vertrauen … Sich zu verlieben bedeutet, sich fallen zu lassen. Von dem Glück, aber auch der Unsicherheit und den Ängsten, die die erste große Liebe mit sich bringt, erzählt Rainbow Rowell zum Niederknien schön. Diese Zeitreise zu einer Liebe in den achtziger Jahren, sollten Sie sich nicht entgehen lassen – egal wie alt sie sind. Es ist ein großer Genuss, auf ein Buch zu stoßen, das pure Lebensfreude vermittelt. Wenn es dann auch noch so hinreißend illustriert ist, ist es ein großes Glück. stern kBeate Widmann | Hanser 2015, 361 Seiten, € [D] 16,90 | € [A] 17,40

heinrich steinfest – der allesforscher
150413 dom03
Der Allesforscher von Heinrich Steinfest macht richtig Spaß! Intelligent und mit skurrilem Witz wird das Leben eines Mannes erzählt, der zwei unwahrscheinliche Unfälle überlebt und am Ende seine Bestimmung findet. Als Manager und Geschäftsreisender steht Sixten zu Beginn des Romans an einer Bushaltestelle in Taiwan, als auf einem Schwertransporter ein Pottwal durch die Stadt gefahren wird. Ein faszinierendes Schauspiel, doch gerade in diesem unglücklichen Moment explodiert der Meeressäuger und befördert den starrenden Sixten mit einer Kopfverletzung ins Krankenhaus. Sein eigentliches Unglück wird sich als Glücksfall herausstellen, denn dort lernt er eine deutsche Ärztin kennen, die ihm seitdem nie wieder aus dem Kopf gehen wird. Die Affäre hat noch kaum richtig angefangen, da muss Sixten zunächst seine Geschäftsreise fortsetzen. Er steigt in das nächste Flugzeug und stürzt ab! Doch auch aus diesem Unfall wird unser Held heil hervorgehen. Danach kann sein Leben nicht mehr so weitergehen wie bisher. Wieder in Deutschland angekommen, wechselt er den Wohnort, wird Bademeister, Lebensretter und vor allem Vater eines Jungen, der eigentlich nicht sein Sohn sein kann. Lassen Sie sich bestens unterhalten, gerade durch Heinrich Steinfests wundervolle Sprache! stern kDana Hartmann | Piper 2014, 397 Seiten, € [D] 19,99 | € [A] 20,60

klaus modick – konzert ohne dichter
150413 dom04
Klaus Modick hat mich schon mit seinem Roman über die Männerfreundschaft zwischen Bertolt Brecht und Lion Feuchtwanger (Sunset) sehr beeindruckt. Dasselbe gelingt ihm mit seinem Roman über die Hassliebe zwischen Heinrich Vogeler und Rainer Maria Rilke. Im Mittelpunkt stehen der Künstlerort Worpswede und die Verflechtungen zwischen den Künstlern, den Mäzenen und den sogenannten Malweibern kurz nach der Jahrhundertwende in den Jahren 1905/1906. Der Maler, Grafiker und Innenarchitekt Vogeler, der ganz wesentlich den Jugendstil mitbeeinflusste, steht vor der größten Auszeichnung seines Lebens: Für sein lebensgroßes Bild Das Konzert oder Sommerabend auf dem Barkenhoff wird ihm 1905 die »Goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft« der Stadt Oldenburg verliehen. Was für die einen der Gipfel seiner Künstlerkarriere, ist für ihn von Zweifeln durchsetzt. Was seine Bewunderer nicht wissen: In seiner Ehe kriselt es, sein Selbstbewusstsein ist angeknackst, und eine Männerfreundschaft ist in die Brüche gegangen, die zu dem genialischen Dichter Rainer Maria Rilke, der in den vergangenen Sommern Gast auf dem Barkenhoff war. Zeichen dieses Bruchs: Rilke, der ursprünglich auf dem Bild zwischen den drei Frauen Clara Westhoff, Paula Becker und Agnes Wulff auf einer Bank sitzen sollte, ist getilgt. Dafür steht hinter der Bank Otto Modersohn. Dies und viele Details aus dem Leben Vogelers, der Worpsweder Zeit und über die Zeitschrift Die Insel findet man in diesem Buch – und einige Gedichte Rilkes, in denen er sich mit dieser wichtigen Phase seines Lebens auseinandersetzt, unter anderem dieses aus seinem Stundenbuch: »In diesem Dorfe steht das letzte Haus / so einsam wie das letzte Haus der Welt / Die Straße, die das kleine Dorf nicht hält / geht langsam weiter in die Nacht hinaus. Das kleine Dorf ist nur ein Übergang / zwischen zwei Welten, ahnungsvoll und bang / ein Weg an Häusern hin statt eines Stegs / Und die das Dorf verlassen, wandern lang / und viele sterben vielleicht unterwegs.« stern kUlrich Dombrowsky | Kiepenheuer & Witsch 2015, 240 Seiten, € [D] 17,99 | € [A] 18,50

steven uhly – königreich der dämmerung
150413 dom05
Über ein ganz unterbelichtetes Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte hat Steven Uhly, der Verfasser von Glückskind, einen faszinierenden Roman geschrieben. Was wurde aus den Zehntausenden Displaced Persons, die auf der Suche nach einer Bleibe durch verschiedene Länder irren mussten? Die Handlung des Romans beginnt in den vierziger Jahren in einer polnischen Stadt. SS-Obersturmbannführer Ranzner, einer der Protagonisten des Romans, lässt eine Gruppe polnischer Zivilisten für einen Mord an einem deutschen Soldaten hinrichten. Regelmäßig vergeht er sich an seiner jungen, schönen Haushälterin Anna Stirnweis – der zweiten Hauptperson –, die er bei der letzten Vergewaltigung schwängert. Sie wird später mit ihrem Kind nach Palästina auswandern und dort beim Aufbau des Staates Israel helfen. Dritte Protagonistin ist die Tocher einer jüdischen Widerstandskämpferin, die von einem deutschen Ehepaar versteckt und damit vor der sicheren Vernichtung gerettet worden war. Anhand dieser Personen, die auf geschickte Weise im Laufe der Handlung miteinander verknüpft werden und beispielhaft klassische Opfer-Schicksale widerspiegeln, ohne Opfer zu bleiben, vermittelt Uhly auf seine ganz eigene Weise die Geschichte Deutschlands von den Vierzigern bis in die siebziger Jahre. Friedrich Dürrenmatt hätte seine Freude an diesem großen Erzähler gehabt. stern kUlrich Dombrowsky | Secession Verlag 2014, 656 Seiten, € [D] 29,95 | € [A] 30,70

 

birgitta sif – frieda tanzt
150413 dom06
Frieda tanzt mit Leidenschaft und Hingabe. Sie wirbelt herum, dreht sich, wippt mit den Füßen, wiegt sich im Wind, lauscht der Musik. Fühlt sich Frieda jedoch beobachtet, beendet sie umgehend ihren Tanz. Erst als sie auf ein Mädchen trifft, das mit Hingabe ein wunderschönes Lied singt, beginnt sie nachzudenken. Ob ihr Tanz andere genauso beglückt, wie es ihr mit dem Gesang des Mädchens ging? Endlich begreift sie: Tanzen ist ihr Leben. Nun hält sie nichts mehr. Ob mit der Katze, dem Hund oder der alten Dame am Marktplatz: Frieda steckt mit ihrer eigenen Begeisterung alle an und bringt so Jung und Alt zum Swingen, Lächeln und zur guten Laune. Die in Island geborene Autorin illustriert und schreibt Bilderbücher mit dem Feingefühl, das Kinder ab drei genauso wie Erwachsene anrührt und anspricht. stern kDaniela Dombrowsky | Aladin 2014, 32 Seiten, € [D] 12,90 | € [A] 13,30

 

jung, besessen und erotisch – fünf bücher bei felix jud

Foto: Charly LeskeAlexander Graf Schönburg (l.) und Fritz J. Raddatz (1931–2015) in der Buchhandlung Felix Jud, Foto: Charly Leske
Am 26. Februar starb der große deutsche Feuilletonist und Autor Fritz J. Raddatz. Unseren Nachruf lesen Sie auf Seite 95. Vierzehn Tage vor seinem Tod stellte Raddatz im Gespräch mit Alexander Graf Schönburg sein soeben erschienenes Buch »Jahre mit Ledig. Eine Erinnerung « vor. Bei diesem flamboyanten Gedankenaustausch wurde die Literaturbesessenheit des Verlegers Heinrich Maria Ledig-Rowohlt jedem Zuhörer klar. Raddatz: »Er war es, der der Nachkriegsgeneration die Fenster zur Welt öffnete.« Und weiter: »Das war ein ganzer Kontinent von Literatur, den er uns geschenkt hat.« Den Verlag charakterisierte er mit den Worten: »Das Signalmoment dieses Verlages ist ein Stück Wahnsinn.«

 

 

fritz j. raddatz – jahre mit ledig / Eine Erinnerung
201504 01
Wer Bücher liest, interessiert sich meist auch für die Persönlichkeit ihrer Autoren – selten für ihre Verleger. Das könnte sich mit dem neuen Buch von Fritz J. Raddatz ändern. Als stellvertretender Cheflektor des Ostberliner Verlags Volk und Welt fühlt sich Raddatz bereits angezogen von dem »Riesenschnörkel« – der Unterschrift auf Briefen und Verträgen von Heinrich Maria Ledig-Rowohlt. Ende der fünfziger Jahre kommt es zur ersten Begegnung, 1960 ernennt Ledig-Rowohlt ihn zum stellvertretenden Leiter des Verlags. Raddatz über seinen Start in Reinbek: »Und ich steuerte in das phantastischste, phantasievollste Chaos meines Lebens, in eine fremdschöne, unheimlich-rätselvolle Liebesbezie hung, lasterlos, aber voller Hingabe: an die Literatur.« Neun Jahre dauert die kreative und lebendige Beziehung zu Ledig, die Raddatz als eine Ehe bezeichnet, die »auf Buchpapier geschlossen« wurde. Neue Autoren werden gewonnen, neue Reihen ins Programm aufgenommen. Raddatz liefert die Ideen, Ledig ermöglicht die Durchsetzung. Wunderbare Geschichten um Autoren und Verleger ziehen den Leser in ihren Bann. Für die Buchpremiere von Hubert Fichtes »Die Palette« mietete Raddatz den »Star-Club« auf der Reeperbahn. Ledig schaffte sich für den St.-Pauli-Besuch mit dem aus Frankreich angereisten Jean Genet einen schwarzen Lederanzug mit Reißverschlüssen und Ketten an. Im Verlag stand für Henry Miller eine Tischtennisplatte bereit. Die Partie mit dem Weltautor hatte Vorrang vor allem anderen. Das Treiben in den heutigen Verlagsetagen sieht anders aus. stern kMarina Krauth | Rowohlt, 144 Seiten, € [D] 16,95 | € [A] 17,50

 

alexander von schönburg – smalltalk / Die Kunst des stilvollen Mitredens
201504 02
»Fragen Sie nie ›Waren Sie schon im Urlaub?‹ oder ›Was machen Sie beruflich?‹ Das ist an Spießigkeit nicht zu übertreffen. « In einer Zeit, in der sich Kommunikation häufig auf SMS, Mail, Facebook, Twitter und Instagram beschränkt, lässt sich beobachten, dass sich Menschen oft sprachlos gegenüberstehen und schwer zu einer lebendigen Unterhaltung finden. Alexander von Schönburg widmet sich dem Smalltalk sowohl humorvoll wie geistreich. Unter Smalltalk versteht er keinesfalls ein oberflächliches Geplapper, sondern einen intelligenten Einstieg in ein Gespräch, das Menschen einander näherbringt und zu einem lohnenden Gedankenaustausch führt. Was haben Sie zum Feuilleton der »FAZ«, zu Luxushotels, zum Buddhismus, zu Sex und zur amerikanischen Außenpolitik zu sagen? Wie erklären Sie Einsteins Relativitätstheorie, ohne zu langweilen? Alexander von Schönburg hilft Ihnen mit Witz und Kenntnis auf die Sprünge. Wenn Sie es bisher noch nicht sind, werden Sie nach dieser Lektüre zum gefragten Unterhalter. stern kMarina Krauth | Rowohlt, 320 Seiten, € [D] 16,– | € [A] 16,50

 

leif randt – planet magnon
201504 03
Als 2011 sein Buch Schimmernder Dunst über Coby County erschien, war die Begeisterung im deutschen Feuilleton groß – er wurde als stilbildender Autor gefeiert, und die Journalistin Jana Hensel sah diesen Roman als Beginn einer neuen Ära in der deutschen Literatur. Auch schon vor diesem Durchbruch wurden die Texte von Leif Randt, 1983 in Frankfurt geboren, gefeiert und mit Preisen ausgezeichnet, darunter 2010 mit dem Nicolas-Born-Debütpreis für seinen Roman Leuchtspielhaus. Mit dem Erscheinen seines neuen Buches wird dieser junge Autor weiter an Aufmerksamkeit gewinnen. Planet Magnon spielt außerhalb unseres Sonnensystems. Sechs Planeten sind Schauplatz der Handlung. Sie sind bevölkert von Menschenkollektiven, die einer neuen Zeitrechnung unterliegen. Wir befinden uns im Jahr 48 nach Actual Sanity, kurz AS genannt. Es ist die Bezeichnung für ein intelligentes Computersystem, das das Leben auf den Planeten überwacht und reguliert. Ziel ist die totale Beherrschung der Emotionen. Sex ist erlaubt – Liebe verboten. Liebe bedeutet Trennungsgefahr, also Unglück. Aber es regt sich Widerstand – eine kleine Gruppe von Rebellen gründet das Kollektiv der gebrochenen Herzen. Unser Held Marten Elliot, der dem führenden Kollektiv Dolphin angehört, wird ausgesandt, um die Widerständler zu bekehren. Dabei lernt er die Anführerin kennen und scheint ihrem Charisma zu erliegen. Leif Randt hat sich an ein anspruchsvolles Genre gewagt und einen spannenden Science-Fiction- Roman geschrieben, der ein treffenderes Bild unserer heutigen Gesellschaft widerspiegelt als so manche Beziehungs- und Befindlichkeitsgeschichten anderer Gegenwartsautoren. Leif Randt stellt seinen Roman Planet Magnon am 23. April im Gespräch mit Ulrich Greiner bei uns in der Buchhandlung vor. Dieser Abend bildet den Auftakt zu einer neuen Veranstaltungsreihe »Junge Literatur bei Felix Jud«. stern kAnnegret Schult | Kiepenheuer & Witsch, 304 Seiten, € [D] 19,99 | € [A] 20, 60

 

hans henny jahnn – liebe ist quatsch / fluss ohne ufer
201504 04
Briefe an Ellinor. Hrsg. von Jan Bürger und Sandra Hiemer. | Seinerzeit war ich Mitherausgeberin der zweibändigen Briefausgabe, die 1994 im Rahmen der Werkausgabe im Hoffmann und Campe Verlag herauskam. Mit gut 1200 Briefen bot sie einen Querschnitt aus dem fast 20.000 Schriftstücke umfassenden Briefnachlass; eine – übrigens immer noch lieferbare – Ausgabe, die Jahnns Briefwerk umfassend zugänglich gemacht hat und ihn als einen bedeutenden literarischen Briefschreiber des 20. Jahrhunderts würdigte. Vor einigen Jahren konnte die Staats- und Universitätsbibliothek in Hamburg ein Konvolut der Familienkorrespondenzen aus Privatbesitz erwerben. Darunter die Briefe an seine Frau Ellinor Jahnn, die sicher zu den unerhörtesten in der Liebesbrief-Literatur gehören. Unter dem Titel Liebe ist Quatsch liegt nun eine Auswahl vor, die auch als Einstieg in Jahnns oft irritierende Gedanken- und Lebenswelt genommen werden kann. Der umfangreiche Briefwechsel des Paares ist Zeugnis einer tiefen Bindung, die trotz Krisen und Distanz annähernd vierzig Jahre von 1920 bis zu seinem Tod im November 1959 hielt. Die Briefe enthalten Liebesbekenntnisse ebenso wie Überlegungen, die bürgerliche Ehe zu überwinden und eine Partnerschaft zu entwickeln, die auch die Beziehung zu Dritten tolerieren und sogar integrieren sollte. Darüber hinaus enthalten die Briefe neben privaten und geschäftlichen Mitteilungen immer auch Reflexionen über das eigene Schaffen und die jeweilige gesellschaftliche und politische Lage der Zeit. Überraschend entdeckte ich bei der neuerlichen Beschäftigung mit Jahnn, dass Felix Jud, der Gründer unserer Buchhandlung, und der Schriftsteller sich gekannt und geschätzt haben. Eine erste Begegnung ergab sich über den »Kulturrat der Hansestadt Hamburg«, eine Organisation, die von den britischen Besatzungsbehörden im Januar 1946 initiiert worden war, um den Wiederaufbau und die Entnazifizierung des kulturellen Lebens der Stadt zu unterstützen. Als Erster Vorsitzender des Kulturrates war Felix Jud verantwortlich für die Ernennung Jahnns zum Ehrenmitglied im November 1946 im Phoenixsaal des Hamburger Rathauses. Durch diese offizielle Funktion erhielt Jahnn endlich ein Visum. Mit ihm konnte er erstmals seit 1941 wieder aus Dänemark nach Deutschland einreisen. Felix Jud war als Buchhändler auch Förderer und Vermittler der Werke Jahnns. In seinem Geschäft am Neuen Wall konnte man im Herbst 1949 die gerade erschienene erste Ausgabe Des Holzschiffs, den ersten Teil der Romantrilogie Fluß ohne Ufer, erwerben. Fluß ohne Ufer war Jahnns Hauptwerk jener Jahre, in denen er sich auf die Ostseeinsel Bornholm zurückgezogen hatte. In einem Brief vom 22. Oktober 1949 an seine Frau Ellinor zitiert Jahnn sogar den Buchhändler: »Jud übte mancherlei Kritik an den Büchern Weismanns. Er sagte wörtlich: ›Diese neueren Verleger müssen noch sehr viel lernen, ehe man sie in ihrem Beruf voll achten kann.‹ Er fand es unverzeihlich, daß der ›Waschzettel‹ im Katalog nicht zum Ausdruck bringt, daß mein Werk, der ›Fluß‹ als Dichtung, als Sprachschöpfung ›das‹ Überragende sei.« Als Buchhändler wusste Felix Jud, dass schlecht gemachte Bücher keine Verkaufschancen haben. Umso erfreulicher, dass endlich das »Romanungeheuer «, wie Jahnn seinen Fluß selbst nannte, in einer hochwertigen und handlichen Ausgabe vorliegt – sicher eine augenfreundliche Ausstattung, die den Buchhändler wie auch den Schriftsteller begeistert hätte. stern kSandra Hiemer | Hoffmann und Campe, 288 Seiten, 31 Abb. € [D] 24,– | € [A] 24,70

hans henny jahnn – fluss ohne ufer
201504 05
Roman in drei Teilen. Das Holzschiff. Die Niederschrift des Gustav Anias Horn, nachdem er neunundvierzig Jahre alt geworden war. Epilog. Hrsg. von Ulrich Bitz und Uwe Schweikert. Hoffmann und Campe, 2144 Seiten, € [D] 130,– | € [A] 133,10

 

was bei lehmkuhl auf dem flügel liegt…

niki sheehan – mein plan zur rettung der unsichtbaren freundin von nebenan (ab 11 Jahren)
201504 01
Wir sehen sie nicht. Wir hören sie nicht. Sie können harmlos sein oder gefährlich. Die besten Kumpel oder bösartige Monster. Tatsache ist: Es gibt sie. Unsichtbare Freunde, die sich in den Köpfen fantasiebegabter Kinder einnisten und dort ihr Unwesen treiben. Das jedenfalls denkt die ABUP, die »Abteilung für bösartige unsichtbare Personen«. Aber was, wenn das alles gar nicht stimmt? Wenn Klaris, das unsichtbare Mädchen des Nachbarsjungen Floh, gleichzeitig seine beste Freundin ist? Sogar Joseph kann sie hören – und was er da hört, klingt alles andere als gefährlich. Gemeinsam beschließen die beiden, Klaris’ Unschuld zu beweisen. Die Zeit drängt, denn Flohs Vater hat bereits die ABUP informiert, und was das bedeutet, wissen beide: die Kappung. Und somit für Floh ein Leben ohne Fantasie. stern kKatharina Lemling | Carlsen Verlag, 272 Seiten, € [D] 13,99 | € [A] 14,40

 

jonathan crary – 24/7 / Schlaflos im Spätkapitalismus
201504 02
Dies ist kein Ratgeber für den guten Schlaf, keine »Schlafschule« und versammelt keine Gutenachtgeschichten für Erwachsene: 24/7 raubt Ihnen für eine Nacht die Ruhe, die der Autor Ihnen ansonsten gerne gönnt. Jonathan Crary, Professor für moderne Kunst und Theorie an der Columbia University in New York, hat einen inspirierenden Essay über den allgegenwärtigen Schlafmangel in einer beschleunigten Welt geschrieben. Er beschreibt mit vielen klugen Beobachtungen, wie sich ein globaler 24-Stunden-Takt an sieben Tagen in der Woche etabliert hat, der die Grenzen zwischen Tag und Nacht, zwischen Arbeit und Erholung, zwischen Werktag und Sonntag auflöst und das pausenlose Einkaufen und Kommunizieren zum Idealbild am neoliberalen Himmel erhebt. Der wird nicht dann nicht mehr dunkel und finanziell geplündert. Zwei Stunden des nächtlichen Schlafes hat der moderne Mensch in den vergangenen hundert Jahren an diese kapitalistische Verwertungslogik verloren. Acht Stunden bleiben immerhin für den Traum von einem besseren Leben. Das dann allerdings tagsüber erkämpft werden muss stern kMichael Lemling | Wagenbach, 112 Seiten, € [D] 14,90 | € [A] 15,40

 

ljudmila ulitzkaja – die kehrseite des himmels
201504 02
Dieses Buch kommt zur rechten Zeit! Ljudmila Ulitzkaja ist eine der bekanntesten und wichtigsten zeitgenössischen Autorinnen Russlands, die – in Moskau lebend – so viel erklären, so viel an persönlichen, aber auch politischen Eindrücken und Einschätzungen über ihr Heimatland weiterzugeben vermag, dass die Lektüre mehr als lohnt. Das Buch ist Autobiografie und Essaysammlung zugleich. Mehr als dreißig kürzere Texte fügen sich zu einem starken Auftritt: Zunächst sind es die sehr persönlichen Erinnerungen der 1943 geborenen Russin, in denen sie uns die Wurzeln ihrer jüdischen Familie vorstellt. Lesen wird für die Heranwachsende ein Raum der Freiheit, der größeren Dimension, die den beengten Alltag verdrängen kann. Als studierte Genetikerin arbeitet die junge Frau nicht lange, die kritische Beobachterin wird sich als Autorin und einflussreiche Intellektuelle durchsetzen. Mit ihren ins Deutsche übersetzen Romanen Die Lügen der Frauen, Daniel Stein und zuletzt Das grüne Zelt ist Ljudmila Ulitzkaja auch bei uns längst zu einer authentischen politisch-kritischen Erzählerin avanciert. Bei der Lektüre ihres neuen Buches profitieren wir von ihrer melancholischen Abgeklärtheit, egal ob sie uns die russische Weltliteratur in wenigen Strichen zu skizzieren weiß oder ob sie mutig und kritisch unterschiedlichste Facetten der mitunter menschenverachtenden Putin-Ära beschreibt. Ljudmila Ulitzkaja ist in diesen Texten direkt, emotional, persönlich betroffen, und doch mischt sich schon eine milde Altersweisheit in ihre Beobachtungen, die einen das Leben in all seinen Facetten erkennen lassen. stern kMechthild Heinen | Hanser Verlag, 224 Seiten, € [D] 19,90 | € [A] 20,50

 

t. c. boyle – hart auf hart
201504 02
T. C. Boyle schreibt in seinem neuen Roman mitten aus der US-amerikanischen Kleinstadtgesellschaft über einen Außenseiter, der nicht nur – wie die meisten in seiner Umgebung – Angst vor Überfremdung in Person der mit Drogen handelnden Mexikaner hat, sondern in allem und jedem Feinde sieht. Wohl fühlt er sich nur schwer bewaffnet in seinem Haus am Waldrand, in dem er sich gegen die Aliens von außen schützt. Trotz seines Einsiedlerdaseins verliebt er sich in die Verschwörungstheoretikerin Sara, die seine Ansichten teilt, wenn auch nicht in der Radikalität, mit der Adam sie verfolgt. Endgültig in die Einsamkeit des Waldes zieht er sich zurück, als seine Eltern – sein Vater ist pensionierter Schulleiter und Vietnamveteran – das Haus der verstorbenen Großmutter verkaufen, in dem sich Adam bisher verschanzt hat. Spätestens jetzt droht alles komplett außer Kontrolle zu geraten, da sich Adam immer mehr als einsamer Waldläufer sieht, der nur von Gegnern verfolgt wird. T. C. Boyle erzählt in klarer Sprache eine bis zur letzten Seite spannende Geschichte, deren Ausgang zwar nicht unbedingt unerwartet, aber umso packender ist. stern kGeorg Ottmann | Hanser Verlag, 395 Seiten, € [D] 22,90 | € [A] 23,60

 

nina gruener – lulu & pip
201504 02
Luisa, genannt Lulu, lebt in einer großen Stadt. Pip ist Lulus beste Freundin und überall dabei. Pip ist kunterbunt und aus Stoff, sie ist Lulus Puppe … Heute ist ein besonderer Tag: Gemeinsam mit Mama und Papa (und natürlich Pip) geht es los in den Urlaub. Keine gewöhnliche Reise, sondern ein Abenteuer in der Wildnis mit Lagerfeuer, einem Himmel voller Sterne und einem 1-2-3-Sprung zu den Forellen in den grünen Fluss. Lulus neuer Freund heißt Pedro. Er ist keine Puppe, sondern ein Esel, ein echter, versteht sich. In ihrem wunderbaren Foto-Bilderbuch fängt Nina Gruener zusammen mit der Fotografin Stephanie Rausser das Glück eines ganzen Sommers ein. Es sind die kleinen unaufgeregten (und darum umso aufregenderen) Momente, die den Weg direkt ins Herz und in die Erinnerung schaffen. Ein Rascheln im Busch, der Kakao in der Sonne vor dem Zelt, Wasserfrösche und … alles zusammen mit Pip, versteht sich. Und beim Einschlafen nur ein Gedanke: an Morgen und einen neuen Tag voller Abenteuer. stern kKatharina Lemling | Bohem Press, 56 Seiten, € [D] 14,95 | € [A] 15,40

 

john williams – butcher’s crossing
201504 02
Das ist herrlich harter Tobak: Butcher’s Crossing heißt der neue, jetzt von dtv ins Deutsche übertragene Roman von John Williams aus dem Jahre 1960. Wir kennen von diesem Autor das wunderbare Buch Stoner. Das »neue« ist in seiner literarischen und thematischen Wucht ein sattes Schwergewicht in diesem Lesefrühjahr. Es ist ein Buch, das es mit jedem spannenden Western auf sich nehmen kann, das in dieser literarischen Gattung Kultstatus erlangen wird und den Leser kurzfristig mit Haut und Haaren in eine andere Welt katapultiert: Wir sind im Jahr 1872, »in the middle of nowhere«, und begleiten einen labilen Bostoner Jüngling auf seiner Suche nach dem wahren »Kick«, den ihm das Leben als wohlerzogener junger Mann in der Ostküstenstadt nicht bieten kann. Gemeinsam mit vier Männern bildet er einen Treck, der auf Büffeljagd geht. Dieses Unternehmen wird zu einem Überlebenskampf, den Mensch und Tier nur unter härtesten Bedingungen bestehen können – und nicht alle! Dass die Geschichte auch für nicht westernerprobte Leser zu einer atemberaubenden Reise wird, ist der bemerkenswerten und sehr besonderen Schreibkunst des Autors zu verdanken. Selten liest man so einfühlsame, sensibel formulierte und eindringliche Naturbeschreibungen. Das Miteinander von Mensch und Tier, der Staub, die Sonne, die erbarmungslose Kälte des Winters in der Prärie – Williams ist ein Meister der Sprache. In dieser Geschichte geht es dabei nicht nur um den Überlebenskampf in der Weite von Kansas. Die großen Themen Gier, zerstörerische Übertreibung, lebensnotwendige Verlässlichkeit, Enttäuschung und Versagen bedrängen den Leser. Ein wirklich großartiges Buch, für Männer wie für Frauen! stern kMechthild Heinen | dtv, 368 Seiten, € [D] 21,90 | € [A] 22,60

 

new york, taormina, tokio, wien und 69 hotelzimmer – bei leporello

arno geiger – selbstporträt mit flusspferd
201504 01
Wie sind die Ansichten eines 22-Jährigen? Zur Liebe, zum Leben, zu einem Flusspferd? Warum hatte ich die ganze Zeit das Gefühl, in einem Murakami zu wohnen? Das Buch beginnt allmählich, langsam, bedächtig, aber in die Tiefe gehend – den Markt zu erobern. Protagonist ist der 22-jährige Vorarlberger Julian, Student der Veterinärmedizin in Wien. Verletzt durch die Trennung von seiner Freundin, gerät er in eine obskure Gesellschaft. Er füttert und versorgt das Flusspferd eines todkranken Professors. Der und dessen Tochter sind eine existenzielle Herausforderung für den jungen Mann an der Schwelle zum Erwachsenenleben. Die Sprache von Arno Geiger ist ruhig und gleichzeitig beharrlich im Herausschälen von Einsichten. Geiger schreibt in seinem Buch in einer Karatepassage: »So müsste man schreiben können, einfach unpoliert. Ich kenne niemanden der das professionell beherrscht« Ich schon! stern kErwin Riedesser | Carl Hanser Verlag, 288 Seiten, € [D] 19,90 | € [A] 20,50

 

michael glawogger – 69 hotelzimmer
201504 01
Der Filmregisseur Michael Glawogger ist im Alter von 54 Jahren während Dreharbeiten in Liberia 2014 an Malaria gestorben. Er war einer der renommiertesten Dokumentarfilmer der Gegenwart (u. a. Megacities, Workingman’s Death, Whores’ Glory). Jetzt erschien sein Debütroman posthum in Zusammenarbeit mit Glawoggers Ehefrau Andrea und mit einem Nachwort von Eva Menasse. Es sind Episoden eines Reisenden rund um den Globus, der Stil wird mit Kerouac verglichen, dessen Buch Unterwegs könnte als Vorbild gedient haben. Gestalter des Buches ist Andreas Töpfer, dessen Bücher wurden von der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet und gehören auch zu den »Schönsten Büchern Norwegens «. Der Papierbezug ist in fluoreszierender Farbe gestaltet, das Buch lässt sich in dunklen Hotelzimmern leicht finden: es leuchtet in der Nacht. Der Roman richtet sich an alle, »die unter 496 Sendern ihres Fernsehers keinen finden, den sie sehen wollen«. stern kErwin Riedesser | Andere Bibliothek, 408 Seiten, € [D] 42,– | € [A] 43,20

 

murasaki shikibu – die geschichte vom prinzen genji
201504 01
Lieben Sie Liebesromane? Wenn ja: Darf’s auch mal von früher sein? Aus dem 11. Jahrhundert? Aus Japan? Ja, da hätte ich etwas Besonderes, etwas besonders Kostbares. In Ausführung und Inhalt. In zwei Bänden. Liegt in der Hand wie ein Juwel. Ein Buchjuwel. Natürlich Fadenheftung und Schmuckschuber, handelt es sich doch um den ersten Roman der Weltliteratur und um den ersten psychologischen Roman der japanischen Literaturgeschichte. Ersteres gilt als umstritten, Zweiteres als unumstritten. Genji Monogatari hat nach wie vor einen festen Stellenwert in der japanischen Kultur und gilt als eines der herausragendsten Werke. Der wahre Name der Verfasserin ist unbekannt; man weiß nur, dass sie Hofdame der Kaiserin war. Sie wurde von der Nachwelt Murasaki getauft. Dies vermutlich deshalb, weil eine der Angebeteten des Prinzen im Buch Murasaki heißt. Der Prinz ist zweifellos den Frauen verfallen, wie wir den wunderbaren Büchern in unserem 5 plus Magazin. stern kErwin Riedesser | Manesse, 1928 Seiten € [D] 59,95 | € [A] 61,70

 

thomas raab – s†ill / Chronik eines Mörders
201504 01
Still ist nichts in dem Buch. Und ruhig geht es schon gar nicht zu. Auch mit friedlich ist nichts beschrieben. Denn die erstaunliche Geschichte von Karl Heidemann, dem Gequälten, einem scheinbaren Monster mit der Gabe des unfassbaren sensiblen Gehörs, ist dunkel. Sehr dunkel und blutig. Hier bäumt sich Frankensteins Monster (in vielen Interpretationen als bemitleidenswertes unschuldiges Opfer dargestellt) auf und rächt sich für das Unrecht. Still ist sie nicht, die Rache, sie schreit verzweifelt nach Liebe, mit dem unstillbaren Durst dessen, der, sich gegen das Unrecht wehrend, wieder Unrecht verursacht. Auf die Frage, ob er schon mit Vergleichen konfrontiert wurde (Süskind, Das Parfüm, Schneider, Schlafes Bruder, Ernst, Anima) meinte der Autor in seiner stillen, demütigen Art, er fühle sich geehrt, weise aber den Vergleich mit seinen so großen und berühmten Autorenbrüdern bescheiden zurück. Thomas Raab hat lange an diesem Buch geschrieben, es endet still, aber nicht dunkel. Es beginnt dennoch mit dem Satz »Der Tag, an dem Karl starb, war ein guter Tag.« Aber das hat seinen Grund. stern kErwin Riedesser | Droemer, 368 Seiten, € [D] 19,99 | € [A] 20,60

 

richard stark – the hunter
201504 01
Parker ist Verbrecher, und er braucht deswegen keine Therapie. Er ist, was er ist. Ein Energiebündel mit Maschinenhirn. Er könnte Hero aus einem Comic von Alan Moore sein, allerdings würde ihn dieser Status wenig interessieren. Er ist der gradlinigste Mensch des Universums, sein Ziel ist Geld. Und die konventionelle Art, Geld zu kriegen, ist nicht seine Sache. Er ist eindimensional, das macht ihn so sexy. Er tötet nicht gern, aber wenn Not am Mann ist, ist Tod am Mann zu vollziehen. Und zwar ohne Florett, das braucht Parker nicht. Ein Loch im Körper, ein schneller Dreh des Genicks tut’s auch. Das Leben lässt ihn nicht feiern. Donald Westlake, der Autor mit dem Stark-Pseudonym, hat es offenbar gefallen, einen wie den Parker dauernd in die Bredouille zu bringen. Aber die Arschkarte haben dann doch die anderen. Ich bekenne, ich habe Parker in den sechziger Jahren in der gelben Ullsteinreihe konsumiert. Heute erscheint er hochnobel bei Zsolnay in neuer Übersetzung, cool wie Parker selbst. Wer die Hunter-Verfilmung Point Blank (Parker heißt da Walker) mit Lee Marvin gesehen hat, hört heute noch seinen stetigen, bedrohlichen Schritt auf dem Weg zur notwendigen Rache. Ohne Emotion, wie ein programmierter Roboter. stern kErwin Riedesser | Zsolnay, 192 Seiten, deutsche Ausgabe, € [D] 17,90 | € [A] 18,40

 

paul theroux – der fremde im palazzo d’oro
201504 01
Und wieder ist es ein Protagonist um die zwanzig Jahre, der sich in eine Geschichte verstrickt. In eine Geschichte um eine schöne Frau, eine Geschichte, die in Taormina spielt, die an D. H. Lawrence erinnert, auch von der Atmosphäre der sizilianischen Stadt mit dem flirrenden Ambiente sonnendurchfluteter Straßen in mörderischer Hitze. »Amour fou« wird in Wikipedia folgendermaßen definiert: »Eine Liebe, die nach gewöhnlichen Maßstäben nicht vernünftig ist, da sie entweder keine Aussicht auf Bestand hat, oder nicht erkennbar ist, was die Verliebten auf Grund ihrer Gegensätzlichkeit (zum Beispiel Altersunterschied oder unterschiedlicher sozialer Status) miteinander verbindet.« Wikipedia hat damit die berauschte Verwirrtheit des jungen Amerikaners genau getroffen, der sich mit der älteren Gräfin in Situationen begibt, die den Autor zwingen, die feine Sprache zu verlassen und ihre körperliche Liebe mit Worten der Fleischeslust zu benennen, die undeutlich nicht sein brauchen. Das Buch endet philosophisch, über das Vergehen. Im Hintergrund sehe ich das Flusspferd von Geiger, schwitzend im weißen sizilianischen Licht. stern kErwin Riedesser | Hoffmann und Campe, 176 Seiten, € [D] 18,– | € [A] 18,50

 

librium empfiehlt

kurt guggenheim – alles in allem
201504 01
Anfang der siebziger Jahre – gerade sechzehn Jahre alt – lebte ich für ein Zwischenjahr in Zürich. Meine Mutter gab mir bei der Abreise den Roman Alles in Allem von Kurt Guggenheim mit und empfahl mir diese Lektüre, um etwas von Zürich zu verstehen. Da ich ganz auf mich alleine gestellt war, in einem Haushalt arbeitete, wo ich zum Personal zählte und also keinen Familienanschluss hatte, blieb viel Muße für diese über tausendseitige Romanchronik, die Zürich in vier Kapiteln von 1900 bis 1945 darstellt. Ich versank in diesem wunderbaren Werk, das sich über fünfundvierzig Jahre bewegende Geschichte erstreckt, dargestellt an hundertvierzig Menschen, viele davon mit einem realen Hintergrund, neben mir den aktuellen Stadtplan. Ich tauchte ein in diesen Kosmos von verschiedenen Religionen, gesellschaftlichen Schichten, politischen Wirrnissen und städteplanerischen Umwälzungen. Am Ende der Lektüre verspürte ich die schmerzliche Leere, die nur gelungene Literatur hinterlässt. Bei der zweiten Lektüre, etwa drei Jahrzehnte später, staunte ich über die Komplexität und die aktuelle Bedeutung dieses Meisterwerks und fragte mich zugleich, was ich in meinem jugendlichen Alter wirklich verstanden hatte, eine Frage, die wohl den meisten »Wiederlesern« bekannt ist. Auch Kurt Guggenheim, 1896 in Zürich geboren, und bis zu seinem Tod 1983 in Zürich lebend, war erst sechzehn Jahre alt, als er begann, ein außerordentlich literarisch orientiertes Tagebuch zu führen. Ab 1930 widmete er sein Leben ganz dem Schreiben. 1946, nachdem er schon einige Romane veröffentlicht hatte, schrieb er an seinen Verleger Friedrich Witz: »Ich will zwischen 50 und 60 einen grossen, modernen schweizerischen Struktur- und Generationenroman schreiben. Das Problem für mich ist, die ihm adäquate neue Form zu finden. « Und wie ihm dies gelungen ist! Von 1952 bis 1955 erschien der Roman in vier Teilen, nach dem Erscheinen des letzten Teils erhielt er für das Werk 1955 den Zürcher Literaturpreis. Doch lesen Sie selbst, folgen Sie Aaron Reiss, dem Alter Ego Guggenheims, durch diese fünfundvierzig Jahre in Zürich, lassen Sie sich von seiner Liebesgeschichte, seinen Hoffnungen und Enttäuschungen ergreifen, Sie werden es nicht bereuen! stern kSusanne Jäggi | Huber, 1088 Seiten, € [D] 42,95 | € [A] 42,95
 
Zum sechzigjährigen Jubiläum des Romans erschien Anfang 2015 eine Werkausgabe des Autors: Kurt Guggenheim: Die gesammelten Werke im Schuber, 8 Bände Herausgegeben und kommentiert von Charles Linsmayer Huber, 3556 Seiten, € [D, A] 120,– Außerdem empfehlenswert: 60 Jahre Alles in Allem. Zürich im Spiegel von Kurt Guggenheims Romanchronik und weiteren literarischen Werken des 20. Jahrhunderts. Eine Ausstellung von Charles Linsmayer im Museum Strauhof, Augustinergasse 9, 8001 Zürich. Noch bis zum 31. Mai 2015

 

juli zeh – nachts sind das tiere
201504 01
Es gibt kaum eine Schriftstellerin im deutschsprachigen Raum, die sich konsequenter in die Politik einmischt und die Phänomene der modernen Gesellschaft schärfer analysiert als Juli Zeh. Ob sie nun der Frage nachgeht, welchen Einfluss soziale Medien auf uns haben und was in Zukunft im Zeitalter der Digitalisierung von uns bestehen bleibt; ob sie Bildungswesen, Europapolitik oder den Aufschwung anderer Kulturen wie China oder den arabischen Raum beleuchtet; diese in den vergangenen zehn Jahren entstandenen Essays und Reden widerspiegeln ziemlich genau, was unsere Gesellschaft heute bewegt. In dieser Sammlung lernen wir aber auch sehr persönliche Seiten von Juli Zeh kennen: Wir begegnen ihrem Sohn und ihrem Mann, begleiten die Autorin auf einem Streifzug durch ihre Heimatstadt Bonn, erleben den Literaturbetrieb im Allgemeinen und ihr eigenes literarisches Arbeiten im Besonderen. Egal ob nun ein Thema von größter politischer Brisanz oder nur für das Individuum relevant ist, Juli Zeh ermutigt die Leser, sich eine eigene Meinung zu bilden, und erachtet die (Entscheidungs-)Freiheit stets als oberstes Gebot. stern kDoris Widmer | Schöffling, 288 Seiten, € [D] 22,95 | € [A] 23,60

 

ian mcewan – kindeswohl
201504 01
An einem Sonntagabend im Juni wird die geordnete Welt von Fiona Maye zweifach aus dem Gleichgewicht gebracht. Jack, ihr Mann, möchte ihre Zustimmung zu einer außerehelichen Affäre. Aufgewühlt versucht sich Fiona, die als angesehene Familienrichterin am High Court in London tätig ist, auf die Überarbeitung eines Urteils zu konzentrieren, als vom Gericht ein Anruf kommt. Ein Krankenhaus benötigt dringend eine richterliche Verfügung für eine Bluttransfusion. Der Leukämiepatient Adam ist erst 17 Jahre, und seine Eltern, Zeugen Jehovas, lehnen die lebensrettende Behandlung strikt ab. Lieber nehmen sie den Tod ihres Sohnes in Kauf, als gegen die Regeln ihrer Religion zu verstoßen. Fiona prüft gewissenhaft die Argumente beider Seiten, wägt rational ab und beschließt, den Jungen selbst anzuhören. Die Begegnung löst in beiden unerwartete Emotionen aus. Die äußerst bereichernde Lektüre dieses schmalen Romans, der schlicht und klar daherkommt – kein Wort ist zu viel und jedes am richtigen Platz –, löst Denkprozesse und Fragen aus, die lange nachhallen. stern kBarbara Maurer | Diogenes, 224 Seiten, € [D] 21,90 | € [A] 22,60

 

oren lavie – der bär, der nicht da war
201504 01
Zuerst ist da ein Juckreiz mittlerer Größe. Der Juckreiz kratzt sich an einem Baum, und dadurch beginnt er zu wachsen. Er wächst und wächst, bekommt einen Pelz, Arme und Beine und wird schließlich zu einem Bären. In seiner Tasche findet der Bär einen Zettel mit folgender Notiz: »Bist du ich?« und weiter »Hilfreiche Winke, nach denen man suchen sollte: 1. Ich bin ein sehr netter Bär, 2. Ich bin ein glücklicher Bär, 3. Ich bin sehr hübsch«. »Wie schön«, sagt der Bär »Ich hoffe, ich bin ich.« Auf der Suche nach sich selbst begegnet er einem bequemen Bergrind, einem saumseligen Salamander, dem vorletzten Vorzeige-Pinguin, und schließlich wird er vom trägen Schildkröten-Taxi geradeaus gefahren, und das ist genau, wo er hinwill. Oren Lavie, 1976 in Tel Aviv geboren, ist Komponist, Theaterregisseur und Schriftsteller. Harry Rowohlt hat den Text genial übersetzt, und Wolf Erlbruch, ein Künstler, der sich immer in spannender Weise weiterentwickelt und verändert hat, illustrierte dieses großformatige Bilderbuch über einen sehr sympathischen Bären wunderbar mit filigranen Bildern. Eine philosophische Trouvaille für Jung und Alt. stern kAndrea Kalt | Kunstmann, 48 Seiten, € [D] 16,95 | € [A] 17,50

 

linus reichlin – in einem anderen leben
201504 01
Mit In einem anderen Leben legt Linus Reichlin einen Coming-of-Age-Roman vor. Der Schweizer Autor wurde mit dem 2008 erschienenen Krimi Die Sehnsucht der Atome einer breiteren Leserschaft bekannt. In seinem neuesten Werk begleiten wir den Protagonisten Luis auf seinem Weg zum Erwachsenwerden. Er wächst als Einzelkind mit schrecklichen, sich im Ehegrabenkrieg befindlichen Eltern auf. Der Vater ist ein Trinker, und als die Mutter nach einem Unfall zu einem komatösen Pflegefall wird, bricht die Familie vollends auseinander. Luis, nun ein junger Mann, flieht und versucht sich fortan selbst über Wasser zu halten und seine unglückliche Kindheit und Jugend zu vergessen. Doch seine Dämonen folgen ihm, der sich ein anderes Leben aufzubauen vermochte, in einem anderen Land. Und sie stören sein vermeintliches Glück, seine Beziehungen, bis er sich endlich seiner Geschichte stellt. Ein kluger und wundersam berührender Roman darüber, wie stark wir von unserer Herkunft geprägt werden und warum es sich lohnt, sich damit auseinanderzusetzen, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. stern kLaurin Jäggi | Galiani, 380 Seiten, € [D] 19,99 | € [A] 20,60

 

schleichers buchhandlung | kohlhaas & company

joseph roth – reisen in die ukraine und nach russland
201504 01
Ende der zwanziger Jahre bereiste Joseph Roth im Auftrag der »Frankfurter Zeitung« eine Region, deren politische Entwicklung ihn Jahre zuvor mit Enthusiasmus und Hoffnung erfüllt hatte (und in der er 1894 geboren wurde, in Brody, damals K.-u.-k.-Monarchie, heute Ukraine). Jetzt war die russische Revolution seit Jahren vorbei, und die Niederschrift seiner Reiseerfahrungen veranlasste Walter Benjamin zu der nicht ganz hämefreien Bemerkung, Roth sei als überzeugter Bolschewist nach Russland gekommen und kehre als Royalist in den Westen zurück. Roth und Benjamin waren einander nicht sonderlich zugetan. Beim Lesen dieser Berichte wird aber deutlich, dass es eine Reise der Desillusionierung war. Gleichwohl sind Roths Beobachtungen von jener kristallinen sprachlichen Genauigkeit, die auch seinen Romanen und Erzählungen eigen ist. Ob es um Prostitution, Zeitungszensur oder das ärmliche Leben der russischen Bauern geht: Immer ist eine vorurteilslose Einfühlsamkeit spürbar, die den heutigen Leser unmittelbar berührt. Natürlich kann man das Buch nicht zur Hand nehmen, ohne an die gegenwärtige Entwicklung in Joseph Roths Geburtsregion zu denken. Und man liest: »Die Ukrainer, die in Rußland, in der Tschechoslowakei, in Rumänien vorhanden sind, verdienten gewiß einen eigenen Staat, wie jedes ihrer Wirtsvölker. Aber sie kommen in den Lehrbüchern, aus denen die Weltaufteiler ihre Kenntnisse beziehen, weniger ausführlich vor als in der Natur – und das ist ihr Verhängnis.« (siehe auch ab Seite 22) »Textura« heißt diese wunderbar gestaltete Reihe des Beck Verlags, in der Joseph Roths Reisenotizen erschienen sind. Textura heißt Gewebe, und treffender könnte der Name nicht sein für eine Sammlung, die sich um randständige Texte von Sappho, Boccaccio, Kafka und Trakl über die Klassiker der Moderne bis in die Gegenwart kümmert, jeweils hervorragend kommentiert und grafisch exquisit ausgeführt (den vorliegenden Band eröffnet in der Klappbroschur eine Karte der Sowjetrepubliken um 1923). Ein ornamentreiches Gewebe der Weltliteratur, an dem wir, lesend, mitwirken. stern kGerhard Wilhelm | Herausgegeben von Jan Bürger | C. H. Beck, 2015, 136 Seiten, € [D] 14,95 | € [A] 15,40

 

luftsprünge – eine literarische reise durch europa
201504 01
Europa, dieser kleine und dicht besiedelte Kontinent, Europa, so heißt es im Vorwort des Herausgebers Thomas Geiger, Programmkurator des Literarischen Colloquiums Berlin, zu dieser umfangreichen, sehr eindrücklichen Anthologie, »ist einer der abwechslungsreichsten und schönsten Großräume der Erde geblieben«. Europa – das ist überbordende Sprach-, Kulturund Lebensvielfalt. Aus dieser Vielfalt erwächst Europas Stärke, und diese Bandbreite gilt es zu verstehen. »Dieses europäische Lesebuch möchte dazu beitragen, über reale, aber auch über Sprachgrenzen hinweg, den Blick für diese Vielfalt zu öffnen.« Aber wie vermisst man diesen Kontinent? Geografisch, historisch, politisch, kulturell? Halten wir uns an die Sprachen: 35 bekannte sowie unbekannte Autoren aus ebenso vielen Ländern sind mit Texten aus jüngerer und jüngster Zeit in dem auch ästhetisch schön gestalteten Band versammelt und repräsentieren auf ihre Art diesen erst seit 25 Jahren wieder vereinten Kontinent. Ausgesucht wurden die Beiträge einzig ihrer literarischen Qualität wegen: Colm Tóibín, Tomas Espedal, Davide Longo, Melinda Nadj Abonji, Georgi Gospodinov, Jurij Andruchowytsch, Eva Menasse, Zsófia Bán und viele, viele andere laden uns ein, mitzukommen in die Lebens-, Gefühls- und Sprachwelt ihres jeweiligen Landes. Über Europa kann man allerdings nicht erzählen, ohne und gerade auch von den großen Umbrüchen, schwierigen Übergängen, hohen Erwartungen und enttäuschten Hoffnungen zu sprechen. Auch davon zeugen diese Texte: erzählend, essayistisch, lyrisch, jeder von herausragender literarischer Klasse. Gegenwartsautoren haben es oft schwer, außerhalb ihrer Sprachgrenze wahrgenommen zu werden. Damit dies überhaupt gelingt, bedarf es der »stillen Helden des Literaturbetriebs: der Übersetzer, ohne die ein Projekt wie dieses unmöglich wäre«. Entstanden ist eine poetische und politische Vermessung Europas, eine Geländeermittlung und Positionsbestimmung. Das Buch möchte Neugierde erwecken auf Unbekanntes und neu zu Entdeckendes und Lust machen auf das (Weiter)Lesen, das Reisen und das Sprachenlernen. Es gilt, den Blick für diesen großartigen Lebensraum zu schärfen. Das ist ausnahmslos gelungen. stern kSilke Grundmann-Schleicher | Herausgegeben von Thomas Geiger | dtv premium, 2015, 384 Seiten, € [D] 16,90 | € [A] 17,40

 

heinrich august winkler – geschichte des westens. die zeit der gegenwart
201504 01
Heinrich August Winkler hat jetzt mit Die Zeit der Gegenwart seine vierbändige Geschichte des Westens zum Abschluss gebracht. Diese zukunftsorientierte Vergangenheitsvergewisserung, ein monumentales, einzigartiges und sprachlich brillantes Werk, ist geprägt durch einen Mehrfachcharakter. Einerseits stellt es die Geschichte unter die Perspektive der Durchsetzung der Menschenrechte und Demokratie und ihrer Dementierungen, andererseits ist es ein Handbuch, das die Ideen-, Ereignisund Machtgeschichte historiografisch neu betrachtet. Es liefert einen Ariadnefaden durchs Labyrinth des geschichtlichen Chaos. Der Historiker erweist sich als Ordnungsdenker und bestätigt: Ein standortfreier Historiker ohne Perspektive ist unmöglich und erst das macht ihn bedeutend. Der vierte Band hat den Anspruch, einen Beitrag zur Ortsbestimmung der Gegenwart zu leisten, er beschreibt die Jahre 1991 bis 2014. Wie immer bei Winkler geschieht das in beeindruckender Dichte und Informationsfülle. Heinrich August Winkler ist sich dabei bewusst, dass er als Historiker mit der Einordnung und Bewertung der unmittelbaren Zeitgeschichte dünnes Eis betritt, denn die Quellenlage dazu ist vielfach nicht ausreichend. Doch dies macht auch den besonderen Reiz seines Werkes aus, denn als Kommentator des laufenden geschichtlichen Prozesses nimmt Winkler, wie schon so oft, die Position des öffentlichen Intellektuellen ein. In der Summe können wir als Leser und Öffentlichkeit dieses Werk nicht hoch genug bewerten und dem Gelehrten und streitbaren Intellektuellen dafür nur dankbar sein. Die Geschichte des Westens sollte nicht nur in vielen Bücherschränken stehen, sondern auch gelesen werden. stern kChristian Richter | C. H. Beck, 2015, 687 Seiten, € [D] 29,95 | € [A] 30,80

 

thomas wolfe – von zeit und fluss
201504 04
Eugene Gant, dessen Kindheit Thomas Wolfe in Schau heimwärts, Engel erzählt, macht sich zu Beginn des großen Romans Von Zeit und Fluss auf den Weg nach Harvard: ein Schritt aus der Familie heraus in ein neues Leben, aber auch aus dem konservativen Süden der USA in den sagenhaften fortschrittlichen und modernen Norden. Von dort wird Eugenes Weg weiterführen in das New York der zwanziger Jahre und schließlich nach Paris. Wolfes Buch ist die großartige Geschichte einer Jugend, der Entwicklung einer Persönlichkeit, die um ihre Unabhängigkeit in einer turbulenten Welt kämpft. Im rhythmischen Wechsel aus Überschwang und Verknappung erzählt Wolfe ein Leben, das sich voller Hoffnung und Erwartung der Welt öffnet, das niemals ruhen, sondern alles erfahren will. Von Zeit und Fluss ist nicht nur Bildungsroman; es ist vielleicht das, was dem Projekt der »Great American Novel« am nächsten kommt: ein ausuferndes, faszinierendes Porträt eines fast schon mythischen Amerikas, das keinen Leser unberührt lassen wird. stern kStefan Degenkolbe | Manesse, 2014, 1193 Seiten, € [D] 39,95 | € [A] 41,10

 

amos oz – judas
201504 04
»Dies ist die Geschichte der Wintertage Ende des Jahres 1959, Anfang 1960. In dieser Geschichte gibt es Irrtum und Lust, es gibt enttäuschte Liebe, und es gibt so etwas wie die Frage nach Religiosität, die hier unbeantwortet bleibt.« So der Beginn des neuen Romans Amos Oz’, und schon hat er uns Leser eingefangen. In diesem Winter gibt Schmuel Asch, 25 Jahre jung, sein Studium, das er mit einer Arbeit über Jesus aus jüdischer Sicht abschließen wollte, in Jerusalem auf. Seine Eltern können ihn nicht weiter finanziell unterstützen, die Freundin hat ihn verlassen, um einen früheren Freund zu heiraten. Schmuel denkt daran, aus Jerusalem wegzugehen. Er bleibt, als ihm eine ungewöhnliche Aufgabe angeboten wird: Im Hause des alten, gebrechlichen, aber intellektuell vollkommen präsenten Gershom Wald wird er gegen Kost und Logis dessen nächtlicher Gesprächspartner und Vorleser und verliebt sich in dessen ebenso schöne wie kühl kapriziöse und seelisch schwer verletzte Schwiegertochter Atalja Abrabanel. Wir ahnen es: Es wird eine ganz und gar unmögliche Liebe. Der eigentliche Protagonist des Romans aber ist Judas Ischariot, der Archetypus des Verräters. Der Verrat ist das zentrale Thema dieses Buches, und nur ein Autor von Oz’ Format ist in der Lage, dieses Motiv so grandios und gleichzeitig unaufgeregt minimalistisch – drei Zimmer, eine Küche, drei Protagonisten – historisch, politisch und psychologisch zu öffnen. Aber wer ist ein Verräter? Und was bewegt Menschen, andere, und nicht selten die engagiertesten, des Verrats zu bezichtigen? War Judas ein Verräter? Amos Oz gibt eine sehr kontroverse, ja provokante Antwort: »Nämlich, dass manchmal gerade der, den man einen Verräter nennt, der loyalste, liebevollste und treueste von allen ist.« Und damit nicht genug: »Judas Ischariot ist das Tschernobyl des Antisemitismus … Ich hatte das Bedürfnis, diese ganze Sache auf den Kopf zu stellen.« Amos Oz hat in diesem Roman die existenziellen Themen seines Landes und Volkes in eine atmosphärisch dichte und starke Geschichte verwandelt, die souveräne Parallelführung historischer und gegenwärtiger Themen und Motive lässt eines erkennen: Dies ist Weltliteratur. »Die hebräische Sprache ist mein einziges Zuhause«, sagt Amos Oz. Danke, Miriam Pressler, dass wir Einlass finden. Man wiederholt sich mit der Frage: Wann wird dieser Autor endlich in Stockholm gebührend für sein literarisches Lebenswerk geehrt? Geben wir die Hoffnung nicht auf, Amos Oz ist 75 Jahre jung. stern kSilke Grundmann-Schleicher | Suhrkamp, 2015, 323 Seiten, € [D] 22,95 | € [A] 23,60

 

Buchhandlung Zum Wetzstein

SEBASTIÃO SALGADO – GENESIS
201504 01
Am Anfang war das Wort. Das Wort schafft Bilder. Und Bilder können Wörtern gleich erzählen. Genesis – Anfang, Geburt, Schöpfung: der Ursprung der Welt. Der derzeit wohl renommierteste Schwarz-Weiß- Fotograf Sebastião Salgado versammelt in diesem atemberaubenden Bildband die letzten Naturräume der Welt und schafft mit seinen Fotografi en viel mehr als Abbilder des Natürlichen: Er erzählt mit ihnen die Entstehung der Welt. Salgado, sozial engagierter Wirtschaftswissenschaftler und Fotograf, arbeitete nahezu zehn Jahre an diesem Projekt. Jahre, in denen er, fotografi sch reisend, archaische Unberührtheit in Landschaften, bei Naturvölkern und Tieren suchte und diese in ihrer Komplexität festhielt. Seine Sujets fand er unter anderem in der Arktis, dem Sudan, dem Volk der Zo’é im Regenwald Brasiliens und im Majestätischen des afrikanischen Großwilds. Zur Großartigkeit der Darstellung gesellen sich Verletzlichkeit, ja Zerbrechlichkeit. Diese wirken kontrastierend, wenngleich nie aufdringlich, auch immer als leiser Imperativ. Ein Imperativ der Vorsicht und der Sorgfalt – auf der Reise dieses Künstlers zu den Ursprüngen des Lebens. Salgado selbst meinte zu seiner Genesis, dass hier die Natur durch seine Kamera sprach. Und er? Er durfte, er konnte zuhören. | Taschen, 520 Seiten,  [D] 49,99 |  [A] 51,40

 

HOMER – ILIAS. ODYSSEE | HOMER – ODYSSEE
201504 01
Und dann steht er da. Nach zehn Jahren. Verkleidet als Bettler betritt er seinen Palast in Ithaka und fi ndet ihn voller Freier, die nach Macht und Liebe gieren, seine Frau Penelope zur Gattin nehmen und seinen Thron besteigen wollen. Er, der König. Er, der vielgewanderte Mann, „welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung, vieler Menschen Städte gesehn, und Sitte gelernt hat, und auf dem Meere so viel unnennbare Leiden“ erduldete. Er, Odysseus. Der Ausgang dieser ursprünglichsten aller Reisen ist bekannt, hat sie sich doch nach vermutlich 2800 Jahren als eine der ältesten und einfl ussreichsten Dichtungen tief in das kulturelle Gedächtnis der abendländischen Kultur eingebrannt. Noch immer fasziniert diese Erzählung in ihren ganzen Abgründen einer Irrfahrt, ihrer Schönheit der Gesänge und ihrer langen Geschichte einer Liebe. Es sind unsere kleinen Odysseen des Alltags, welche die Aktualität dieses Werkes immer wieder unterstreichen. Die Odyssee ist menschlich, allzu menschlich und deshalb immer wieder, immer noch, immer von Neuem lesenswert. | Insel, 957 Seiten,  [D] 68,– |  [A] 70,– | Manesse, 448 Seiten,  [D] 29,95 |  [A] 30,80

 

DANTE ALIGHIERI DIE – GÖTTLICHE KOMÖDIE | DANTE ALIGHIERI – LA COMMEDIA/DIE GÖTTLICHE KOMÖDIE
201504 01
Es gibt in der Literatur viele berühmte erste Sätze. Erste Sätze ermöglichen den Eintritt in eine Welt. Es gibt aber auch einen Satz, der beides zugleich ist, Anfang und Ende kennzeichnet: „Auf halbem Weg des Menschenlebens fand ich mich in einen fi nstern Wald verschlagen, weil ich vom rechten Weg mich abgewandt.“ Dante. Die Göttliche Komödie. Dieses Werk eröffnet uns einen literarischen Kosmos, der hinsichtlich seiner poetischen und symbolischen Komplexität und Schönheit seinesgleichen sucht. Dante wird vom römischen Dichter Vergil begleitet auf seiner Reise durch die Sphären des Jenseitigen. Vergil führt ihn von der Hölle durch den Erdmittelpunkt, vorbei an Lucifer, hin zum Läuterungsberg, dem Fegefeuer, bis ins Paradies. Auf dieser Reise, die unerschöpfl ich an philosophischen, theologischen und politischen Diskursen scheint, begegnen die Wanderer im Jenseits auch Homer und Ovid, Helena und Paris, Alexander dem Großen und Thomas von Aquin. Sie begegnen im Tod dem Leben. Und der letzte Satz? „Der hohe Flug des Schauens brach; schon aber war jeder Wunsch und Wille mir ergriffen von Liebesgewalt, die still und einig im Kreise die Sonne führt und alle Sterne.“ | Manesse, 1200 Seiten,  [D] 29,90 |  [A] 30,80 | Reclam, 3 Bände, Prosa,  [D] 89,– |  [A] 91,50

 

ROBERT WALSER – DER SPAZIERGANG | CARL SEELIG WANDERUNGEN MIT ROBERT WALSER
201504 01
Langsamkeit. Beim Gehen lieber eine Schildkröte mit sich führen, als sich von der Hektik der Umgebung mitreißen zu lassen. Robert Walser war Flaneur im Sinne Poes, Baudelaires und Benjamins, ein spazierender Revolutionär der Zeit. Heiter, zugleich verletzlich und traurig durchmisst sein Spaziergang die Wegstrecke eines Tages. Walser taucht ein in das Gesehene – en passant. Es sind die Nebensächlichkeiten, die er, geführt von einer Schildkröte, ins Zentrum seines Schreibens rückt. Fast zwanzig Jahre lang wanderte Carl Seelig mit Robert Walser. Die Wegbetrachtungen sind neben alltäglichen Gedankengängen und Ausfl ügen in die Geschichte der Literatur ein Zeugnis großer Freundschaft. Walser zu Seelig: „Etwas mäßiger im Tempo! Wir wollen dem Schönen nicht nachrennen. Es soll mit uns gehen.“ Robert Walser starb beim Spazierengehen. Er wurde im Schnee gefunden. Die Fußabdrücke waren verweht. Carl Seelig verdanken wir, dass uns die Spuren dieses fl anierenden Dichters erhalten blieben, bewahrte er doch so Walsers Prinzip des Beiläufi gen und gab dem scheinbar Bedeutungslosen seine Bedeutung zurück. | Suhrkamp, 85 Seiten,  [D] 14,80 | Suhrkamp, 185 Seiten,  [D] 15,95 |  [A] 16,50